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Ordnungsökonomik war ein Sonderweg

15.03.2009 ·  Gut eingeschlagene Wege enden am Ziel. Die verbal orientierte Ordnungsökonomik war ein deutscher Sonderweg. Glanzvoll zu seiner Zeit. Doch der Weg ist abgeschritten. Etwas mehr Mathe schadet nicht.

Von Albrecht Ritschl
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Gut eingeschlagene Wege enden am Ziel. Die verbal orientierte Ordnungsökonomik war ein deutscher Sonderweg. Glanzvoll zu seiner Zeit. Doch der Weg ist abgeschritten. Etwas mehr Mathe schadet nicht, meint Professor Dr. Albrecht Ritschl. Er lehrt Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics.

Gut eingeschlagene Wege enden am Ziel. Ordnungsökonomik, wie sie im Zweiten Weltkrieg und der frühen Nachkriegszeit Walter Eucken, Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack geprägt haben, war ein Sonderweg eigener Art, die behutsame Heranführung der deutschen Volkswirtschaftslehre an die individualistische Wohlfahrtsökonomik des Westens. Woher die Notwendigkeit für diesen Weg?

Sonderwege bedingen Sonderwege. Seit dem frühen 19. Jahrhundert stand Deutschlands ökonomisches Schrifttum unter dem Zeichen der Nationswerdung. Eine nationale Ökonomik sollte helfen, trotz der englischen Dominanz auf dem Weltmarkt einen starken Nationalstaat zu errichten. Dafür schienen liberale Konzepte nicht zu taugen. Als Ergebnis hat die individualistische, axiomatische Denkweise des Liberalismus bis 1945 nicht wirklich die Hauptströmung des ökonomischen Denkens in Deutschland erreicht. Zu groß blieb das Bedürfnis, staatliche Aktivität und die nationalpolitisch erwünschte Zusammenballung wirtschaftlicher Macht auch dort zu verteidigen, wo sie scharf in private Freiheitsrechte eingriff.

Die Verbalform war vermutlich das Geheimnis ihres Erfolgs

Euckens Ordnungsökonomik spiegelte demgegenüber in Reinform das liberale Programm, das sich zwischen den Weltkriegen international herausbildete. Neu begründet mit der Grenznutzen- und Grenzproduktivitätstheorie der Preisbildung, brachte diese Doktrin das Lob der englischen Klassik für den Konkurrenzmarkt zu neuen Ehren. Vollständige Konkurrenz und ihr staatlicher Schutz vor Kartellen und Monopolen wurde zum Leitbild erhoben, ganz nach der alten Maxime von Adam Smith, jede private Zusammenkunft von Kaufleuten sei eine Verschwörung gegen die Allgemeinheit. Smith hatte auf die Segnungen des Preismechanismus als einer "unsichtbaren Hand" verwiesen - die moderne (neoklassische) Ökonomik konnte die Koordinationsleistung dieses Mechanismus analysieren und seine von Smith vorhergesagten wohlfahrtssteigernden Wirkungen im Modell ableiten.

Nicht viel davon findet sich in Euckens Schriften oder in denen seiner Mitstreitern: Ihre Bücher kamen ohne Formeln und Kurven aus, sie präsentierten die Ergebnisse des neuen liberalen Konsenses ausschließlich in Verbalform. Und genau das war vermutlich das Geheimnis ihres Erfolgs. Die intellektuelle Leistung der deutschen Ordnungsökonomik besteht darin, das neue Weltbild einem mathematisch nicht vorgebildeten akademischen Publikum vermittelt zu haben, das eher an historischen Untersuchungen geschult war. Bedenkt man, dass eine universitäre Grundausbildung in mathematischer Ökonomik erst in den sechziger Jahren allgemeine Verbreitung fand, wird der breite Erfolg der neuen Denkschule leichter erklärbar.

Noch etwas kommt hinzu. Durch das Dritte Reich war der machtstaatliche Ansatz zur Volkswirtschaftslehre nach 1945 gründlich diskreditiert. Staatsvergottung fand allenfalls noch auf der Linken statt, und in der Tat verlagerte sich die ideologische Auseinandersetzung bald auf die liberale Sozialismuskritik - die Unmöglichkeit, einen so gigantischen Staatsapparat, wie ihn der Sozialismus hervorbringen musste, wirtschaftlich zu steuern und demokratisch zu kontrollieren. Vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs war das attraktiv, und der historisch-philosophische Argumentationsstil Euckens und seiner Mitstreiter kam in Deutschland gut an.

Die Wissenschaft muss sich weiterentwickeln

Warum also ist Ordnungsökonomik in eine Krise geraten? Drei Gründe lassen sich angeben. Zum einen hat sich die Hauptleistung der ordnungsökonomischen Schule erschöpft: Übersetzungen zwischen formaler Theorie und ihrer verbalen Darstellung sind für den geschulten Volkswirt heute nicht mehr nötig. Zum zweiten hat sich die mikroökonomische Theorie, auf deren Ergebnissen aus den dreißiger Jahren die Ordnungsökonomik errichtet wurde, rasant weiterentwickelt. Neu hinzugekommen sind einerseits die Spieltheorie und andererseits die Anreiztheorie unter asymmetrischer Information, beide mit ungezählten, miteinander verschränkten Anwendungsgebieten. Wenngleich es möglich ist, Basisergebnisse dieser Theorien verbal darzustellen, ist eine analytische Behandlung ohne Mathematik ausgeschlossen. Zum dritten aber ist die Ordnungsökonomik auf dem Feld wirtschaftspolitischer Institutionengestaltung nur mäßig erfolgreich geblieben.

Alle drei Gründe wirken zusammen. Das Leitbild der vollkommenen Konkurrenz aus den dreißiger Jahren besaß eine nur rudimentäre Theorie des Marktversagens, also jener Bereiche, die eben doch aus der Konkurrenz ausgenommen und staatlich geregelt bleiben müssen. Tatsächlich ist in Deutschland nach dem Kriege die Lenkung dieser Bereiche weitgehend älteren Vorbildern aus den zwanziger und dreißiger Jahren gefolgt. So gab es große Wirtschaftsbereiche, zu deren Steuerung die Ordnungsökonomik wenig Handreichung geben konnte. Es sind aber gerade diese Bereiche, deren Steuerbarkeit sich unter dem Einfluss der neueren Entwicklungen in der ökonomischen Theorie erheblich verbessert hat.

Die Ordnungsökonomik wird ihren Platz in der Ideengeschichte behalten

Alle großen Deregulierungen in Deutschland seit den achtziger Jahren sind unter dem intellektuellen Einfluss des Auslands zustande gekommen, während die Ordnungsökonomik steril blieb, unfruchtbar bleiben musste, weil sie mit der Komplexität ökonomischen Denkens nicht mitwachsen konnte. Alle drei Gründe haben auch dazu beigetragen, dass jüngere Forschergenerationen sich zu den stärker formalen Arbeitsgebieten hingezogen gefühlt haben - einfach weil der versprochene wissenschaftliche Ertrag höher ist. An den alten Wahrheiten hat sich wenig geändert, neue Einsichten aber entstehen in anderen Gebieten.

Am Ende des Sonderwegs gilt es, Abschied zu nehmen und der Ordnungsökonomik ihren - zweifellos glanzvollen - Platz in der deutschen Ideengeschichte zuzuweisen. Sie war der Pfad für eine verspätete Modernisierung des ökonomischen Denkens in Deutschland. Dieser Weg jedoch ist abgeschritten. Heute bestehen neue Herausforderungen.

Professor Dr. Albrecht Ritschl lehrt Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics.

Quelle: F.A.Z.
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