http://www.faz.net/-gqe-903py

Pflegenotstand im Krankenhaus : Auf Intensivstationen fehlen tausende Pfleger

Handschuhe gegen Keime: Pfleger auf einer Intensivstation in Berlin Bild: dpa

Die Hälfte der Kliniken hat Probleme, Fachpersonal für Intensivstationen zu finden. Jede vierte verfehlt Personalvorgaben. Was bedeutet das für die Patienten?

          Auf den Intensivstationen deutscher Krankenhäuser fehlen Tausende Pflegekräfte. Jedes vierte Krankenhaus reißt die Vorgaben für die Mindestbesetzung der Stellen. Für die nahe Zukunft ist keine Besserung, sondern eine Verschlechterung der Lage zu erwarten. Auf den Nenner lässt sich eine neue Befragung der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) bringen, die am Dienstag vorgestellt wurde. Deren Präsident Thomas Reumann sagt: „53 Prozent der Kliniken haben Probleme Pflegestellen im Intensivbereich zu besetzen.“ Gleichwohl kommt die Interessenvertretung der 2000 deutschen Kliniken zum Ergebnis: „Die Versorgung der Patienten ist objektiv gut.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Nach der Befragung, an der sich 314 Krankenhäuser mit Intensivstationen beteiligten, waren dort im Herbst vergangenen Jahres mehr als 3000 Vollzeit-Pflegestellen vakant und können nicht besetzt werden. Das ist annähend drei Mal so viel wie vor fünf Jahren: 2011 waren 2100 Stellen offen. Die offenen Stellen in der Intensivmedizin werfen ein Schlaglicht auf die miserable Besetzung der Pflege in den Krankenhäusern überhaupt. Laut Krankenhausgesellschaft können bundesweit derzeit an die 10.000 Stelle nicht besetzt werden.

          „Die Versorgung der Patienten ist objektiv gut“

          Trotz der vielen unbesetzten Stellen würden die medizinischen Vorgaben von zwei Patienten je Vollzeitpflegekraft „im Mittel in etwa“ erreicht. Der tatsächliche Wert wurde im Jahr 2015 mit 2,2 Patienten je Fachkraft leicht unterschritten. Im Mittel werde die empfohlene Quote von mindestens 30 Prozent Fachkräften in der Intensivpflege überschritten. 75 Prozent der Krankenhäuser erreichten diese Vorgabe, stellt die DKG fest und zieht daraus den Schluss: „Die Versorgung der Patienten ist objektiv gut.“ Gleichwohl erreicht damit auch jedes vierte Krankenhaus diese Vorgaben für die Intensivpflege nicht. Für Patienten kann das fatal sein: Sie wissen aber in aller Regel nicht, ob sie auf einer Station behandelt werden, die ausreichend personell besetzt ist.

          Aktuell könnten 3150 vorhandene Stellen in der Intensivpflege nicht besetzt werden. Da der Gesetzgeber neue Vorschriften für Personaluntergrenzen erlassen hat und deshalb die Zahl der Stellen in der Intensivpflege automatisch wachse, werde auch die Zahl der nicht besetzten Arbeitsplätze automatisch steigen.

          Auf den Stationen fehlen nicht nur Pfleger. Knapp ein Drittel der Krankenhäuser berichtete auch über Schwierigkeiten, genügend Mediziner zu finden. Bundesweit seien 600 Arztstellen in den Bereich derzeit offen, was etwa vier Prozent der Arbeitsplätze entspreche. Doch ist das nur ein  Bruchteil der unbesetzten Arbeitsplätze in der Intensivpflege.

          Reumann, der Präsident der Krankenhauslobby, rief dazu auf, den Beruf der Pflege nicht „schlechtzureden“. Und er verlangte mehr Geld für die Pflege von den Krankenkassen: „Es ist an der Zeit, dass Politik und Kostenträger ihre Verantwortung für die Pflegekräfte übernehmen.“ Die Politik verhalte sich widersprüchlich, beklagte er: Wer mehr Personal und Personaluntergrenzen fordere, der müsse auch deren Refinanzierung sicherstellen.

          Mehr Hilfe der Politik, vor allem also Geld, sei auch nötig, um den sich verschärfenden Fachkräftemangel entgegenwirken zu können. „53 Prozent der Kliniken haben Probleme Pflegestellen im Intensivbereich zu besetzen“, sagte Reumann. Andere Probleme wie die Belastung durch Bürokratie kämen dazu. Die müsse „endlich konsequent und mutig abgebaut werden“. Einmal in Schwung verlangte er auch gleich eine Extraförderung durch ein „Sonderprogramm ,Digitales Krankenhaus‘“. Damit solle die Digitalisierung beschleunigt werden, um so Personal zu entlasten und Dokumentationspflichten leichter zu bewältigen. Der Hauptgeschäftsführer der Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, beklagte eine unzureichende Refinanzierung der Kosten der Krankenhäuser, etwa durch Tariflohnsteigerungen.

          Die Bundesregierung hatte auf die wachsende Knappheit von Pflegepersonal in den Krankenhäusern bereits reagiert.  Mit einem im Frühjahr beschlossenen Gesetz wurden die Verbände der Krankenhäuser und -kassen verpflichtet, Untergrenzen für das Pflegepersonal in den Klinikbereichen festzulegen, in denen dies für die Patientensicherheit besonders notwendig sei. Intensivstationen oder die Besetzung im Nachtdienst waren dort eigens erwähnt. Zudem wird ein laufendes Förderprogramm für mehr Pflegestellen verlängert und aufgestockt. Krankenhäuser erhalten damit 830 Millionen Euro im Jahr, um dauerhaft mehr Personal zu beschäftigen. Zudem können krankenhausindividuelle Zuschläge vereinbart werden, wenn durch die neuen Personalmindestgrenzen in der Pflege Mehrkosten entstehen sollten, die nicht anderweitig finanziert werden.

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Mit dem Gen mitten ins Auge

          Gentherapie : Mit dem Gen mitten ins Auge

          Erst Krebs, nun also Blindheit: Gentherapien sind drauf und dran, in den Routinebetrieb der Kliniken einzuziehen. Doch Wunderheilungen dürfen die Patienten kaum erwarten.

          Vierte Amtszeit für Abe? Video-Seite öffnen

          Wahl in Japan : Vierte Amtszeit für Abe?

          Aus der vorgezogenen Parlamentswahl in Japan dürfte die nationalistisch-konservative Liberaldemokratische Partei von Ministerpräsident Shinzo Abe als Sieger hervorgehen. Für ihn wäre es seine vierte Amtszeit. Die Opposition hat keine echten Chancen.

          Topmeldungen

          SPD : Der wahre Sieger der Bundestagswahl

          So ein bisschen freuen sich die Sozialdemokraten über das katastrophale Ergebnis der Bundestagswahl. Endlich sind sie die Union los. In der Opposition soll alles besser werden.
          Christine Hohmann-Dennhardt, ehemals Daimler und VW.

          Absprachen-Verdacht : Die doppelte Kronzeugin im Autokartell

          Hinter den Selbstanzeigen von Daimler und VW steckt offenbar ein und dieselbe Person: Christine Hohmann-Dennhardt war an beiden Tatorten. Der Gelackmeierte im Spiel ist BMW.
          Im Alter jeden Cent umdrehen zu müssen - das befürchten viele Arbeitnehmer.

          Sinkendes Rentenniveau : Vorsorgen kann jeder

          Mit der gesetzlichen Rente kommen Pensionäre nicht mehr weit. Jeder zweite Single in Deutschland sorgt sich, seinen Lebensstandard im Alter nicht halten zu können. Dabei ist das gar nicht so schwer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.