29.07.2008 · Als Fallschirmspringer ist Pascal Lamy Gegenwind gewöhnt. Doch die Böen, die dem Generaldirektor der WTO in Doha entgegenschlugen, hätte er sich wohl selbst nicht träumen lassen. Dabei verlangte sein Amt dem knorrigen Lamy schon vorab eine Kehrtwende ab.
Von Jürgen Dunsch, GenfSelbst ein Verhandlungsfuchs wie Pascal Lamy dürfte sich seine Tätigkeit als Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO) anders vorgestellt haben. Nicht, dass er die Schwierigkeiten verkannt hätte, als es galt, die Interessen von inzwischen 153 Mitgliedsländern auszugleichen und in praktisches Handeln zu gießen. Der passionierte Marathonläufer und Fallschirmspringer ist auch nicht jemand, der schnell aufgibt, wenn die Wegstrecke hart und der Wind böig wird. Aber so große Widerstände hätte er sich in dieser Doha-Runde wohl selbst nicht träumen lassen.
Seit September 2005 ist der Franzose WTO-Generaldirektor. Die Ernennung verlangte ihm eine Kehrtwende ab. Zuvor hatte er als EU-Handelskommissar allein die Interessen der Europäer zu verteidigen. Das bedeutet Agrarprotektionismus mit hohen Zollschranken einerseits und eine möglichst starke Öffnung der Märkte für Industriegüter in der Dritten Welt andererseits. Jetzt musste er auch die Interessen der Entwicklungs- und Schwellenländer vertreten. Dass er sich damit weder bei den Europäern noch bei den Amerikanern neue Freunde machen würde, liegt auf der Hand.
Dabei ist der knorrige Lamy ein alter Europäer. Zwischen 1985 und 1994 leitete er den Beraterstab des nicht minder schwierigen EU-Kommissionspräsidenten Jacques Delors. Das ist nichts gegen den Job bei der WTO. Der Generaldirektor kann sich nicht auf die Rolle eines Quartiermeisters oder Notars in Genf beschränken, sondern muss als Mister WTO selbst entscheidende Impulse geben - erst recht in dem mühseligen Doha-Prozess. Lamy hat sich hier zu einem Berufsoptimisten entwickelt in der Überzeugung, dass nur auf diese Weise Bewegung in die Front der widerstreitenden Interessen zu bringen sei.
Sein Griff in die Trickkiste blieb diesmal ohne Erfolg
Die jetzt gescheiterten Verhandlungen der Vertreter aus gut 30 Schlüsselstaaten der WTO waren der wahrscheinlich letzte Versuch, Bewegung in die Handelsrunde zu bringen, die im Dezember 2005 in Hongkong einen neuen Anlauf nahm, sich aber schon im Juli 2006 in ihrem Gegensatz zwischen Industrie- und Entwicklungsländern verfing. Seit einer Woche wurde in Genf getagt, und der 61 Jahre alte Lamy griff tief hinein in die Trickkiste, um die Minister auf den Erfolgsweg zu führen: Da ließ er auch schon einmal den Verhandlungstisch verkleinern und unbequeme Stühle aufstellen, um den Sitzungsverlauf zu beschleunigen.
Am vergangenen Wochenende war der Erfolg nahe: Sieben Schlüsselgruppen schienen seine Kompromissvorschläge in den zentralen Verhandlungsbereichen Landwirtschaft und Industrie zu akzeptieren, doch die Einigung überdauerte das Wochenende nicht. Vor allem Indien und China, aber auch Frankreich und Italien beschädigten Lamys Gesamtkunstwerk. Danach eilte er wieder von Sitzung zu Sitzung, lud Delegationen zu seinen „Green Room“ genannten Gesprächen und gab Durchhalteparolen aus. „Wir sehen bedeutende Fortschritte“, sagte er noch am Montag auf dem idyllischen WTO-Gelände unweit des Genfer Sees.
Später am Tag bekräftigte Lamy, es gebe einen großen Grad an Gemeinsamkeit in vielen Fragen. Als Verdienst kann sich der WTO-Chef anrechnen, dass keine Seite seine Verhandlungsführung in Genf kritisiert hat, obwohl viele Teilnehmer versucht sein könnten, dies zu tun, um von ihrer eigenen Unwilligkeit zu Kompromissen abzulenken. Jetzt, nach dem Scheitern der Doha-Runde, ist aber klar: Pascal Lamy hat seinem längsten und härtesten Lauf nicht gewinnen können.
Jürgen Dunsch Jahrgang 1948, Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
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