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Organspende-Kommentar : Mein Körper ist kein Ersatzteillager

Ärzte entnehmen einem Spender eine Niere, die für eine Transplantation vorgesehen ist. Bild: dpa

Jens Spahn, der Gesundheitsminister von der CDU, will uns Bürger jetzt manipulieren und zum Organspenden zwingen. Das sollten wir nicht hinnehmen.

          Wer ein Organ spendet, leistet einen Akt der Hilfsbereitschaft und Solidarität. Die Transplantation von Herz, Leber, Niere oder Lunge rettet Leben. Das ist der Grund dafür, warum das Transplantationsgesetz von 2012 die Krankenkassen verpflichtet, ihre Mitglieder regelmäßig schriftlich über den guten Zweck der Organspende zu informieren und sie aufzufordern, im Organspendeausweis ihre Einwilligung oder Ablehnung zu bekunden.

          Erfolge der Kampagne „Pro Organspende“ bleiben bislang aus. Schlimmer noch: Im Jahr 2017 verzeichnete die Statistik in Deutschland einen neuen Tiefstand der Spender: 797 Menschen haben ein Organ zur Verfügung gestellt; im Jahr 2010 waren es noch 1296.

          Man wird dies als freie Entscheidung freier Bürger zur Kenntnis nehmen müssen. Wer will, kann es auch als mangelnde Solidarität in der Gesellschaft deuten. Doch Jens Spahn, der Gesundheitsminister von der CDU, will uns Bürger jetzt manipulieren und zum Spenden zwingen. Das sollten wir nicht hinnehmen.

          Die Verhältnisse werden umgedreht

          Für den Herbst hat Spahn einen Gesetzentwurf angekündigt, wonach die Entnahme von Organen künftig besser vergütet werden soll. Die Kliniken klagen, 3900 Euro je Organ seien für sie ein Verlustgeschäft. Außerdem denkt Spahn darüber nach, die momentan geltende Regelung der Entscheidungslösung in eine Widerspruchslösung umzuwandeln.

          Was damit gemeint ist? Heute muss man explizit und positiv entscheiden, welche Organe und Gewebe man zu spenden bereit ist. Die Widerspruchslösung dreht die Verhältnisse um: Wer nicht explizit ausschließt, seine Organe zu spenden, hat implizit seine Einwilligung gegeben. Härter gesagt, läuft es auf eine erschlichene Lizenz zur Zwangsausschlachtung hinaus.

          Die Widerspruchslösung findet bei beiden Koalitionspartnern immer mehr Unterstützung. Es wäre fatal, würde sie sich durchsetzen. Der Bürger wird dann nicht mehr als freies Subjekt behandelt, sondern als Objekt zur Steigerung des Spendenaufkommens – gerade so, als seien seine Organe zum Tausch freies Eigentum der Gemeinschaft.

          Tot ist nicht eindeutig

          Das verletzt eklatant unser Recht am eigenen Körper. Die technokratische Grundlage für den Paradigmenwechsel sind Ideen der Verhaltensökonomie, die man „sanften Paternalismus“ nennt. Ein Beispiel aus einem anderen Lebensbereich: Legt der Arbeitgeber seinen Angestellten nahe, Teile des Gehalts für das Alter zurückzulegen („opting in“), machen das wenige. Müssen sie explizit widersprechen, dass automatisch Gehaltsbestandteile zurückgelegt werden, sparen viel mehr Menschen („opting out“). Es ist ein Design, das mit dem inneren Schweinehund menschlicher Bequemlichkeit spielt und bei der Altersvorsorge gerade noch durchgehen kann, an der Organspende aber seine Grenze findet.

          Kombiniert man die Widerspruchslösung dann auch noch mit besseren finanziellen Anreizen für die Kliniken, wird es fürchterlich. Denn ökonomische Anreize, das sollte bekannt sein, wirken: Für Ärzte wird es dann attraktiv, die Behandlung eines todkranken Patienten nicht mehr „patientenorientiert“, sondern „spenderzentriert“ vorzunehmen.

          Es ist naiv zu meinen, tot sei tot und medizinisch eindeutig. Als Organentnahme-Kriterium gilt der Hirntod, das irreversible Erlöschen aller Hirnfunktionen, was nach der Auffassung vieler Humanmediziner und Ethiker aber nicht mit dem Tod des Menschen schlechthin gleichzusetzen ist. Der menschliche Körper ist mehr als eine bloße Maschine, die vom Hirn gesteuert wird.

          Wer die Verhaltensökonomie dazu benutzt, im Interesse eines Gemeinwohls (mehr Organspender!) menschliche Freiheitsentscheidungen zu ignorieren, entlarvt sich als technokratischer Paternalist. Der Übergang vom Respekt vor der Sakralität des Körpers zu seiner Verzweckung als Ersatzteillager im Interesse der Lebensrettung anderer bleibt eine Ungeheuerlichkeit – aller politischen Moralisierung zum Trotz.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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