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Paul Otellini im F.A.Z-Gespräch „Wir stehen vor der wichtigsten Neueinführung seit dem Pentium“

07.06.2007 ·  „Silverthorne“, so heißt der neue Chip von Intel - jedenfalls vorläufig. Seine Bedeutung soll mit der des Pentium vergleichbar sein. Intel-Chef Paul Otellini im Gespräch mit der F.A.Z. über die wichtigste Produkteinführung seit langem, über neue Märkte, Partnerschaften und Schweizer Uhrwerke.

Von Uta Bittner und Carsten Knop
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Der größte Anbieter von Computerprozessoren der Welt steht vor der wichtigsten Produkteinführung seit dem Verkaufsbeginn der inzwischen eingestellten Pentium-Baureihe. „Der neue Chip mit dem Entwicklungsnamen „Silverthorne“ hat für uns eine Bedeutung, die nur mit dem 8088-Prozessor oder dem Pentium vergleichbar ist“, sagt Paul Otellini, der Vorstandsvorsitzende von Intel, im Gespräch mit der F.A.Z.

Das will etwas heißen. Denn Otellini neigt im persönlichen Umgang nicht zu Gefühlsausbrüchen oder zu Übertreibungen. Doch höhere Erwartungen kann ein Intel-Chef mit einer Produktneueinführung nicht verbinden: Der 8088 war immerhin der Chip, mit dem IBM einst seinen ersten Personalcomputer ausstattete. Gemeinsam mit dem zugehörigen Betriebssystem von Microsoft setzte dieser Prozessor überhaupt erst den Standard für die Eroberung der Arbeitswelt und später des Privatlebens durch den PC. Er begründete den Erfolg und die heutige Marktstellung von Intel. Mit dem Pentium schrieb das Unternehmen aus der kalifornischen Silicon-Valley-Gemeinde Santa Clara die nächste große Erfolgsgeschichte. Mit diesem Prozessor wurden PC multimediafähig.

Prozessor für eine neue Kategorie tragbarer Geräte

Nun also kommt Silverthorne. Das ist ein Prozessor, der eben nicht für den Einbau in traditionelle PC gedacht ist, sondern für eine neue Kategorie tragbarer Geräte, deren Rechenleistung höher ist als die heutiger Mobiltelefone, aber unterhalb derjenigen von Laptops liegt. „Damit zielen wir auf die obersten 10 bis 20 Prozent im Handygeschäft ab“, sagt Otellini – und meint damit sowohl die Leistungsfähigkeit als auch den Preis der Geräte. „Wir werden um Silverthorne eine ganze Produktfamilie bauen. Und wir werden die Chips zu niedrigen Kosten fertigen können. Denn sie nutzen schon vollständig unsere 45 Nanometer Produktionstechnik.“

Hierbei werden die Transistoren des Chips in Strukturen von 45 Milliardstel Metern auf eine Siliziumscheibe (Wafer) aufgetragen, was eine erheblich höhere Ausbeute je Wafer ermöglicht, als dies bei den heute in der Regel noch üblichen Strukturen von 90 oder 65 Nanometern der Fall ist. Für Otellini ist es wichtig, gerade beim Silverthorne-Projekt die Kosten im Auge zu behalten. Denn die durchschnittlichen Verkaufspreise der Produkte, in die der Chip eingebaut werden soll, liegen vielleicht bei rund 100 Dollar. Das ist eine entscheidende Änderung für ein Unternehmen, dessen Prozessoren allein derzeit durchschnittliche Verkaufspreise jenseits dieser 100 Dollar haben, was das fertige Gerät ein Vielfaches teurer macht. Aber die Anstrengung wird sich nach Ansicht Otellinis lohnen.

„Tick Tock“-Strategie

Denn er hat drei Marktsegmente ausgemacht, die er für Intel zu einem großen Teil neu erschließen will – und die bis zum Jahr 2011 jeweils einen Umsatz von 10 Milliarden Dollar erreichen sollen. Dazu gehören Produkte der Konsumelektronik, mobile Zugangsgeräte zum Internet und besonders preiswerte PC. In diesen Segmenten wird die Silverthorne-Produktfamilie eine große Rolle spielen. Die Markteinführung des Chips ist im ersten Halbjahr des kommenden Jahres geplant – und zurzeit hält Intel seine Zeitpläne in der Regel ein. Otellini nennt diese Zuverlässigkeit, angelehnt an die Präzision eines Schweizer Uhrwerks, „Tick Tock“-Strategie. „Unsere Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeitet zurzeit sehr, sehr gut“, sagt Otellini stolz – und in dem Wissen, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.

Denn zur Zeit seines Amtsantritts Mitte 2005 und unmittelbar danach hatte Intel mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen, konnte Termine nicht einhalten, musste gar Entwicklungsfahrpläne stoppen – und die Architektur aller seiner Computerchips auf eine neue, energiesparende Basis stellen, die bisher nur in den tragbaren Laptop-Computern zum Einsatz gekommen war, nun aber die Grundlage für die gesamte Intel-Produktpalette geworden ist.

Das Uhrwerk läuft wieder

Jetzt läuft das Uhrwerk wieder, und der einzig ernstzunehmende Wettbewerber Advanced Micro Devices (AMD), der Intel zuletzt das Leben ein wenig schwerer gemacht hat als sonst, scheint wieder ins Hintertreffen zu geraten. Zugleich befindet sich Intel aber auch inmitten eines massiven Kostensenkungsprogramms, dem 10 Prozent der Arbeitsplätze zum Opfer fallen und das im laufenden Jahr zu Einsparungen von 2 Milliarden Dollar und im kommenden zu einem Spareffekt von 3 Milliarden Dollar führen soll.

Die Börse honoriert die Fortschritte seit einiger Zeit wieder, doch ist der Kurs des Intel-Papiers von den 75-Dollar-Höchstständen des Jahres 2000 mit Werten um 24 Dollar noch ein großes Stück entfernt. „Die Finanzmärkte wollen Ergebnisse sehen“, kommentiert Otellini die Frage, warum der Aktienkurs angesichts der von ihm prognostizierten Wachstumschancen nicht schon stärker reagiert hat. „Schöne Präsentationen allein reichen nicht.“

„Ich habe gelernt, wie wichtig Partnerschaften sind“

Die Tatsache, dass der Aktienkurs in den vergangenen Monaten überhaupt schon wieder gestiegen ist, darf man auch nicht als Selbstverständlichkeit betrachten. Dahinter steckt auch mehr als nur das Programm zur Senkung der Kosten. Otellini weist zwar die Vermutung von sich, dass das Unternehmen früher sehr viel weniger als heute mit seinen Kunden in der Produktentwicklung zusammengearbeitet habe. Doch arbeiten heute Ingenieure von Intel eben nicht nur mit den Herstellern von Personalcomputern zusammen, um neue Produkte auf den Markt zu bringen sondern beispielsweise auch mit Autokonzernen wie BMW, Produzenten von Autoelektronik wie Harman/Becker oder Brainlab, einem Hersteller von Software und Elektronik für den Gesundheitssektor.

Die Fertigung einiger Produkte, etwa von sogenannten Flash-Speicherchips, wurde in Gemeinschaftsunternehmen beispielsweise mit ST Microelectronics eingebracht. „Ich habe nicht zuletzt durch meine Arbeit im Verwaltungsrat von Google gelernt, wie wichtig Partnerschaften sind“, sagt Otellini – und will auf diesem Weg ganz offensichtlich mit Intel weitergehen. Auch wenn es im inzwischen recht aufgeräumten und neu durchstrukturierten Unternehmensportfolio nicht mehr die Masse für die ganz großen Geschäfte wie eben die mit ST Microelectronics vollzogene Transaktion gibt.

Marketing wird sich nicht ändern

Mit seiner neuen Produktstrategie rund um die derzeit aktuelle Prozessortechnologie adressiert Intel aber auch im Kerngeschäft einen immer breiteren Markt, der noch einmal komplexer wird, wenn erst der für Otellini so wegweisende Silverthorne-Chip auf dem Markt eingeführt worden ist. Wird sich deshalb das Marketing von Intel ändern müssen, das derzeit vor allem auf die Angebote für klassische Computer, Laptops und Netzwerkrechner zugeschnitten ist? „Nein, gar nicht“, sagt Otellini. „Da sich schon heute niemand dafür interessiert, welcher Chip zum Beispiel in der elektronischen Steuerung einer Tanksäule steckt, werden wir auch nicht deutlich darauf hinweisen können, in welchen Produkten der Konsumelektronik ein Silverthorne-Chip Verwendung findet. Dafür sind in diesem Geschäft die Margen zu niedrig.“

Otellini vermag auch nicht zu erkennen, dass sich für Intel künftig die Umsatzanteile weg von den Geschäfts- und hin zu den Privatkunden verlagern werden. „Nein, die Umsatzaufteilung ist seit zwanzig Jahren stabil – und ich glaube nicht an eine Änderung“, sagt Otellini. Stabil, das heißt, dass jeweils ein Drittel des Umsatzes auf Geschäftskunden, ein Drittel auf Abnehmer aus kleinen und mittleren Unternehmen und ein weiteres Drittel auf Privatkunden entfällt. Zwanzig Jahre sind in der Computerbranche eine lange Zeit, die Konstanz der Gleichung ist daher nicht zu unterschätzen. Und noch eine Konstante hat Otellini in seinem Berufsleben ausgemacht: „Seit Jahren sind alle Computer mit dem Internet verbunden, ob groß oder klein.“ Vor allem mit Blick auf die kleinen Geräte will Otellini diese Gemeinsamkeit zu einem größeren Geschäft für Intel machen.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

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