http://www.faz.net/-gqe-758tj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 22.12.2012, 09:08 Uhr

Personalberater klagen Manager belasten den Ruf der Wirtschaft

Personalberater kritisieren die Abgehobenheit mancher Manager. Sie fordern mehr Verantwortungsbewusstsein auf den Chefetagen - und Aufsichtsräte, die durchgreifen.

von
© dpa Gravitationszentrum des schlechten Rufs

Die Versicherungsgesellschaft Ergo belohnt erfolgreiche Vertreter mit Prostituierten auf Firmenkosten. Der Kommunikationschef von Thyssen-Krupp übernachtet während einer Dienstreise in einer 260-Quadratmeter-Luxussuite. Der Vorstandschef der Deutschen Bank beschwert sich beim hessischen Ministerpräsidenten über die Razzia der Staatsanwaltschaft. Das Bild, das die Wirtschaftselite des Landes in letzter Zeit in der Öffentlichkeit abgibt, ist wenig schmeichelhaft. Nun äußern auch sonst eher managerfreundlich gestimmte Kreise Kritik daran, wie einzelne Unternehmensvertreter den Ruf der Wirtschaft insgesamt belasten.

Julia Löhr Folgen:

„Was wir hier sehen, ist ein Fall von Realitätsverlust“, sagt etwa Hubertus Graf Douglas, der Deutschland-Chef der Personalberatung Korn Ferry, die Führungspositionen in Dax-Konzernen und mittelständischen Unternehmen besetzt. Die Führungskräfte verfielen dem Irrtum, dass sie unersetzlich seien und sich aufgrund ihrer Position über Regeln hinwegsetzen könnten. Ähnlich sieht es der Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann von der Technischen Universität Darmstadt: „Die Manager fühlen sich sicher. Sie haben das Gefühl, dass sie sich ihre Regeln selbst setzen können.“

Fragt man nach den Gründen für diese Abgehobenheit, wird häufig auf das abgeschirmte Leben verwiesen, das viele Führungskräfte führen. Morgens mit dem Fahrer ins Büro, mittags unterwegs in der Business-Class, abends Kamingespräch im Fünf-Sterne-Hotel. „Ich weiß nicht, wann so jemand das letzte Mal bei Rewe einkaufen war“, sagt Frank Dopheide, der mit seinem Unternehmen Deutsche Markenarbeit Führungskräfte in Imagefragen berät. Fast schon legendär ist in diesem Zusammenhang der Auftritt des früheren Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank, Clemens Börsig, der im Kirch-Prozess Mühe hatte, dem Richter seine Adresse samt Postleitzahl korrekt zu nennen.

„Du bist das Alphatier“

Häufig fehlt den Managern ein Korrektiv. Berater und Assistenten halten sich - mal in vorauseilendem, mal in eingefordertem Gehorsam - mit Kritik zurück. Der vermeintliche Freundeskreis ist nicht mehr als ein Geflecht alter Wegbegleiter, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Manager würden von ihrem Umfeld geradezu hofiert, beobachtet Dopheide - mit einer Botschaft: „Du bist das Alphatier.“

Die Vergütung trägt ihren Teil dazu bei, dieses Gefühl zu stärken. Deutsche Manager gehören in Europa mittlerweile zu den Spitzenverdienern, ergab eine Untersuchung von knapp 400 Unternehmen, die das Netzwerk Expert Corporate Governance Service durchgeführt hat. Nur die Vorstandsvorsitzenden in Großbritannien verdienen demnach noch mehr. Im Schnitt erhielten die Konzernlenker 2011 hierzulande 4,3 Millionen Euro, der europäische Durchschnitt lag bei 3,7 Millionen Euro. Deutschlands Topverdiener war Volkswagen-Chef Martin Winterkorn mit rund 17,4 Millionen Euro.

„Früher waren sich Manager ihrer Verantwortung für das Ganze stärker bewusst“, sagt Personalberater Douglas. „Heute geht es bisweilen zu sehr um die Frage: Was ist für mich persönlich drin?“ In die gleiche Richtung zielt die Kritik von Michael Kramarsch von der Beratungsgesellschaft Hostettler, Kramarsch & Partner. „Die Loyalität und Identifikation der Manager mit ihren jeweiligen Unternehmen sind gesunken“, sagt er. Wobei ihm wichtig ist, zu betonen, dass sich das Gros der Manager anständig verhalte.

Riesiger Ansehensverlust

Dass die schwarzen Schafe das Bild dominieren, hängt nach Einschätzung der Experten damit zusammen, dass die Toleranzschwelle der Gesellschaft sinkt. „Früher gab es ein Versprechen: Wenn es denen oben bessergeht, dann geht es auch denen unten besser. Das ist nicht eingehalten worden“, sagt der Darmstädter Elitenforscher Hartmann. Auch Vergütungsfachmann Kramarsch sieht die gegenwärtige Aufregung über das Verhalten von Managern in einem gesellschaftspolitischen Kontext: „Die Frage ist doch: Wie viel Unterschied kann ein reiches Land wie Deutschland aushalten?“ In einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Beamtenbunds zum Ansehen verschiedener Berufe landeten Manager auf einem der letzten Plätze. Keine andere Berufsgruppe verzeichnete in den vergangenen fünf Jahren einen derart großen Ansehensverlust.

Mehr zum Thema

Berater sehen nun vor allem die Aufsichtsräte in der Pflicht, wenn sich an diesem Zustand etwas ändern soll. Sie seien es, die Missstände frühzeitig erkennen und Konsequenzen ziehen müssten. Ob es unter diesen Umständen sinnvoll ist, dass ehemalige Vorstandsvorsitzende - ob sofort oder mit Verzögerung - in den Aufsichtsrat ihres Unternehmens wechseln, hält Hubertus Graf Douglas von Korn Ferry zumindest für diskussionswürdig. Deutlicher wird der TU-Professor Hartmann, der schon eine konkrete Vorstellung davon hat, wie der Neuanfang in Sachen Führungskultur in Deutschland aussehen könnte. Eine tragende Rolle kommt dabei Gerhard Cromme zu, dem Aufsichtsratsvorsitzenden von Thyssen-Krupp, der einst Vorsitzender der Regierungskommission für gute Unternehmensführung war. Hartmann ist sich sicher: „Wenn Cromme jetzt sagen würde: Ich habe Fehler gemacht, ich trete zurück, wäre das ein Signal, das man schwer übersehen könnte.“

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Kritik Amazon testet die 30-Stunden-Woche

Geringe Gehälter, exzessive Arbeitszeiten: Amazon hat schon oft Schlagzeilen wegen schlechter Arbeitsbedingungen gemacht. Nun testet der Onlinehändler in einem Pilotprojekt ein Teilzeitmodell für ganze Teams. Doch das hat auch seine Tücken. Mehr

27.08.2016, 11:03 Uhr | Wirtschaft
Pegasus Schadsoftware bedroht Millionen iOS-Geräte

Eigentlich gelten Apple-Produkte als sicher. Doch vor Kurzem wurde eine Schadsoftware entdeckt, die Hackern vollen Zugriff auf alle Daten ermöglicht. Die Schadsoftware mit dem Namen Pegasus kann auf das Gerät gelangen, wenn Nutzer im Safari-Browser einen präparierten Link anklicken. Am Freitag veröffentlicht Apple ein Update, das die Sicherheitslücke schließen soll. Mehr

27.08.2016, 10:41 Uhr | Wirtschaft
Start des Lehrjahrs 14.000 Ausbildungsbetriebe haben gar keine Bewerber mehr

Wie schlimm die Lehrlingsnot der Betriebe ist, wird zum Start des neuen Ausbildungsjahrs besonders deutlich. Industrie und Handel sind regelrecht alarmiert, weil mancherorts keine einzige Bewerbung mehr landet. Mehr

26.08.2016, 12:46 Uhr | Beruf-Chance
Ein Jahr Flüchtlingskrise Im Land der Helfer

Sie sind die Dienstleister der Kanzlerin: Ehrenamtliche, die seit einem Jahr Fulltime arbeiten. Doch was wird, wenn bald nichts mehr zu tun ist? Mehr Von Ralph Bollmann und Jenni Thier

26.08.2016, 19:11 Uhr | Wirtschaft
Mainz-Manager Schröder So ein Standing muss man sich über Jahre erarbeiten

Rouven Schröder ist der Nachfolger von Christian Heidel bei Mainz 05. Im FAZ.NET-Interview spricht der neue Manager über seinen Spitznamen, seine Zeit ohne Fußball und die kommende Saison. Mehr Von Daniel Meuren, Mainz

25.08.2016, 15:32 Uhr | Sport

Nach dem Golde drängt alles

Von Christian Siedenbiedel

Schon in Goethes „Faust“ heißt es: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“. Was aber rückt das Gold heute wieder so in den Mittelpunkt des Interesses der Anleger? Der Brexit? Sorgen um die Weltwirtschaft? Etwas ganz anderes? Mehr 1 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden