22.02.2010 · In seiner Ohnmacht bringt der Lufthansa-Vorstand den Streik nun vor das Arbeitsgericht. Der Lokführer-Streik hat einst gezeigt, dass dieser Weg letztlich nur zu einer juristischen Materialschlacht führt. Besser wäre, beide Seiten bemühten sich um Deeskalation.
Von Holger AppelDreihundertfünfzig streikende Piloten am Tag genügten, hat die Lufthansa ausgerechnet, um die gesamte Flotte lahmzulegen. So viele bekommt die Spartengewerkschaft Vereinigung Cockpit locker zusammen für ihre Machtdemonstration, unter der am Montag Tausende Urlauber und Geschäftsleute gelitten haben. Eine Zeitlang sah es so aus, als würden die Positionen unversöhnlich auseinander liegen. Dabei sollte beiden Seiten klar sein: Ohne Pilot fliegt kein Flugzeug, aber ohne Lufthansa fliegt auch kein Lufthansa-Pilot.
Dass die Fluggesellschaft in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld alles unternimmt, um ihre Profitabilität sicherzustellen, müsste im Interesse ihres in allen Belangen weit vorne fliegenden Personals liegen. Auch hat die Lufthansa großzügige Arbeitsplatzgarantien in Aussicht gestellt.
Trotzdem nehmen die Flugzeugführer lieber Protestplakate in die Hand als das Steuerhorn. Ihre Forderung lässt sich auf einen Punkt bringen: Überall, wo Lufthansa draufsteht oder drin ist, soll nach deutschem Lufthansa-Tarif bezahlt werden. Die Interpretation ist so weitreichend, dass schon eine gemeinsame Vermarktung von Flügen hierfür ausreichte. Eine Tochtergesellschaft in Italien, die nur in Italien fliegt, wäre der hohen Entlohnung unterworfen, die sich die Piloten der Kerngesellschaft über die (besseren) Jahre erarbeitet haben. Eine ausländische Gesellschaft, an der die Lufthansa beteiligt ist, dürfte nicht mehr nach Deutschland fliegen.
Konzernvorstand Lauer bezeichnet diese Einmischung in unternehmerische Entscheidungen zu Recht als „absurde Forderung“, bei der es - entgegen mancher Beteuerung der Gewerkschaft - natürlich um nichts anderes geht als um Macht und Geld.
In seiner Ohnmacht hat der Vorstand den Streik vor das Arbeitsgericht gebracht. Beim Lokführer-Streik führte dieser Weg letztlich nur zu einer juristischen Materialschlacht. Doch im Fall der Lufthansa scheinen beide Seiten um Deeskalation bemüht. Es wäre schön, wenn sich diese Einsicht in den Verhandlungen fortsetzt. Die Piloten sollten einsehen, dass ihr Verhalten unverhältnismäßig ist, und sich für ihren zweifellos anspruchsvollen Beruf mit realistischerem Blick an den Verhandlungstisch setzen - ohne dass Passagiere und Aktionäre leiden, die für diesen Streik wirklich kein Verständnis haben müssen.
Frank-Holger Appel Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
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