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Organspende Die Gabe

Krankenkassen fordern ihre Versicherten jetzt dazu auf, sich zu entscheiden, ob sie nach dem Tod ihre Organe spenden wollen oder nicht. Der Druck auf die potentiellen Spender wächst.

Seit dem vergangenen Donnerstag ist es so weit. Die ersten Krankenkassen verschicken Briefe an ihre Versicherten, in denen sie über Organtransplantation informieren und bitten: Entscheiden Sie sich, ob Sie Spender sein wollen! Die Versicherten müssen nicht antworten, auch werben die Kassen unterschiedlich offensiv für die Organspende. Trotzdem werden viele Deutsche jetzt erstmals und von da an regelmäßig mit der Frage konfrontiert, ob sie ihre Organe spenden wollen. Der Druck wächst.

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Grund für das Drängen ist eine Knappheit an Organen: 12.000 Menschen warten in Deutschland auf eine Transplantation. Wären Organe ein ganz normales Gut, würde einfach der Preis steigen und damit das Angebot an Organen - Problem erledigt. Doch das ist ethisch glücklicherweise undenkbar. Niemand soll aus Geldmangel dazu getrieben werden, seine Organe zu verkaufen. Stattdessen regiert auf dem Organ-Markt das Gesetz der Gabe: Organe werden gespendet, geschenkt, häufig an Unbekannte, ohne direkte Gegenleistung.

Der Druck auf die anderen wächst

Will man hier das Angebot erhöhen, dann geht das zuallererst durch eins: sozialen Druck. Das funktioniert ähnlich wie in einer Runde von zehn Menschen, die sich in der Kneipe treffen. Geben zwei davon eine Lokalrunde, also eine Gabe an alle, die eigentlich keine direkte Gegenleistung verlangt, dann wächst der Druck auf die übrigen, es ihnen nachzutun. Je höher dieser Druck, desto wahrscheinlicher, dass am Ende alle eine Runde bezahlt haben.

Entscheiden sich jetzt also aufgrund der Kampagne mehr Deutsche für eine Organspende, wächst der Druck auf die Restlichen. Sie gelten auf einmal als egoistisch, wenn sie ihre Organe lieber mit ins Grab nehmen, fühlen sich gezwungen, etwas zu entscheiden, was sie lieber aufschieben würden. Auch die Gabe hat also einen Preis, nur drückt er sich nicht in Euro aus. Der Lohn für die Bereitschaft zur Organspende ist der Beifall der anderen. Der Preis dafür, die Organspende zu verweigern, ist entgangene soziale Anerkennung.

Es gibt gute Gründe, die Organspende zu verweigern

Das bringt die Menschen, die nicht spenden wollen, in eine unangenehme Lage. Wie einfach wäre es, die Organspende zu verweigern mit dem Hinweis: Meine Niere ist mir mehr Geld wert als das, was dafür gezahlt wird. Und wie schwierig ist es, die Organspende abzulehnen, mit dem Hinweis: Meine Niere ist mir mehr wert als eure Anerkennung.

Dabei gibt es Gründe, die Organspende zu verweigern. So weiß jeder Arzt, dass es eine Grauzone zwischen Tod und Leben gibt. Und es ist eine berechtigte Sorge, dass diese möglicherweise verschoben wird, wenn man bereit zur Organspende ist. Von welchem Zeitpunkt an ist man für den Arzt nicht mehr vorrangig Patient, sondern Ersatzteillager für andere? Geschieht dieser Übergang womöglich schon vor dem Hirntod? Und ist das richtig so? Wer die Organspende verweigert, braucht sich diese Fragen nicht zu stellen.

Grauzone zwischen Tod und Leben

Dazu kommt, dass der Organspender in der Regel nicht selbst entscheidet, wer seine Gabe bekommt. Was ist, wenn ein Trinker die eigene Leber bekommt, ein Unsympath das eigene Herz? Solche Gedanken sind weniger problematisch, wenn es eine Methode gibt, den geeigneten Empfänger zu finden, die einem vernünftig erscheint. Nun ist diese Methode in Deutschland aber von Ärzten mit Tricks umgangen worden, um ihren Lieblingspatienten ein Organ zuzuschieben. Es ist verständlich, wenn einige Menschen deshalb keine Organe spenden wollen.

Wenn man also den Druck auf die Spender erhöht - so wie es derzeit geschieht - dann ist es fahrlässig, dies zu tun, ohne die Sorgen der Spender aufzunehmen. Es braucht eine breite Diskussion über die Grauzone zwischen Tod und Leben und ein System der Organ-Zuteilung, das weniger manipulierbar ist.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 03.11.2012, 15:44 Uhr

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