Wenn Herbert Demel kommt, ist die Krise schon da. Das war bei seinen Chefposten bei Audi und Volkswagen do Brasil der Fall. Das wird Demel in verschärfter Form beim krisengeschüttelten italienischen Autokonzern Fiat vorfinden, bei dem er am 15. November den Vorstandsvorsitz übernimmt. Veraltete Technik, vernachlässigte Marke, horrende Verluste - ein Himmelfahrtskommando.
Der aktuelle Arbeitgeber des gebürtigen Wieners, der kanadische Autozulieferkonzern Magna, dürfte nicht allzu begeistert sein, daß Demel schon wieder geht. Vor gerade elf Monaten hatte Demel bei der Magna-Tochtergesellschaft Magna Steyr in Oberwaltersdorf nahe bei Wien angeheuert. Die Automobilproduktion binnen zweier Jahre, also bis 2004, zu verdoppeln, hatte Magna-Chef Frank Stronach Demel auf die Fahnen geschrieben. Im Juli hat Magna Steyr die Serienproduktion des Saab 9-3-Cabriolets gestartet, demnächst geht die Fertigung des kleinen Geländewagens BMW X3 in Serie. Spätestens 2006 solle Magna Steyr an die Börse, hatte Demel noch vor vier Wochen auf der Internationalen Automobil-Ausstellung gegenüber dieser Zeitung bekräftigt.
Nun kommt es für Demel, der am 14. Oktober 50 Jahre alt wird, doch ganz anders. Nach Stationen in Stuttgart, Ingolstadt, São Paulo und Wien wird der promovierte Maschinenbauingenieur nach Turin umziehen. Erstmals hätten die Italiener schon im Sommer 2003 bei Demel angefragt, verlautet aus seinem Umfeld. Da wollte Demel aber noch die genannten Großprojekte auf die Schiene bringen. Als Fiat mit der Verpflichtung des Ford-Managers Martin Leach an der Wettbewerbsklausel in dessen Arbeitsvertrag scheiterte, hat Demel seine zweite Chance genutzt.
Schon einmal wäre der ehrgeizige Manager, der das Leben auch zu genießen weiß, gerne Chef eines großen Autokonzerns geworden: bei Volkswagen. Doch bei seinem Landsmann, dem langjährigen VW-Chef Ferdinand Piëch, war der eigenwillige Demel in Ungnade gefallen. Und das viele Jahre, bevor sich Piëch für Bernd Pischetsrieder als Nachfolger entschied. Während seiner Zeit als Audi-Chef von 1994 bis 1997 schien Demels Stern dem VW-Patron allzu hell zu leuchten. Demel hatte sich, 1990 von der Stuttgarter Robert Bosch GmbH zu Audi gewechselt, binnen dreier Jahre zum Entwicklungsvorstand hochgearbeitet. Als Franz-Josef Kortüm, Piëchs unmittelbarer Nachfolger als Audi-Vorstandsvorsitzender, nach nur dreizehn Monaten wegen eindeutig der Piëch-Ära zuzurechnender hoher Verluste das Amt quittieren mußte, schlug Demels Stunde. Er trug dazu bei, daß die Marke Audi ihr Image deutlich verbessern konnte. Unter seiner Ägide wurde der Sportwagen TT entwickelt. Doch 1997 schickte ihn Piëch mitten in einer schlimmen Wirtschaftskrise Brasiliens zu VW do Brasil, was mancher als "Strafversetzung" für den freiheitsliebenden Technikfan wertete.
Absprachen mit der Konzernzentrale in Wolfsburg hat Demel nie besonders geschätzt. Doch er hat sich auch später als Chef von VW do Brasil, wo er neue, modernere Fertigungen auf- und relativ lautlos Tausende Stellen abbaute, mit seinen Extratouren durchgesetzt. Die derzeit wieder angeschlagene brasilianische Tochtergesellschaft hilft heute dem Mutterkonzern mit ihrem Volkswagen Fox (früherer Arbeitstitel: Tupi) beim Nachfolgemodell für den Kleinstwagen Lupo aus der Patsche. Spätestens Anfang 2005 soll das in Brasilien entwickelte Auto nach Deutschland exportiert werden.
Diplomatische Qualitäten, wie sie zur Restrukturierung der veralteten Produktion in Brasilien notwendig waren, wird der Sohn zweier Psychoanalytiker in Italien brauchen können. Hier wie dort sind die Gewerkschaften stark und die Verbindungen zur Politik eng. Distanziert und kontrolliert - bis auf seinen hohen Zigarettenkonsum - schien Demel zumindest bisher wie einer, der nicht so leicht den Überblick verliert.
ANGELA MAIER