http://www.faz.net/-gqe-72pq0
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 08.09.2012, 19:22 Uhr

Peter Gauweiler Der Dickschädel

Ist das noch der alte Scharfmacher? Seit Peter Gauweiler gegen die Euro-Rettung kämpft, schätzen sogar die Linken seine Standfestigkeit. Wie kam es zu dieser Wandlung?

von
© Müller, Andreas Peter Gauweiler in seiner Münchner Kanzlei

Anfang Juli, am Abend vor der Verhandlung des Verfassungsgerichts über den Euro-Rettungsschirm trafen sich in dem badischen Ort Ettlingen zehn Herren und Damen zum Abendessen. Im Restaurant Erbprinz, keine Viertelstunde vom Karlsruher Gericht entfernt, stimmten sie sich bei einem guten Trollinger ein auf den Prozess, den sie alle ins Rollen gebracht hatten, jeder auf seine Art.

Da war Herta Däubler-Gmelin, SPD, lange Jahre Bundesjustizministerin, jetzt Prozessvertreterin des Vereins „Mehr Demokratie“. Da waren die Rechtsprofessoren Christoph Degenhardt und Dietrich Murswiek, ein Mann von den Grünen, und der SPD-Mann Peter Danckert. Neben Danckert saß Peter Gauweiler, CSU. Auf seinen Namen war der Tisch reserviert.

Die Stimmung der Tafelrunde war vorfreudig-aufgeregt, fast ausgelassen, erinnern sich Teilnehmer, ein rechter „Kamerad, weißt du noch?“-Abend sei es gewesen, sagt einer, obwohl ein Sieg völlig ungewiss war. Die Politiker versprachen einander: Morgen halten wir uns zurück. Keine politischen Grundsatzreden vor Gericht, es soll nur um die Verfassung gehen. Ohnehin hatten die Tischgenossen schon beim Dinner auf tagespolitische Debatten verzichtet, denn es gab nur ein Thema, über das sich alle einig waren: die irrsinnige, unbezahlbare, verfassungswidrige Euro-Retterei muss gestoppt werden.

Einst wetterte er gegen Linke, Drogensüchtige und Homosexuelle

Es gab Zeiten, da wäre eine vergnügliche Runde in dieser Zusammensetzung undenkbar gewesen - linke Politiker wie der SPD-Recke Danckert oder die „rote Herta“ zechen fröhlich mit Peter „Gauleiter“ Gauweiler, dem tiefschwarzen Ziehsohn von Franz Josef Strauß. Mit dem Mann, der einst einmal die Wehrmachtsausstellung in München verhindern wollte, der Kampagnen gegen Linke, Drogensüchtige und Homosexuelle führte und als geschäftstüchtiger Anwalt den Kundenstamm seiner Kanzlei an andere Anwälte verpachtete.

Heute erinnern sich an diesen Gauweiler aber nur noch Menschen, die noch das Schwarzweißfernsehen erlebt haben. Der neue Gauweiler kämpft schon lange nicht mehr für die Soldatenehre, er demonstrierte gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr in Jugoslawien oder reiste aus Protest gegen den drohenden Irak-Krieg nach Bagdad (“als Christ, nicht als Politiker“). Dieser Peter Gauweiler hatte auch immer irgendeine Beschwerde in Karlsruhe laufen gegen einen weiteren Schritt der europäischen Integration.

Jeder zweite Deutsche wünscht ihm einen Sieg

Seit die Euro-Krise so richtig ausgebrochen ist, klagen 37.000 Menschen mit ihm, und jeder zweite Deutsche wünscht ihm, einen Sieg. Gauweiler ist endgültig in der Mitte angekommen, oder vielleicht ist die Mitte auch bei ihm angekommen. Jetzt ist er nicht mehr der „Schwarze Peter“, jetzt lauscht man respektvoll seinem Urteil über EZB-Anleihenkäufe oder Spaniens Rufe nach Rettung. Und in den Berichten über das Karlsruher Urteil kommende Woche wird wieder stehen, dass sich unter den Zehntausenden Klägern diese und jene finden, solche und solche - und der CSU-Abgeordnete Peter Gauweiler.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nachruf auf Walter Scheel Der Unterschätzte

Spielerisch stieg Walter Scheel in höchste Regierungsämter auf und prägte die Bundesrepublik. Den meisten Deutschen ist ein Auftritt als Sänger in Erinnerung geblieben – das passt zu seinem Erfolgsrezept: unterschätzt zu werden. Ein Nachruf. Mehr Von Stefan Dietrich

24.08.2016, 18:32 Uhr | Aktuell
Konflikt in Kolumbien Regierung und Farc-Rebellen unterzeichnen Friedensplan

Die Regierung in Kolumbien und die linken Farc-Rebellen haben sich auf ein Friedensabkommen geeinigt. Das Abkommen soll den seit 50 Jahren anhaltenden Konflikt in dem lateinamerikanischen Land beenden. Mehr

25.08.2016, 15:46 Uhr | Politik
Bundesverfassungsgericht Österreicher bringt Freibad-Rabatt zu Fall

Ein Österreicher muss 2,50 Euro mehr Eintritt in einem Bad zahlen als bayerische Einheimische. Bis vors Verfassungsgericht hat er sich deshalb geklagt – und nun gewonnen. Mehr Von Reinhard Müller

23.08.2016, 16:44 Uhr | Aktuell
Kampf gegen den Terror Türkei startet Großeinsatz gegen den IS

Die Türkei hat mit einer Großoffensive gegen die Terrormiliz IS begonnen. Insgesamt sollen bereits mehr als 60 Ziele aus der Luft und vom Boden aus angegriffen worden sein. Mehr

24.08.2016, 19:47 Uhr | Politik
Champions League ohne Salzburg Wir waren mal wieder einfach zu dumm

Drei lächerliche Minuten fehlen Salzburg diesmal zum Einzug in die Champions League. Die Österreicher scheitern schon zum neunten Mal! Das wird Auswirkungen haben – auch auf den Standort Leipzig. Mehr

25.08.2016, 11:55 Uhr | Sport

Für den Steuerzahler

Von Kerstin Schwenn, Berlin

In Zeiten steigender Haushaltsüberschüsse sollte in Berlin das Bewusstsein dafür reifen, dass dieses Geld großenteils dem Steuerzahler gebührt. Die Leistungsträger haben das verdient. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“