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Philipp Rösler Der Mann, der nur verlieren kann

 ·  Vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen könnte die Lage für den FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler nicht verfahrener sein: Scheitern die Liberalen, trägt er als Parteivorsitzender die Schuld. Gewinnen sie, triumphiert sein Gegenspieler Christian Lindner.

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Philipp Rösler musste als Erster springen, ganz freiwillig tat er es nicht. Er war der Älteste der drei, die für den Parteivorsitz in Frage kamen, und der Einzige, der schon als Minister am Kabinettstisch saß. Sie alle zauderten noch, als Guido Westerwelle am 3. April vorigen Jahres vom Amt des FDP-Vorsitzenden zurücktrat, um das Außenministerium für sich zu retten. Zwei Tage dauerte es, bis Rösler die Nachfolge beanspruchte, und weitere vier Wochen, bis der damalige Gesundheitsminister sich auch zum Griff nach dem Wirtschaftsressort entschloss - und dem Rivalen Rainer Brüderle zum Fraktionsvorsitz verhalf, dem einflussreichsten Amt, das eine Regierungspartei zu vergeben hat.

Dass die Aufgabe an der Parteispitze nicht dankbar sein würde, das wusste Rösler wohl selbst. War er nur zu schwach, um nein zu sagen? „Es war meine persönliche Entscheidung“, sagt er heute, fast entschuldigend. „Ich habe gesagt: Die Partei ist in einer schweren Zeit, deshalb musst du’s machen - wohl wissend, dass grundlegende Veränderungen auch ihre Zeit brauchen und im letzten Jahr schwierige Wahlen bevorstanden.“

Während der Parteichef vor der Tür steht

Noch nie wurde ein Politiker glücklich, der einer so lange dominierenden Figur wie Westerwelle nachfolgte. Bei der FDP kamen ein paar spezielle Probleme hinzu. Dem damals 32-jährigen Generalsekretär Christian Lindner, auf den viele Augen fielen, war das klar. Einen Vorgeschmack hatte ihm in jungen Jahren Jürgen Möllemann gegeben, der ihn als „Bambi“ verspottete. Ein „noch Unverheirateter, noch Kinderloser“, kokettierte Lindner, könne nicht Vorsitzender einer Regierungspartei werden - und wie ein „Klassensprecher“ aus der Staatslimousine steigen.

Philipp Rösler war verheiratet, er hatte Kinder - und ließ sich schubsen. Am 13. Mai 2011, einem Freitag, wählte ihn die FDP auf ihrem Rostocker Parteitag zum neuen Vorsitzenden. Genau ein Jahr später, am 13. Mai 2012, wird in Nordrhein-Westfalen ein neuer Landtag gewählt. Diesmal fällt das Datum auf einen Sonntag, der Kandidat heißt Christian Lindner, und Rösler kann eigentlich kaum noch gewinnen: Kommt die FDP im größten Land nicht ins Parlament, wird der Bundesvorsitzende dafür haftbar gemacht. Schafft die Partei dort aber den Sprung über die 5-Prozent-Hürde, dann wird es Lindners Verdienst sein: das Verdienst des Mannes, der Rösler als Generalsekretär von der Fahne ging - und der zum Spitzenkandidaten nominiert wurde, während der Parteichef vor der Türe stand.

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© dapd Vergrößern Christian Lindner, Spitzenkandidat der FDP bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen

Er setze auf Lindners Erfolg, sagt Rösler am Telefon, „das wird die FDP insgesamt stärken“. Er ist kurz vor Ostern endlich bei seiner Familie in Hannover, im Hintergrund hört man die Zwillingsschwestern spielen. Dem Ansehen der Politik habe nichts so sehr geschadet wie die Frage, mit der die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis eine große Koalition ausschloss: „Und wo bleibe ich dabei?“ Für ihn, Rösler, sei die Aufgabe wichtiger als die Person. Fast klingt es wie der Satz, mit dem sich Rudolf Scharping sehr tapfer über seine Abwahl auf dem Mannheimer SPD-Parteitag hinwegtröstete. „Es gibt Aufgaben, die größer sind als wir selbst.“

Mit seiner Rostocker Antrittsrede machte Rösler zunächst einigen Eindruck. Endlich ein neuer Ton, hieß es, leiser, freundlicher, weniger selbstgewiss. Aber dazwischen mischten sich merkwürdig schrille Akzente. „Ab heute wird die FDP liefern“, sagte der Mann, der mit den leeren Versprechungen eigentlich Schluss machen wollte. Und dann war da noch die Sache mit dem Frosch, den man nur langsam genug erhitzen müsse, um ihn gar zu kochen. „Und wenn er es merkt, dann ist es zu spät.“ Schon damals war klar, dass er mit dem Wasserdampf auf Angela Merkel zielte. Als Rösler ein knappes Jahr später den Präsidentschaftskandidaten von Grünen und SPD gegen die CDU-Kanzlerin durchsetzte und das für einen großen Erfolg hielt, sagte er das im Überschwang auch noch offen.

Streit mit den einstigen Weggefährten

Röslers erstes Amtsjahr war reich an solchen Ungeschicklichkeiten, und oft kam noch Pech hinzu. An den Beschlüssen zur Energiewende konnte er nichts mehr ändern, deshalb zettelte er die Nebendebatte um eine „Kaltreserve“ an. Ohne Not setzte er wieder die Steuersenkungen auf die Agenda, die angesichts neuer Mehrheiten im Bundesrat ohnehin nicht mehr durchzusetzen waren. In den Mitgliederentscheid über die Euro-Rettung stolperte er mehr hinein, als dass er die Debatte geprägt hätte - und zerstritt sich darüber mit seinen einstigen Weggefährten. Gesundheitsminister Daniel Bahr kritisierte im Parteivorstand das mangelnde Engagement des Chefs. Weil Rösler den Entscheid bereits vor dem offiziellen Ende für gescheitert erklärte, trat Lindner als Generalsekretär zurück. Dass es trotz des verfehlten Quorums eine Mehrheit für den Kurs der Parteispitze gab, bewahrte dem Vorsitzenden fürs Erste das Amt.

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