15.04.2009 · In dieser Woche wählt die größte Demokratie der Welt ein neues Parlament. Auf die nächste Regierung warten gewaltige Aufgaben. 300 Millionen Inder sind Analphabeten. Die dringend notwendige „grüne Revolution“ ist ausgeblieben. Die Armut sinkt nur statistisch. Und die Krise trifft das Schwellenland ins Mark.
Von Christoph HeinDie größte Demokratie der Erde wählt von diesem Donnerstag an ein neues Parlament. Welche Regierung dabei herauskommt, ist offen. Was diese zu tun hat, liegt dagegen auf der Hand. Sie muss alles daransetzen, das Wachstum des Landes nicht nur zu erhalten, sondern gerechter als bislang zu verteilen. Sie muss die Versprechen, die unter dem Werbespruch des „india shining“ seit Jahren gemacht werden, einlösen. Und sie muss Indien einbinden in den regionalen Kontext, will das Land mittelfristig am Aufstieg Ostasiens teilhaben.
Das ist eine Herkulesaufgabe, zumal die weltweite Wirtschaftskrise auch an Indien nicht spurlos vorbeizieht: Der Export ist im März im Jahresvergleich um fast ein Drittel geschrumpft, so stark wie nie zuvor. Mit einem Defizit von sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes läuft der Haushalt aus dem Ruder, zu Lasten der Infrastrukturausgaben. Auch die geplante Finanzierung von Straßen, Brücken, Tunneln durch private Investoren ist in weite Ferne gerückt.
Die Landwirtschaft ist nach wie vor unterentwickelt
Nicht, dass die amtierende Regierung unter Ministerpräsident Manmohan Singh schlechte Arbeit geleistet hätte. Auf ihrer Haben-Seite stehen eine stabile Wachstumsrate von bis zu neun Prozent, die Entwicklung einzelner Sektoren wie der Luftfahrtindustrie, das Heranrücken an Amerika, das seinen Höhepunkt im Abkommen zur Nutzung der zivilen Atomkraft findet. Ihre vielleicht größte Leistung ist es, einen brüchigen Ausgleich mit Pakistan bewahrt zu haben.
Ihre Möglichkeiten hat die Regierung gleichwohl nicht ausgeschöpft: Die Landwirtschaft, von der 60 Prozent der Inder abhängen, ist nach wie vor unterentwickelt. 300 Millionen Inder sind Analphabeten. Die dringend notwendige nächste „grüne Revolution“ ist ausgeblieben. Die Armut sinkt nur statistisch, weil sich eine neue Mittelschicht mit steigenden Gehältern herausbildet, die Lage der Armen indes verbessert sich kaum. Die Städte versinken im Chaos fehlender Infrastruktur. Grausame Lücken in der inneren Sicherheit zeigen sich bei täglichen Anschlägen. Korruption, Vetternwirtschaft und langatmige Verwaltungsprozesse sind so schlimm wie eh und je. Privatisierungen wurden verschoben, weil der kommunistische Koalitionspartner sie blockierte. Und obwohl die Regierung erklärte, eine zweistellige Wachstumsrate der Wirtschaft sei möglich, hat sie diese nie erreicht.
Das politische System erscheint abgewirtschaftet
Unter dem Strich bleibt das Gefühl, dass Singh und seine Mannschaft wussten, was für das Land richtig war. Sie haben diese Erkenntnisse seit ihrem Wahlsieg 2004 aber nie umsetzen können. Allerdings hätte es wohl auch die Opposition kaum besser gekonnt: Denn Indiens politisches System und viele seiner Vertreter erscheinen dermaßen abgewirtschaftet, dass das Erhalten des Status quo mit einigen leichten Verbesserungen in einzelnen Feldern wohl das meiste ist, was sich politisch erreichen lässt.
So wächst Indiens Wirtschaft trotz der bedauernswerten politischen Lage des Landes, nicht dank der Förderung der Politik. Das ist ein gefährlicher Kurs. Manager und Unternehmer zeigen sich unzufrieden und verärgert mit dem Tempo der Veränderung in ihrem Land. Noch aber glaubt wohl die Mehrheit der Inder daran, dass ein neues Zeitalter eingesetzt habe. In den Inseln des Wohlstands einiger Städte ist es zu spüren, in den Einkaufspalästen, auf den Autobahnen, auf dem Campus eines Hochtechnologieunternehmens, im Restaurant eines Luxushotels. Doch genau in diesen Nischen wird deutlich, wie zerrissen Indien ist. Zerrissenheit aber war nie ein gutes Umfeld, um breiten Wohlstand zu schaffen.
Schrittweise ist ein Schritt zu langsam
Die nächste Regierung wird sich nicht darauf herausreden können, mit einer Wachstumsrate von sechs oder sieben Prozent die am schnellsten wachsende Demokratie der Erde zu steuern. Sie wird auch nicht mehr damit punkten können, das Land schrittweise der globalen Wirtschaft zu öffnen: Was für ihre Vorgängerregierungen noch als Leistung galt, muss heute eine Selbstverständlichkeit sein. Und auch die Sympathie mit dem farbenfrohen und mystischen Indien hat sich irgendwann erschöpft.
So muss die nächste Regierung Indiens Grundsätzliches ändern, will sie den wachsenden Entwicklungsabstand zu Ostasien verringern. Vor allem muss sie sich der Landwirtschaft zuwenden. Das ist eine Aufgabe, die im Ausland viel weniger Beachtung findet als der Aufbau von Industrieparks oder das Eröffnen von Automobilfabriken; für Indiens Entwicklungsstadium ist sie aber ungleich notwendiger. Zwei Prozentpunkte mehr Wachstum in der Landwirtschaft besitzen dank deren Gewicht einen großen Hebel; Indien käme insgesamt deutlich schneller voran. Die Kaufkraft stiege von unten, in der Masse. Bildung und Gesundheitsversorgung sind zudem Sektoren, deren Aufbau unerlässlich ist, will Indien von seiner „demographischen Dividende“, der Jugend seiner Bürger, dauerhaft profitieren.
Es ist müßig, den ewigen Vergleich zwischen den beiden Schwellenländern China und Indien zu ziehen. Es bleibt aber festzuhalten, und das nicht nur zu Zeiten von Wahlen: China hat seine Chancen bis heute ergriffen. Indien ist dabei, die seinen zu verspielen. Dabei waren sie vielleicht größer.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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