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Parlamentswahlen Was ein Euro-Austritt für Griechenland bedeuten würde

 ·  Ein Austritt Griechenlands aus dem Euro würde für alle unglaublich teuer. Aber für die Griechen wäre er eine große Chance - auf nichts Geringeres als ein Wirtschaftswunder.

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© dpa Ganz Europa wartet mit Spannung auf den Ausgang der Wahlen in Griechenland

Für viele Politiker ist es das Horror-Szenario: Griechenland wählt an diesem Sonntag eine Regierung, die nicht mehr spart. Bleiben die europäischen Partner tatsächlich hart, dann müsste das Land aus dem Euro austreten. Allein schon, um eigenes Geld drucken zu können für Staatsausgaben und Beamtenlöhne.

Ökonomen haben vorgerechnet, das würde Europa Hunderte von Milliarden kosten. Und für Griechenland wäre es auf kurze Sicht „desaströs“, wie Maurice Obstfeld sagt, ein Ökonomieprofessor aus Berkeley, der mit Nobelpreisträger Paul Krugman ein bekanntes Lehrbuch für Außenwirtschaftslehre verfasst hat. Griechische Unternehmen dürften pleite gehen, der Handel würde unterbrochen. Es wäre ein Chaos.

Das Wunder nach der Durststrecke

Aber danach? Was passiert dann? Die Hoffnung ist: Nach einer Durststrecke könnte ein Wirtschaftswunder für Griechenland bevorstehen. Wenn die Griechen das Schicksal ihrer Währung selbst in die Hand nehmen - und ihre neue Währung gegenüber dem Euro abwerten.

Das würde so ablaufen: Die griechische Notenbank würde die neue Währung gleich offiziell mit einem Abschlag auf den Euro herausgeben. Oder Händler, Tankstellen und Banken akzeptieren sie später nur mit einem Abschlag. Die Folgen wäre ähnlich: Der Wert aller Vermögen und Löhne in Griechenland sinkt. Schätzungen der Ökonomen über die Höhe der Abwertung reichen von 30 bis 50 Prozent. Auslandsschulden blieben überwiegend in Euro notiert. Sie müssten zum Teil erlassen werden.

Wissenschaftler des Münchner Ifo-Instituts haben nun anhand von Währungskrisen in anderen Ländern analysiert, welche Folgen eine solche Abwertung für die Griechen hätte. Ihr wichtigster Befund: In Ländern, in denen eine Abwertung nach einer Währungskrise erfolgte, ging es mit der Wirtschaft zunächst heftig bergab - aber recht bald schon wieder bergauf.

Argentinien wuchs schon nach einem Jahr wieder

Bestes Beispiel ist Argentinien: Das Land hatte in den 90er Jahren seine Währung Peso an den Dollar gekoppelt und ähnliche Probleme wie Griechenland. Im Januar 2002 gab die Regierung den Wechselkurs frei: Der Peso wertete um 70 Prozent ab. Es folgten drei heftige Monate. Schon nach einem Jahr aber stabilisierte sich die Situation - von da an wuchs die Wirtschaft mit stolzen Wachstumsraten.

Das Beispiel für den gegenteiligen Weg ist Lettland: Das Land schaffte es ohne Abwertung seiner Währung Lats (die an den Euro gekoppelt ist) von einem Krisenstaat zum Land mit den höchsten Wachstumsraten in Europa. Der wichtigste Grund: Löhne können in Lettland leichter gesenkt werden als in vielen anderen Ländern, wie Olivier Blanchard schreibt, der Chefökonom des IWF. Der Arbeitsmarkt war überdurchschnittlich flexibel - also eher kein Weg für Griechenland.

„Im Prinzip könnte es den Griechen nach einem Euro-Austritt ähnlich wie den Argentiniern ergehen“, meint Kai Carstensen vom Ifo-Institut. Zwar sind die Schulden der Griechen höher. Eine Anpassung dauerte länger. Aber der Mechanismus wäre derselbe.

Beispiel Tourismus: Die Türkei ist billiger

Wie das Wirtschaftswunder wirken würde, kann man sich am Tourismus vorstellen. Das Geschäft mit Hotels und Ferienanlagen gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen der Griechen. Hier steht das Land in unmittelbarer Konkurrenz zur Türkei: Dort gibt es auch warmes Wetter, schöne Strände und Hotels. Es mag zwar Reisende geben, die wegen der Akropolis oder anderer Stationen antiker Heldentaten ausschließlich nach Hellas wollen. Viele Urlauber dürften die Entscheidung aber vom Preis abhängig machen. Und die Türkei ist billiger. Deshalb läuft es an der türkischen Ägäis besser - und in Griechenland bleibt manches Bett leer.

„Das würde sich schlagartig ändern, wenn die Griechen ihre Währung um 50 Prozent abwerten würden“, sagt Ifo-Ökonom Carstensen. Dann würden zwar Löhne und Gehälter in der Hotelbranche sinken. Die Übernachtungen würden aber zugleich billiger. Deshalb kämen mehr Gäste. Das könnte internationale Touristikkonzerne zum Investieren ermuntern. So entstünden neue Arbeitsplätze.

So ähnlich lässt sich das für viele Wirtschaftszweige durchspielen. Zu den Gütern, die Griechenland exportiert, gehören Rohstoffe wie Steine oder Baumwolle - und wenig verarbeitete Materialien wie Zement oder Aluminium. An diesen Gütern verdient ein Land nicht so viel wie an High-Tech-Geräten. Allerdings reagieren die Käufer überdurchschnittlich auf Preisänderungen: Wenn Griechenland abwertet, würden diese Produkte billiger und der Export dürfte zunehmen.

Die ganz großen Exportschlager für den Welthandel allerdings fehlen Griechenland. Eine bescheidene Autoindustrie gab es dort früher mal. Einige Firmen stellten etwa dreirädrige Motorwagen her. Selbst einen Sportwagen-Bauer hatte Griechenland zwischenzeitlich. Nahezu alle aber gaben in den 70er, 80er und 90er Jahren auf. Zurück blieb etwa Elbo, ein Hersteller von Bussen, Feuerwehrautos und gepanzerten Jeeps, der überwiegend von öffentlichen Aufträgen lebt. Und Unternehmen, die Autos importieren, oder importierte Teile zusammenschrauben.

Die Produktion im Land würde sich wieder lohnen

In Deutschland hingegen kennt man griechische Produkte vor allem aus dem Supermarkt: Wein, Feta und Olivenöl etwa. Wenn griechischer Feta die Hälfte kosten würden, könnte kaum ein deutscher Hersteller mithalten. Und der Absatz würde steigen. Ähnlich wäre es beim Wein. Hatte Griechenland in der Antike mit seinen Amphoren nicht die halbe damals bekannte Welt beliefert? Heute gehen gerade noch sieben Prozent des griechischen Weins in den Export. Durchschnitt der weinanbauenden Länder Europas sind 31 Prozent. Allerdings ist die Sache tricky: Griechisches Olivenöl etwa ist schon billiger als das aus der Toskana - trotzdem wird es weniger gekauft.

Wichtiger sein dürfte ohnehin ein anderer Effekt: Ökonomen nennen ihn „Importsubstitution“. Wenn die Einfuhren für die Griechen durch die Abwertung ihrer Währung teurer werden, lohnt sich die Produktion vieler Waren im Land wieder. Griechenland bezieht etwa Tomaten aus Holland - dabei wäre das Land für den Anbau klimatisch viel besser geeignet. Griechenland ist auch Nettoimporteur von Fleisch: Auch das könnte sich ändern, wenn die Viehhaltung lukrativer würde.

Vertrauen ist der Knackpunkt

Über all dem schwebt allerdings das Damoklesschwert der politischen Rahmenbedingungen: Reformen braucht Griechenland trotzdem. „Wenn neue Fabriken entstehen sollen, müssen reiche Griechen und ausländische Investoren wieder Vertrauen in das Land fassen“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Dafür sei Rechtssicherheit wichtig, die Korruption müsse eingedämmt werden und das Steuersystem reformiert. „Wichtig ist auch, dass eine neue Zentralbank nicht wieder Bestandteil des Staatsapparates wird wie vor der Euro-Einführung. Sie muss unabhängig sein.“

Sonst wäre die ganze Abwertung nämlich für die Katz: Wenn die Inflation die Preise, die durch die Abwertung gesunken sind, wieder in die Höhe treibt. Berkeley-Ökonom Obstfeld sagt: „Eine neue Währung hilft Griechenland auf Dauer nur, wenn das Land die Inflation im Griff behält.“ Die Drachme wäre dann eine Chance für die Griechen - besser allemal, als auf ewig am Tropf Europas zu hängen.

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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