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Porsche und Volkswagen Ferdinand Piëchs letzter Triumph

25.03.2007 ·  Mit dem Übernahmeangebot an die Aktionäre von Volkswagen plant Porsche-Erbe und VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch einen Coup. Glückt der, ist er am Ziel seiner Wünsche und schafft einen deutschen Autokonzern unter Kontrolle seines Clans.

Von Georg Meck
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Wendelin Wiedeking liebt es, sein Publikum an der Nase herumzuführen. „Ein Schachspieler verrät seine Züge nie im voraus“, kokettiert der Porsche-Chef seit Monaten, wann immer er zu seinen weiteren Plänen bei Volkswagen gefragt wurde. Und gefragt wurde er in den letzten Wochen oft. Im Herbst 2005 war der kleine, aber höchst profitable Sportwagenhersteller beim vielfach größeren und weit weniger rentablen VW-Konzern mit 18 Prozent der Aktien eingestiegen. Seither hat er seine Anteile beharrlich aufgestockt.

Ein allgemeines Übernahmeangebot werde Porsche nicht abgeben, hatte Wiedeking stets gesagt. „Es gibt dafür keine Pläne“, beteuerte er noch auf dem Genfer Automobilsalon Anfang des Monats. Seit dem gestrigen Samstag gilt das alles nicht mehr. Nach einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung hat Porsche überraschend mitgeteilt, am Montag für eine weitere Milliarde Euro VW-Aktien zu kaufen. Wiedeking kontrolliert damit 31 Prozent an Europas Autohersteller. Das heißt: Porsche muss ein offizielles Übernahmeangebot unterbreiten. Das schreibt das Gesetz bei Erreichen der 30-Prozent-Schwelle vor. Und das werde Porsche auch in Kürze tun, kündigte der Vorstand am Samstag an.

„Vorteile, ohne die Identität Porsches zu gefährden“

„Die Aufstockung der Beteiligung am VW-Konzern ist ein logischer Schritt, um die Herausforderungen im weltweit hartumkämpfen Automobilmarkt noch besser bewältigen zu können“, sagte Wendelin Wiedeking dieser Zeitung. „Eine engere Anbindung von VW bringt für beide Partner Vorteile, ohne die Identität von Porsche zu gefährden.“ Zahlen will Porsche den VW-Aktionären nur den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestpreis: „Der beläuft sich für die Stammaktien voraussichtlich auf 100,92 Euro.“ Damit liegt er deutlich unter dem Kurs der VW-Aktie, der am Freitag bei 117 Euro lag.

Einen Aufschlag hält Porsche nicht für angemessen, schließlich hätten die VW-Aktionäre seit dem Porsche-Einstieg in Wolfsburg schon reichlich verdient: Der Kurs der VW-Stammaktien hat sich seither mehr als verdoppelt, der der Vorzugsaktien annähernd vervierfacht. Vorzugsaktien haben kein Stimmrecht, bekommen aber in der Regel zum Ausgleich eine höhere Dividende. Außerdem wolle man ja gar nicht alle Aktien kaufen, beteuert man bei Porsche. „Wir wollen die Mehrheit im Moment nicht.“ Wieder ist da die Betonung auf „im Moment“. Genauso wie bei allen bisherigen Schritten des Porsche-Mannes aus Stuttgart.

Zusammen, was zusammengehört: VW, Familie, Geld

Denn mit dem Coup vom Samstag schafft Wiedeking die Voraussetzung für die vollständige Übernahme von VW: Finanziell durch einen entsprechenden Kreditrahmen und organisatorisch über die Gründung einer Holding unter seiner Führung abgesichert. Unter dem Dach dieser Holding könnte zumindest auf mittlere Frist ein neuer gemeinsamer Autokonzern entstehen, kontrolliert zu 100 Prozent von den Familien Piëch und Porsche.

Ferdinand Piëch, Enkel des Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche, kommt damit dem Ziel eines einzigen großen Familienkonzerns einen weiteren Schritt näher. In seinen Augen rückt nun zusammen, was unbedingt zusammengehört: VW, Familie, Geld. In dieser Reihenfolge sortiert Piëch seine Prioritäten. Nicht nur der Sportwagenhersteller in Zuffenhausen gehört dem Clan. Die Familien Porsche und Piëch steuern über die Porsche-Holding in Salzburg zudem den größten Autohändler Europas.

Keine Flucht ins steuergünstige Ausland geplant

Für die Errichtung ihres neuen Autokonzerns hat der Porsche-Aufsichtsrat am Samstag die Gründung einer Holding beschlossen. Deren Sitz ist noch nicht geklärt. Aber versichert wird heute schon, man werde im Großraum Stuttgart bleiben und nicht in das steuergünstige Ausland fliehen. Auch über einen neuen Namen wurde noch nicht entschieden, Porsche soll darin jedenfalls nicht vorkommen. Die neue Obergesellschaft in der Rechtsform einer europäischen Aktiengesellschaft wird geschaffen, um die Beteiligungen an Porsche (100 Prozent) und Volkswagen (je nachdem) zu steuern.

Damit ist gewährleistet, dass Porsche als eigenständige Firma erhalten bleibt und nicht als Marke in einen vergrößerten VW-Konzern eingeht - irgendwo zwischen den Konzernmarken Audi und Lamborghini, „Porsche bleibt Porsche“, betont der Vorstand. Und diese Obergesellschaft muss dann theoretisch auch nicht der deutschen Form der Mitbestimmung unterliegen, wiewohl Porsche heute versichert, man wolle das deutsche Modell nicht verlassen. Begleitet wird das Übernahmeangebot von einem Bankenkonsortium unter Führung von Merrill Lynch, mit an Bord sind ABN Amro, Barclays, UBS sowie die Commerzbank. Zusammen sichern die Banken einen Kreditrahmen von 35 Milliarden Euro - genügend, um Volkwagen komplett zu übernehmen.

Land Niedersachsen will sein Aktienpaket behalten

In etwa vier Wochen wird Porsche das formelle Angebot abgeben. Vier bis zehn Wochen werden die Aktionäre Zeit haben, um zu entscheiden, ob sie Porsche ihre Anteile andienen oder nicht. Der zweite VW-Großaktionär, das Land Niedersachsen, hat bereits angekündigt, sein Paket von etwa 20 Prozent behalten zu wollen. Viel zu sagen hat Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Christian Wulff (CDU) in der neuen Konstellation freilich nicht mehr. Seine Macht zerbröselt spätestens mit dem Fall des VW-Gesetzes (siehe Kasten am Ende der Seite). Darauf vertraut Porsche. Darauf gründet die ganze Strategie des Sportwagenherstellers.

Der entscheidende Tag für den Coup vom Samstag war der 13. Februar, bestätigt Porsche. An diesem Tag hat der Generalanwalt im Europäischen Gerichtshof seinen Schlussantrag in Sachen VW-Gesetz vorgetragen: Er plädierte zur Freude Wiedekings für die Abschaffung des Gesetzes. Da das Luxemburger Gericht in der Regel dem Generalanwalt folgt, startete Wiedeking an jenem Tag im Februar die Aktion „VW-Übernahme“ - auch wenn er öffentlich noch Wochen später jede dementsprechende Absicht bestritten hat.

Die Folgen des VW-Urteils

Der entscheidende Baustein für die Strategie Porsches ist die Abschaffung des sogenannten VW-Gesetzes. Mit ihm hatte die Bundesregierung 1960 die Umwandlung des Volkswagenwerks in eine AG geregelt. Die Politik hat damals festgeschrieben, dass kein VW-Aktionär mehr als 20 Prozent der Stimmen in der Hauptversammlung geltend machen darf - unabhängig davon, wie viele VW-Anteile er tatsächlich hält. Gleichzeitig sind Satzungsänderungen nur bei einer Vierfünftelmehrheit möglich. Damit hatte das Land Niedersachsen mit seinem Aktienpaket in der Praxis ein Vetorecht im Konzern. Nichts lief in Wolfsburg ohne den Segen des jeweiligen Ministerpräsidenten. Potentielle andere Großaktionäre wurden abgeschreckt.

Die EU-Kommission sieht in dem Gesetz eine Behinderung des freien Kapitalverkehrs und hat Deutschland im März 2005 vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Am 13. Februar 2007 hat der Generalanwalt in Luxemburg seinen Schlussantrag vorgetragen - und die Auffassung bestätigt, dass das Gesetz gegen europäisches Recht verstößt. Dadurch fühlte sich Porsche ermutigt, weitere VW-Aktien zu kaufen: „Wir gehen davon aus, dass auch der Europäische Gerichtshof die Rechtswidrigkeit des VW-Gesetzes feststellen und die Bundesregierung zu einer Änderung oder Abschaffung des Gesetzes veranlassen wird.“ Das Urteil wird im Sommer erwartet.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.03.2007, Nr. 12 / Seite 35
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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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