http://www.faz.net/-gqe-9143i

Wahlkampf im Internet : Digitales Klinkenputzen

Persönlicher CSU-Assistent? Der Chatbot Leo arbeitet lediglich mit einem vorgegebenen Katalog von Antworten. Bild: CSU/Facebook, Screenshot F.A.Z.

Im Gegensatz zur letzten Bundestagswahl ist der Wahlkampf im Netz schon wesentlich weiter. Trotzdem zeigen die Parteien wenig Mut zur Innovation.

          In diesem Bundestagswahlkampf wird so viel digitale Technik eingesetzt wie nie zuvor. Die größeren Partei investieren Millionenbeträge in die Onlinewerbung – kleine Vertreter wie zum Beispiel die im Bundestag derzeit nicht vertretene FDP müssen mit deutlich weniger auskommen.

          Carsten Knop

          verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung und Unternehmen.

          Andererseits ist Geld im Netz nicht alles: Es kommt stets auf gute Ideen und persönliche Präsenz an. So ist Christian Lindner, der Spitzenkandidat der FDP, im Netz durch eigenes Zutun und ohne größeren Geldeinsatz sichtbarer als mancher seiner Wettbewerber. Doch der persönliche Umgang mit Facebook, Twitter und Co. ist eben nicht jedem Politiker gegeben, was die Vertreter dieses Berufsstands mit den meisten Vorstandsvorsitzenden von Unternehmen gemeinsam haben.

          Angst vor Innovationen?

          Das amerikanische Softwareunternehmen App Dynamics hat sich zudem einmal angeschaut, ob es irgendwelche innovativen Techniken gibt, welche die Parteien in Deutschland im Wahlkampf einsetzen. Doch in dieser Hinsicht konstatierten die Fachleute aus San Francisco den hiesigen Parteistrategen wenig Mut. So experimentiere zum Beispiel die CSU mit einem Chatbot, der den Namen „Leo“ trägt.

          Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Countdown – der politische Newsletter der F.A.Z.

          Starten Sie den Morgen mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen des Tages. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Sie setze dabei aber anstatt auf künstliche Intelligenz auf einen Katalog vorgeschriebener Antworten. „Zu groß scheint die Angst vor einem PR-Debakel, wie es der amerikanische Softwarekonzern Microsoft im vergangenen Jahr mit seinem Twitter-Roboter ‚Tay‘ erlebte“, wird konstatiert. „Tay“ hatte sich nämlich dazu verleiten lassen, rassistische Kommentare abzugeben, weshalb Microsoft ihn aus dem Netz entfernen musste.

          Apps helfen beim Straßenwahlkampf

          „Intelligenter“ sind nach Ansicht von App Dynamics die von SPD und CDU eingesetzten „Klinkenputzer-Apps“ für den Tür-zu-Tür-Wahlkampf. Die aus den Vereinigten Staaten und Frankreich bekannten digitalen Werkzeuge helfen den Unterstützern der jeweiligen Partei, Straßenzüge mit möglichst hohem Wählerpotenzial zu identifizieren – und die in den Türgesprächen gesammelten Eindrücke zur systematischen Auswertung zurück an die Parteizentrale zu schicken.

          Weitere Beweise für den innovativen Einsatz digitaler Techniken haben sich wohl nicht finden lassen – und das, obwohl sich mehrere Parteien in ihren Wahlprogrammen als Fachleute für die digitale Transformation inszenieren.

          Likes sind nicht mit Wählern gleichzusetzen

          Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, was es aufzuholen gilt: Der Bundestagswahlkampf im Jahr 2013 hat noch weitgehend offline stattgefunden. Mittlerweile ist zumindest ein Teil dessen, was Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) damals noch als „Neuland“ bezeichnet hat, erschlossen. Ausnahmslos alle wichtigen Parteien nutzen Facebook, Twitter, Youtube oder Instagram. Die CDU zum Beispiel kommt auf knapp 140.000 Facebook-Likes, die SPD auf fast 150.000.

          Die Grünen liegen ebenfalls bei 140.000, die FDP hat die 100.000er-Marke gerade geknackt. Spitzenreiter sind jedoch Die Linke mit 200.000 und die AfD mit 330.000 „Fans“. Dass sich die Likes am Ende in Wählerstimmen ummünzen ließen, sei jedoch längst nicht sicher, stellen die Amerikaner, die in diesem Jahr für einen Milliardenbetrag vom Netzwerkausrüster Cisco aufgekauft worden sind, in ihrer Auswertung fest: Im Bundestagswahlkampf 2013 war es die Piratenpartei, die in den sozialen Netzwerken den mit Abstand größten Zuspruch fand. Am Wahltag holte sie jedoch nur 2,2 Prozent der Stimmen und verschwand im politischen Abseits.

          Frankreich war im Wahlkampf schon weiter

          Der Vergleich mit Frankreich zeige, was prinzipiell möglich wäre, heißt es von App Dynamics: Dort ließ sich der spätere Sieger Emmanuel Macron in der Ausarbeitung seines Wahlprogramms von Big-Data-Analysen leiten. Einen großen Coup landete auch der linkssozialistische Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon.

          Er setzte auf Augmented Reality – in Form eines Hologramms. Während er in Lyon zu seinen Anhängern sprach, „stand“ sein Hologramm zur selben Zeit auf einer Bühne in Aubervilliers. Mit dieser Taktik erreichte er an einem einzigen Abend 18.000 Menschen; Macron und Marine Le Pen sprachen in parallel stattfindenden Veranstaltungen jeweils „nur“ vor 16.000 und 8000 Unterstützern.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Politik für die Elite

          Hollande-Kritik an Macron : Politik für die Elite

          Frankreichs Präsident will die Vermögensteuer reformieren. Das empört nicht nur seinen Vorgänger. Auch in der Bevölkerung verliert Macron stark an Zustimmung. Das gefährdet seine politischen Vorhaben.

          Trolle gegen Clinton

          Einmischung in Wahlkampf : Trolle gegen Clinton

          Die amerikanischen Geheimdienste sind schon lange überzeugt, dass der Kreml in die Präsidentenwahl 2016 eingegriffen hat. Nun gibt es auch Beweise aus Russland selbst. Sie führen zu alten Bekannten.

          Abenteuer „Jamaika“ beginnt Video-Seite öffnen

          Sondierungsgespräche : Abenteuer „Jamaika“ beginnt

          Union, FDP und Grüne loten am Mittwoch erstmals die Chancen für eine Jamaika-Koalition auf Bundesebene aus. Doch die Gespräche dürften alles andere als einfach werden. Zwischen den Parteien gibt es inhaltlich teils große Differenzen.

          Topmeldungen

          Gute Laune bei der britischen Premierministerin Theresa May und EU-Ratspräsident Donald Tusk, doch keine Einigung in Sicht.

          Austrittsverhandlungen : Die positive Brexit-Erzählung

          Einen Durchbruch bei den Verhandlungen gab wieder nicht – aber eine etwas bessere Stimmung. Für alle Fälle gehen die Briten aber schon das „No Deal“-Szenario durch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.