17.12.2011 · Die Parsen Bombays treten schlicht auf, steuern aber weite Teile der indischen Unternehmenslandschaft. Ihr Glaube an die Lehren des Propheten Zarathustra (“Gute Gedanken - gute Worte - gute Taten“) hilft ihnen dabei.
Von Christoph HeinSarfaraz kann sich in der indischen Gesellschaft bewegen, kennt ihre ungeschriebenen Gesetze. Er steht kurz davor, das Milchgeschäft der Familie zu übernehmen, das sein Urgroßvater in Bombay (Mumbai) gegründet hatte. Sein Glaube aber macht Sarfaraz Irani zum Mitglied einer Randgruppe: Denn seine Familie sind Parsen, die den Lehren des Propheten Zarathustra folgen. Ehrlichkeit gehört dazu: "Die Inder erwarten von uns Parsen einfach kein Bestechungsgeld. Uns geben sie sogar das Wechselgeld zurück", sagt Irani.
Da die Zoroastrier die "bei weitem" unbestechlichste Gruppe in der Stadt seien, müssen sie leiden - denn das meiste in Indien gibt es nur gegen Aufschlag. "Es ist immer schwer, wenn man nicht mitspielt", sagt Irani.
Unter dem Strich spielen immer weniger nicht mit. Denn die Parsen gehören einer aussterbenden Religionsgemeinschaft an. Oder sind sie eine Volksgruppe, wie die Konservativen unter ihnen behaupten? Selbst immer mehr Inder stellen die Frage "Parsi Kya Cheez Hai?" - "Was ist ein Parse?"
Dabei ist sie längst beantwortet - von Zubin Mehta, dem großen indischen Dirigenten, bis 2006 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und selber aus einer Parsenfamilie Bombays. "Die Parsen kommen aus einer uralten religiösen Gemeinschaft, deren Gründer Zarathustra war, und lebten nördlich des heutigen Iran, seit rund 1200 Jahre vor Christus. Nachdem die Muslime Persien im siebten Jahrhundert eroberten, emigrierten viele nach Indien, nördlich des heutigen Bombay. Parsen wurden sie genannt, weil sie aus der Region Persien kamen."
Mehta ist nicht der einzige große Musiker der Parsen: Auch Freddie Mercury, der spätere Rockstar und Queen-Sänger, wurde in einer parsischen Familie als Farrokh Bulsara geboren. Da niemand zum Parsen konvertieren kann, Parsen nur untereinander heiraten dürfen -, auch wenn heute Ausnahmen genehmigt werden - stirbt die Parsengemeinschaft aber allmählich aus.
Sicher, mancher erinnert sich an den Religionsstifter Zarathustra, weil Nietzsche seinen Namen nutzte. Vielreisende mögen die Dakhmas kennen, die Türme der Stille in Bombay. Hier legen die Parsen, uralten Riten folgend, ihre Toten den Geiern zum Fraß vor - doch die Geier bleiben heute aus. Viel ist selbst im quirligen Bombay nicht mehr von den Zarathustra-Anhängern zu sehen - die knapp 50 Feuertempel, die Religionsfremden verschlossen bleiben, die eigenen Schulen, ein paar Geschäfte. Dabei geht - Legenden zu Folge - selbst die Gründung der indischen Wirtschaftskapitale auf Parsen zurück: 1736 soll die Ost-Indien-Kompanie den Schiffszimmermann Lowji Nusserwanji Wadia für 40 Rupien im Monat angeheuert haben, dort Fregatten zu bauen. Sie waren so gut, dass die halbe Welt sie wollte - und Bombay dank seiner Docks und Werften zu dem heranwuchs, was es heute ist.
Wahr an der Geschichte ist ganz sicher, dass auffällig viele Zoroastrier am Zufluchtsort ihrer Vorfahren Karriere machten. Gut hunderttausend Parsen gibt es weltweit, 70.000 von ihnen leben in Indien. Die winzige Glaubensgemeinschaft wäre im riesigen Subkontinent mit seiner mehr als einer Milliarde Menschen längst untergegangen, hätten sich die Nachfahren der Flüchtlinge nicht dank ihrer Bereitschaft zur Anpassung, ihrer Ehrlichkeit und ihrer Beharrlichkeit enormen wirtschaftlichen Einfluss erarbeitet. "Wir sind wie ein Goldring im Milchbecher: Man bemerkt uns nicht, aber wir heben seinen Wert", sagt Sarfaraz. Mindestens vier der größten 20 indischen Unternehmen liegen in Händen von Parsenfamilien - die Tata-Gruppe ist das bekannteste von ihnen.
Aber auch der Mischkonzern Godrej, der mit Shampoo und Klimaanlagen, Wohnungen oder Batterien gut 3 Milliarden Dollar Jahresumsatz schreibt, zählt dazu. Genauso wie das Konglomerat der Wadia-Familie, das sich vom Textilimperium Bombay Dyeing über Immobilien, eine Miss-Wahl bis zur Fluglinie Go Air erstreckt. Oder Shapoorji Pallonji Mistry, der mit dem ältesten indischen Baukonzern mehr als 2 Milliarden Dollar Jahresumsatz macht. Der Senior gilt mit einem Vermögen von fast 8 Milliarden Dollar als der reichste Parse.
Führen Sie sich mal dieses Verhältnis vor Augen: Die Marktkapitalisierung der von Parsen gehaltenen Unternehmen in Indien liegt bei rund 100 Milliarden Dollar. Das sind etwa 8 Prozent der gesamten indischen Marktkapitalisierung. Gehalten aber wird sie von nur 70 000 Menschen aus einer Bevölkerung von 1,2 Milliarden - das sind nicht mal 0,006 Prozent." Die Augen von Minoo Shroff leuchten, als er mit den Prozentzahlen jongliert. Der alte Herr sitzt in seinem ebenso alten Büro in Bombay. Wer zu ihm will, der muss an der Eastern Watch Company vorbei ein Holztreppenhaus hinaufsteigen und endet auf dem knarzenden Boden im Geschoss über der State Bank of Bikaner & Jaipur. Seit den fünfziger Jahren hat sich hier nicht viel geändert. Doch Shroff hat seine Zahlen und Ansichten klar beieinander. "Wir sind eine besondere Gruppe in der Gesellschaft, uns vertraut man", sagt er. "Nicht grundlos hatte jede britische Bank in Indien einen Parsen als Kassierer." Auch Gebrauchtwagen kauften die Inder mit Vorliebe von Parsen - denn die betrügen nicht, heißt es. Das Bild des guten Parsen wird durch Ardeshir Godrej abgerundet, den Großvater der jetzigen Godrej-Manager. Er erfand 1897 ein Schloss, dessen Nachfahren bis heute fast jede indische Tür verriegeln. "Das machte den Name Godrej zum Synonym für Vertrauen, Schutz und Integrität", sagt Jamshyd Godrej, der heute den Verwaltungsrat leitet. Der Ruf strahlte auf die Zoroastrier ab. Auch Shroff, dem früheren Banker und Manager, vertraut man: Jahrelang stand er dem Parsenrat, dem Bombay Parsi Punchayet, vor.
Hohe Bildung, enger Zusammenhalt, die Anpassungsfähigkeit, die Nähe zu den britischen Kolonialherren, die Gleichberechtigung von Frauen. "Das hat uns über Jahrtausende stark gemacht", sagt Pheroza Godrej, die Ehefrau von Unternehmenschef Jamshyd. Sie ist das kollektive Gedächtnis der Parsen. Kiloschwere Bücher hat sie verfasst, Standardwerke über ihre Kultur und ihren Glauben. "Die Parsen, insbesondere die Frauen, haben früh erkannt, dass eine Karriere ihnen bessere Lebensbedingungen schafft. Sie wollten lernen." Und: Nur wer selber Geld verdient, vermag den Armen zu geben. Für Shroff ist die Formel klar und eindeutig: "Wir Parsen wollen immer so gut sein, wie die Besten im Westen. Wir zeigen unseren Wohlstand aber nicht. Wir teilen."
Dieses Teilen hat schon Mehtas Lebensweg bestimmt: "Mein Vater, der 1935 das Symphonie-Orchester in Bombay gründete, hatte ein Stipendium vom parsischen Tata-Fonds bekommen, das ihm das Geigenstudium in New York ermöglichte." Auch die breite Masse profitiert: Parsen spenden für das Bag-System, finanzieren Wohnblocks, in die weniger Begüterte einziehen können. Angesichts der enormen Wohnungspreise in Bombay ein großer Vorteil: Die Miete in den Parsenhäusern liegt bei knapp 50 Dollar im Monat. In derselben Ecke Bombays, tief im Süden, kostet eine normale Wohnung aber schnell 30 000 Dollar monatlich. Auch Schulen, Krankenhäuser und Unis bauten die Parsen.
"Meine Mutter hatte uns immer gelehrt: 10 Rupien sparst du, 10 Rupien gibst du der Gemeinschaft, 80 Rupien kannst du ausgeben", sagt Godrej. Allerdings erkennt sie auch die Schattenseiten der Großzügigkeit: "Zu viel Wohlfahrt erdrosselt den Gründergeist." Dennoch: Ohne soziales Handeln ist die parsische Gemeinschaft nicht denkbar: "Humata, Hukhta, Huvarashta" - "Gute Gedanken, gute Worte, gute Taten", lautet einer der Sinnsprüche der Parsen. "Jede Religion hat solche Lehrsätze. Wir aber nehmen sie sehr ernst", sagt Pheroza Godrej.
Die Parsen lernten vor allem durch Anpassung an ihre Wahlheimat. Godrej nennt drei Verhaltensregeln, die der Minderheit den Erfolg in der Fremde sicherten: "Untergehen oder schwimmen", hieß die wichtigste, die auf Anpassung abzielte. "Unsere Vorfahren waren extrem bemüht, die Sprache des Gastlandes zu lernen und nicht negativ aufzufallen." Die nächste lautete, alle Chancen zu ergreifen, die sich bieten. "Das ging bis hin zum Opiumhandel, um das Überleben zu sichern." Die Parsen waren es, die den Handel mit China über mutige Schiffsreisen nach Hongkong, Macau und Kanton begründeten. Die vielleicht wichtigste Regel aber reichte weit bis über die eigene Generation hinaus: "Wir wurden immer angehalten, den Wohlstand in der Familie zu bewahren, das betraf auch Immobilien und Land."
So bringt man es zu etwas. Die Parsen in Bombay zählen in der Regel zur guten Mittelschicht, sind wesentlich besser gestellt als der Durchschnitt der Inder. Einige haben es bis ganz nach oben geschafft: Ratan N. Tata ist das berühmteste Beispiel - obgleich er den Kontakt zur Gemeinschaft der Zoroastrier verloren hat. Züge der Parsen aber kultiviert er. Der Mann, der heute das größte indische Konglomerat als Stiftungsunternehmen führt, wollte nie Manager sein. Er hatte sich zum Architekten ausbilden lassen. Sicher, auch der Chef des Tata-Konglomerates mit seinen mehr als hundert Einzelunternehmen, gut 425 000 Mitarbeitern und mehr als 83 Milliarden Dollar Jahresumsatz gönnt sich Extravaganzen, liebt es, als begeisterter Pilot auf Luftfahrtmessen einen Kampfjet zu steuern.
Dennoch: Bei Tata ist alles drei Nummern schlichter als bei den Milliardären und Erben Indiens, weniger Bollywood, mehr Kärrnerarbeit. Tata fliegt Business Class, nicht First Class. Obwohl bekennender Autofan, holt ihn ein alter Volvo am Flughafen ab. "Ich will jeden Abend zu Bett gehen können, ohne jemand den Tag über verletzt zu haben", sagt er. In dieses Bild passt auch sein Nachfolger: Gerade wurde Cyrus P. Mistry dazu bestimmt, den Traditionskonzern ab Ende 2012 als sechster Chef zu führen. Auch Mistry ist zurückhaltend, aber steinreich, erfolgverwöhnt, aber bodenständig. Die Verbindungen zwischen Mistry und Tata reichen weit in das persönliche Netzwerk der Parsen hinein: Mistrys Schwester Aloo ist mit Ratan Tatas Halbbruder Noel Tata verheiratet. Am Ende aber bestimmte auch hier das Kapital die Wahl. Denn Shapoorji Pallonji Mistry, der Milliardär und Vater des 43 Jahre alten Cyrus, hält 18 Prozent an Tata Sons, der Eigentümerholding. Zwar hat die Familie Häuser in London und Pune, wo heute die indische Automobilindustrie sitzt. Dort betreiben die Mistrys eine luxuriöse Pferdefarm, in der die Tiere nur gefiltertes Wasser zu trinken bekommen. Und dennoch: Cyrus Mistry tritt ebenso bescheiden auf wie sein baldiger Vorgänger Ratan N. Tata. Diese Männer wollen Erbverwalter sein, nicht angestellte Manager, die die Rendite hochfahren, bis sie für einen noch Härteren gefeuert werden.
Auch Godrejs Familie zählt zu den reichen, honorigen Parsen. "Wir sind keine Heiligen", wehrt Jamshyd Godrej lächelnd ab. Und doch hat der Industrielle einen offenen Brief an die Regierung unterzeichnet, der an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt: "Möglicherweise ist das größte Thema, das die Struktur unserer Gesellschaft zersetzt, Korruption. Gegen diese Krankheit müssen wir auf den Kriegspfad gehen, dringend und mit großer Entschlossenheit." Godrej blickt nüchtern auf die Welt. "Demographisch betrachtet, werden wir Parsen aussterben. Mein Gefühl sagt mir, dass wir als Gemeinschaft so zusammenschmelzen, dass wir unbedeutend werden. Wir werden nur in unseren Geschäften überleben."
Das will auch Sarfaraz Irani. 1916 gründete sein Urgroßvater die Parsi Dairy Farm in Bombays Princess Street, dem Kernland der Zoroastrier. Als junger Firmenerbe musste Irani noch ab vier Uhr beim "Morgenmarsch" 1300 Haushalten die Milch ausliefern. Heute sitzt er 13 Stunden hinten im Milchgeschäft und macht die Buchhaltung. Seine Eltern wollen es so. "Natürlich wäre ich anders produktiver. Aber unsere Familie denkt noch, das Geschäft läuft nur, wenn wir selber vor Ort sind." In der Freizeit geht der Junggeselle zu Tanztees, Ausflügen oder dem Speed-Dating, mit denen der Parsenrat Ehen stiften will. Die Internetseite des Jugendverbandes Zyng kommt daher wie ein Stadtmagazin mit Anklängen an MTV. "Wir müssen unser Überleben sichern", sagt Irani.
Da sind sich alle einig. Das "Wie" aber ist umstritten. Tiefe Gräben ziehen sich durch die parsische Gemeinde. Die Konservativen ringen mit den Fortschrittlichen über Mischehen und Konvertiten, über die Anerkennung von Zarathustra-Anhängern aus anderen Kontinenten als Parsen. Dabei hätten sie alle Wichtigeres zu tun: ihren Weg in die Zukunft suchen.
Vielleicht kennt Patriarch Shroff den Weg in die Zukunft: "Seit 1950 hat es einen Schwenk gegeben: Die Jungen wollen keine Firmen mehr gründen wie die Tatas, die Godrejs oder die Wadias, sie suchen lukrativere Karrierechancen in anderen Unternehmen." Die Parsen hätten ihre Gründermentalität verloren: "Heute wollen die meisten Ärzte, Rechtsanwälte oder Architekten werden." Das aber reicht nicht, um der Parsengemeinschaft ihre Bedeutung zu sichern. Die Lösung Shroffs: die Gründung von Fonds, erfolgreiche Parsen als Ratgeber engagieren, preiswerte Kredite bereitstellen. Kurz: Gründer heranzüchten. "Geld ist kein Problem, es ist genug vorhanden", sagt er. Godrej indes glaubt nicht an den Weg: "Man kann Menschen nicht mit Geld zu Gründern machen. Man braucht einen Traum, nicht Geld." Wille zu helfen wohl auch. Unter den Ehrenmitgliedern der World Zarathushti Chamber of Commerce findet sich das "Wer-ist-Wer" der Bombay-Parsen: Ratan Tata, Minoo Shroff, Shapoorji Pallonji Mistry, Nadir Godrej oder Nusli Wadia. Und Ratan Tata sagt: "Über die Jahre verliert man die Verbindung zur Gemeinschaft. Dabei ragen Zoroastrier im Geschäftsleben heraus. Wenn es junge Zoroastrier gibt, die eine gute Idee haben, will ich sie gerne unterstützen."
"Das ging bis hin zum Opiumhandel, um das Überleben zu sichern."
Roland Wittig (rwittig)
- 16.12.2011, 23:46 Uhr
@Martin Klocke: Nur halbwahr
vertan eidinger (V.Eidinger)
- 16.12.2011, 18:24 Uhr
Soso, sie "emigrierten" nach Indien - aber weil sie sonst
getötet worden wären!
Martin Klocke (mampo)
- 16.12.2011, 17:30 Uhr
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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