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Panama Papers : Anonymität und keine unbequemen Fragen

Nevada ist nicht nur für seine Spielkasinos berühmt, dort lassen sich auch einfach Briefkastenfirmen gründen. Bild: Reuters

Wer „Steueroase“ oder „Offshore“ hört, denkt an exotische Finanzplätze wie die Britischen Jungferninseln. Doch tatsächlich machen es ausgerechnet OECD-Staaten Steuerhinterziehern und Geldwäschern besonders einfach.

          Die Enthüllungen aus Panama verblüffen die Welt: Spitzenpolitiker, Sportstars und Wirtschaftsleute - sie alle nutzten offenbar dubiose Briefkastenfirmen für ihre Geschäfte. Aber wie schwierig ist es eigentlich, eine solche Gesellschaft zu gründen, und wo auf der Welt wird Gaunern der Missbrauch von Briefkastenfirmen am einfachsten gemacht? Jason Sharman, Politikprofessor an der Griffith University im australischen Brisbane, wollte es genau wissen - und versuchte selbst, unter falschem Namen überall auf der Welt Briefkastenfirmen zu gründen. Ein in der Wissenschaft bisher einmaliger Undercover-Feldversuch in der undurchsichtigen Offshore-Finanzbranche.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Sharman und seine Mitarbeiter kontaktierten unter falscher Identität rund 3700 Anwaltskanzleien und Dienstleister in 180 Ländern. Deren Geschäft ist es, ihren Kunden Briefkastenfirmen bereitzustellen, so wie die Kanzlei Mossack Fonseca, deren Name mittlerweile in der ganzen Welt bekannt ist. In manchen Fällen kostet die Gründung einer solchen Gesellschaft nur wenige hundert Dollar. Gut fünf Jahre lang haben Sharman und seine Kollegen, die amerikanischen Wissenschaftler Michael Findley und Daniel Nielson, sowie ein Stab von rund zwei Dutzend Helfern an der Studie gearbeitet, die im Jahr 2014 veröffentlicht wurde. Durch die Panama-Enthüllungen ist sie nun brandaktuell geworden.

          Die Ergebnisse sind ziemlich überraschend: Wer Begriffe wie „Steueroase“ oder „Offshore-Zentrum“ hört, der denkt in der Regel an exotische Finanzplätze wie die Britischen Jungferninseln, Bermuda oder die Seychellen. Doch tatsächlich machten es ausgerechnet die in der OECD zusammengeschlossenen Industriestaaten Steuerhinterziehern und Geldwäschern besonders einfach, eine Briefkastenfirma zu gründen, bilanziert Sharman. „Im Grunde ist die Haltung der OECD-Staaten heuchlerisch“, sagt er. Sie forderten international mehr Transparenz und bessere Kontrollen, duldeten aber daheim laxe Geschäftspraktiken.

          Vereinigte Staaten und Deutschland schneiden bescheiden ab

          „Es wird mit zweierlei Maß gemessen“, kritisiert Sharman. „Große und mächtige Staaten kommen mit gravierenden Versäumnissen davon, während kleinere Länder angeprangert werden.“ Bei den Undercover-Testanfragen der Wissenschaftler schnitten Firmenvermittler in den Vereinigten Staaten in puncto Kontrollen mit am schlechtesten ab - sogar teilweise noch deutlich schwächer als solche im mittlerweile vielgescholtenen Panama. Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten beteiligen sich die Vereinigten Staaten auch nicht am automatischen internationalen Austausch von Steuerdaten. Der sogenannte Common Reporting Standard (CRS) wurde von der OECD entwickelt und soll es ab dem nächsten Jahr für Steuerhinterzieher schwerer machen, Geld im Ausland zu verbergen, wenn die Daten zwischen den Ländern automatisiert ausgetauscht werden.

          Andere Industriestaaten, darunter auch Deutschland, schnitten in dem Briefkastenfirmen-Test der Wissenschaftler ebenfalls vergleichsweise bescheiden ab. Mit die sorgfältigste Prüfung nahmen dagegen Anbieter von Briefkastenfirmen auf den Kaimaninseln, den Britischen Jungferninseln und der Isle of Man vor. „Unsere Untersuchung zeigt, dass die üblichen Verdächtigen der Offshore-Finanzwelt in Wahrheit sehr viel bessere Standards haben als manch anderes Land“, sagt Sharman. An wen würde sich der Briefkastenfirmen-Experte wenden, wenn er ein Krimineller wäre, der eine solche Gesellschaft gründen will? „Ich ginge wahrscheinlich nach Wyoming, Nevada oder Delaware“, sagt Sharman. Mit seiner kritischen Einschätzung ist er nicht allein. Auch andere Fachleute zählen die drei amerikanischen Bundesstaaten zu den aggressivsten Marktteilnehmern im Wettbewerb um Offshore-Finanzkunden. Die dortigen Vermittler böten zuverlässig Anonymität und stellten kaum unbequeme Fragen, sagt Sharman.

          Frankfurts Skyline: Deutschland schneidet bei der Überprüfung von Briefkastenfirmen bescheiden ab.

          Dabei waren die fingierten Kundenanfragen der Wissenschaftler bewusst heikel formuliert: Sharman und sein Team gaben sich beispielsweise als Berater eines Mandanten aus der Ölindustrie in Äquatorialguinea oder als Vertreter einer islamischen Wohltätigkeitsorganisation mit Sitz in Saudi-Arabien aus. „Wenn solche Interessenten wegen einer Briefkastenfirma anfragen, sollte eigentlich klar sein, dass ein großes Risiko des Missbrauchs für Korruption und Terrorfinanzierung besteht“, sagt er.

          Was müsste nach Sharmans Meinung getan werden, um den Missbrauch von Briefkastenfirmen wirksam einzudämmen? Der Experte nennt zwei Punkte: „Erstens muss eine ganze Reihe von OECD-Staaten ihren Gelöbnissen Taten folgen lassen und innerhalb ihrer eigenen Grenzen für bessere Kontrollen sorgen“, sagt er. Außerdem sollten Dienstleister wie Anwälte und Banken, die vom Geschäft mit Briefkastenfirmen profitieren, härter bestraft werden, wenn diese für krumme Geschäfte missbraucht würden. „Wir brauchen mehr Abschreckung“, fordert Sharman. Eine hundertprozentige Lösung gebe es zwar nicht, sagt er. „Aber wir können dieses Problem sehr viel besser in den Griff bekommen.“

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