Der Dachverband der finnischen Wirtschaft hat gewarnt, die Fortdauer des schon sechs Wochen währenden Tarifkonflikts in der finnischen Papierindustrie führe zu sinkendem Wirtschaftswachstum und hohen Exportverlusten.
Nachdem am Donnerstag nachmittag die Papiergewerkschaft entgegen dem Rat des Gewerkschaftsdachverbandes wie schon zu Monatsbeginn einen zuvor von den Arbeitgebern akzeptierten Schlichtungsvorschlag abgelehnt hatte, dürfte wegen der beginnenden Sommerpause die Aussperrung sich in den Juli oder August hinziehen. Auch ein führender Gewerkschafter sagte, die Auseinandersetzung sei „teuer und dumm“, beide Seiten hätten sich aber in einen „ideologischen Streit“ verrannt. Wirtschaftsanalytiker äußerten die Befürchtung, dies könne das Ende der langen Phase des „finnischen Wirtschaftswunders“ einläuten.
Die Arbeitgeber hatten Mitte Mai nach zahlreichen Warnstreiks und kurzfristigen Arbeitsniederlegungen 25.000 Angestellte in der Papier- und Zellstoffindustrie, einer der Kernbranchen der finnischen Wirtschaft, ausgeschlossen mit dem Hinweis, beständige Arbeitsunterbrechungen beschädigten Maschinen und senkten die Qualität des Papiers. Inzwischen sind 19 Zellstoffabriken, 38 Papiermühlen für Fein-, Magazin-, Zeitungs-, Zeitschriften- und Spezialpapier sowie 14 Fabriken für Kartons und Verpackungen geschlossen. Mehrere schwedische Gewerkschaften haben zudem aus Sympathie Überstunden abgelehnt, was die schwedischen Arbeitgeber als rechtlich fragwürdig betrachten, der Arbeitsminister in Stockholm aber unter Verweis auf „das schwedische Modell“ verteidigt.
Starker Mangel an Zeitschriftenpapier
Die Arbeitgeber, die aufgrund der Konkurrenz aus Billiglohnländern sich auf dem Weltmarkt kaum mehr wettbewerbsfähig fühlen, wollten die Produktionspausen über Weihnachten und den Hochsommer beenden und Abwesenheiten durch hohe Krankenstände abbauen. Zuletzt strittig blieb ein scheinbar beiläufiger Punkt: Reinigungskräfte in den Fabriken sind bisher Mitglieder der Papiergewerkschaft und erhalten damit einen weit höheren Lohn als vergleichbare Reinigungskräfte. Darauf und auf die Regelung, ausländische Arbeitskräfte nicht einzusetzen, wollten die Gewerkschaften nicht verzichten.
Finnland ist nach Kanada der größte Exporteur für Papier und Karton in der Welt: Papier und Zellstoff tragen nahezu ein Viertel zur finnischen Ausfuhr bei. Inzwischen aber muß es Toilettenpapier - die Regale in Helsinki sind aufgrund des Hortens leer - aus Rußland einführen; finnische Zeitungen haben ihre Umfänge und Beilagen gekürzt oder gestrichen. Stärker noch wirkt sich der Mangel bei Zeitschriftenpapier aus, wo Finnland 35 Prozent des europäischen Marktanteils hält. Einige Großkunden in Deutschland haben offenbar nur bis Monatsende genug Magazinpapier für Wochenzeitschriften mit hoher Auflage auf Lager.
40 Millionen Euro Tagesverlust
Die finnische Zentralbank schätzt ebenso wie Wirtschaftsforschungsinstitute, daß schon die bisherige Schließung das vorhergesagte Wirtschaftswachstum für 2005 um etwa ein Prozent senken und dieses nun bei zwei Prozent liegen werde. Im zweiten Quartal, so die Notenbank, werde das Bruttoinlandsprodukt „ziemlich miserabel“ sein. Verluste gibt es auf breiter Front. Gemeinden befürchten sinkende Steuereinnahmen, da Arbeiter ebenso wie Unternehmen weniger verdienen.
Die größten finnischen Papierkonzerne UPM-Kymmene und Stora Enso erwarten einen Gewinnrückgang um 10 bis knapp 20 Prozent, und die gesamte finnische Papierindustrie spricht von einem Tagesverlust durch den Arbeitskampf von 40 Millionen Euro. Zudem kann Finnland Marktanteile verlieren, da sich die Papierindustrie in anderen europäischen Ländern früher an die Krise angepaßt habe.
In Deutschland etwa haben Papiergewerkschaften eine Heraufsetzung der Arbeitszeit von zuvor 35 Stunden akzeptiert, während sie in Finnland noch bei 32 Stunden und ausgedehnten Urlaubszeiten liegt. Fast alle deutschen Papierfabriken sind inzwischen in finnischem oder schwedischem Besitz. Finnische Konzerne haben ihre Produktion in den vergangen Jahren verlagert näher an ihre Märkte und Rohstoffe heran, etwa nach Lateinamerika oder Asien.