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Peter Gauweiler Der Dickschädel

Ist das noch der alte Scharfmacher? Seit Peter Gauweiler gegen die Euro-Rettung kämpft, schätzen sogar die Linken seine Standfestigkeit. Wie kam es zu dieser Wandlung?

© Müller, Andreas Peter Gauweiler in seiner Münchner Kanzlei

Anfang Juli, am Abend vor der Verhandlung des Verfassungsgerichts über den Euro-Rettungsschirm trafen sich in dem badischen Ort Ettlingen zehn Herren und Damen zum Abendessen. Im Restaurant Erbprinz, keine Viertelstunde vom Karlsruher Gericht entfernt, stimmten sie sich bei einem guten Trollinger ein auf den Prozess, den sie alle ins Rollen gebracht hatten, jeder auf seine Art.

Da war Herta Däubler-Gmelin, SPD, lange Jahre Bundesjustizministerin, jetzt Prozessvertreterin des Vereins „Mehr Demokratie“. Da waren die Rechtsprofessoren Christoph Degenhardt und Dietrich Murswiek, ein Mann von den Grünen, und der SPD-Mann Peter Danckert. Neben Danckert saß Peter Gauweiler, CSU. Auf seinen Namen war der Tisch reserviert.

Die Stimmung der Tafelrunde war vorfreudig-aufgeregt, fast ausgelassen, erinnern sich Teilnehmer, ein rechter „Kamerad, weißt du noch?“-Abend sei es gewesen, sagt einer, obwohl ein Sieg völlig ungewiss war. Die Politiker versprachen einander: Morgen halten wir uns zurück. Keine politischen Grundsatzreden vor Gericht, es soll nur um die Verfassung gehen. Ohnehin hatten die Tischgenossen schon beim Dinner auf tagespolitische Debatten verzichtet, denn es gab nur ein Thema, über das sich alle einig waren: die irrsinnige, unbezahlbare, verfassungswidrige Euro-Retterei muss gestoppt werden.

Einst wetterte er gegen Linke, Drogensüchtige und Homosexuelle

Es gab Zeiten, da wäre eine vergnügliche Runde in dieser Zusammensetzung undenkbar gewesen - linke Politiker wie der SPD-Recke Danckert oder die „rote Herta“ zechen fröhlich mit Peter „Gauleiter“ Gauweiler, dem tiefschwarzen Ziehsohn von Franz Josef Strauß. Mit dem Mann, der einst einmal die Wehrmachtsausstellung in München verhindern wollte, der Kampagnen gegen Linke, Drogensüchtige und Homosexuelle führte und als geschäftstüchtiger Anwalt den Kundenstamm seiner Kanzlei an andere Anwälte verpachtete.

Heute erinnern sich an diesen Gauweiler aber nur noch Menschen, die noch das Schwarzweißfernsehen erlebt haben. Der neue Gauweiler kämpft schon lange nicht mehr für die Soldatenehre, er demonstrierte gegen Auslandseinsätze der Bundeswehr in Jugoslawien oder reiste aus Protest gegen den drohenden Irak-Krieg nach Bagdad (“als Christ, nicht als Politiker“). Dieser Peter Gauweiler hatte auch immer irgendeine Beschwerde in Karlsruhe laufen gegen einen weiteren Schritt der europäischen Integration.

Jeder zweite Deutsche wünscht ihm einen Sieg

Seit die Euro-Krise so richtig ausgebrochen ist, klagen 37.000 Menschen mit ihm, und jeder zweite Deutsche wünscht ihm, einen Sieg. Gauweiler ist endgültig in der Mitte angekommen, oder vielleicht ist die Mitte auch bei ihm angekommen. Jetzt ist er nicht mehr der „Schwarze Peter“, jetzt lauscht man respektvoll seinem Urteil über EZB-Anleihenkäufe oder Spaniens Rufe nach Rettung. Und in den Berichten über das Karlsruher Urteil kommende Woche wird wieder stehen, dass sich unter den Zehntausenden Klägern diese und jene finden, solche und solche - und der CSU-Abgeordnete Peter Gauweiler.

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