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Altenpflege : Fachkräftequote verschärft Pflegenotstand

In der Pflege fehlen die entsprechenden Fachkräfte. Bild: dpa

Die Hälfte des Pflegepersonals muss aus Fachkräften bestehen. Doch von denen gibt es viel zu wenige. Das führt so weit, dass in Altenheimen eigentlich vorhandene Plätze unbesetzt bleiben.

          Plätze in Altenpflegeheimen werden vielerorts dringend benötigt. Denn immer mehr Alte brauchen im Alltag professionelle Hilfe. Dennoch bleiben Heimplätze unbesetzt, weil Fachkräfte fehlen. Ein Grund dafür ist nach Angaben des Bundesverbands privater Pflegeanbieter (bpa) die zu strikte Auslegung der Regel, wonach die Hälfte des Pflegepersonals Fachkräfte sein müssen. Wird die Quote von in der Regel 50 Prozent unterschritten, legt der Betreiber „freiwillig“ Betten still – falls nicht, tun das die Behörden. Neue Patienten dürfen dann nicht aufgenommen werden.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Der Fachkräftemangel verschärft dadurch den Pflegenotstand. „Mittlerweile müssen zahlreiche Pflegeheime die Versorgung pflegebedürftiger Menschen einschränken, da ihnen schlicht die Mitarbeiter fehlen“, sagte bpa-Präsident Bernd Meurer der F.A.Z. Das ist ein bundesweites Phänomen. Zeitungen berichten darüber schon länger, unter anderem aus Bremen, Kiel, Potsdam, Hannover oder München. Der „Aufnahmestopp im Pflegeheim“ trifft alle Anbieter, gleich ob die Betreiber kirchlich, gemeinnützig oder privat sind.

          Aus Potsdam gehen die Fachkräfte lieber nach Berlin, in den Feriengebieten Schleswig-Holsteins wandern sie in die besser zahlende Tourismuswirtschaft ab, und von Waldshut ist es nur einen Katzensprung über die Grenze in die wohlhabende Schweiz. „Wenn es um Personalunterhänge geht, gibt es ein objektives Problem“, zitiert die linksalternative „taz“ den Sprecher der Bremer Sozialbehörde. „Der Markt ist einfach leer.“ In einem Bremer Heim konnten deshalb im Juli nur 64 der 82 Betten belegt werden.

          „Bei der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit gibt es nur einen Beruf, bei dem die Deutschland-Karte komplett rot ist, das ist die Altenpflege“, sagt Meurer. Schon „das sichere Beherrschen der Grundrechenarten“ mache klar, dass die Zahl der pflegebedürftigen Menschen deutlich schneller steige als die der Pflegefachkräfte. Den Vorhalt, dann solle die Branche eben mehr und besser bezahlen, lässt er nicht gelten. Zum einen sei man an Mindestlohn, Tarife und die Refinanzierung durch die Pflegekassen gebunden, zum anderen helfe auch eine höhere Bezahlung dem allgemeinen Mangel kurzfristig nicht ab.

          Nachwuchssorgen hat die Branche nicht. Laut jüngstem Berufsbildungsbericht der Regierung ist die Zahl der Auszubildenden in der Altenpflege im vergangenen Jahr auf 68.051 gestiegen. Das sei binnen drei Jahren ein Zuwachs von mehr als einem Fünftel. Damit habe die Altenpflege auch die Krankenpflege überflügelt.

          Fachkräftequote müsse flexibler gehandhabt werden

          Meurer sieht das Übel vielmehr in den starren Personalquoten. Um auf die wachsende Lücke zwischen Betreuungsbedarf und Nachfrage nach Angeboten dafür zu reagieren, bedürfe es neuer Konzepte. Derzeit beziehen rund drei Millionen Menschen Leistungen aus der gesetzlichen und privaten Pflegeversicherung, gut 800.000 werden stationär betreut. Deren Zahl steigt jedes Jahr um etwa 10.000.

          Um sie auch künftig gut zu versorgen, müsse die heute starre Fachkräftequote flexibler gehandhabt werden, sagt Meurer. Konkret: Der Gesetzgeber solle den Heimbetreibern mehr Raum für die Anstellung von – in der Regel auch billigeren – Hilfskräften lassen. Dabei führe der Einsatz von mehr Hilfskräften nicht automatisch zu einer schlechteren Pflege.

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          Es komme daher nicht auf den Stellenschlüssel an, sondern darauf, dass in der Pflege die erforderliche Qualität „zu 100 Prozent“ erreicht werde. „Die Qualifikation der Beschäftigten muss sich nach den fachlichen Anforderungen richten, nicht nach starren Quoten.“ Einen Vorschlag, woran sich die von ihm verlangte „ideologiefreie Diskussion“ darüber orientieren könnte, hat der bpa-Präsident natürlich auch parat. Ausgangspunkt könnte der vom Familienministerium 2013 erstellte „Nationale Qualifikationsrahmen für die Pflege und Betreuung älterer Menschen“ sein. Dort ist beschrieben, welche fachliche Anforderung an welche Leistungen zu stellen sei. Beschrieben werden acht Niveaus. Sie reichen vom „Service im Lebensumfeld“ und „Persönlicher Assistenz“ bis zur „Steuerung und Gestaltung von hochkomplexen Pflegeprozessen und Leitung von Teams“ oder der Heimleitung.

          In der Betreuung und Begleitung Pflegebedürftiger, die den Hauptteil der tägliche Arbeit ausmache, seien die Ansprüche an die Qualifikation der Beschäftigten deutlich geringer als etwa bei der qualifizierten Krankenbeobachtung oder der Planung der Versorgung, sagt Meurer. Auf solche Unterscheidungen müsse eine intelligente Personalplanung aufbauen können, wenn das Ziel einer flächendeckenden und qualitativ hohen Pflege erreicht werden solle.

          Was Meurer gar nicht versteht, ist der Ruf mancher nach einer höheren Fachkräftequote. Statt besserer Versorgung sei dann Rationierung die Folge. „Mehr und mehr Menschen würden Pflege und Betreuung vorenthalten und damit die Verantwortung für deren Versorgung pflegebereiten Angehörigen überlassen.“ Wer, wie manche Berufsverbände, trotz Fachkräftemangels eine höhere Fachkraftquote fordere, der müsse „auch erklären, in welcher Reihenfolge er das bestehende pflegerische Angebot einschränken will“.

          Quelle: F.A.Z.

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