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Veröffentlicht: 12.11.2011, 15:08 Uhr

Online-Debatten Die bunte Welt der Wirtschaftsblogs

Traditionell verbreiten Ökonomen ihre Ideen über Aufsätze in Fachzeitschriften. Bis sie dort Feedback bekommen, vergehen aber oft Monate oder Jahre. Im Internet geht das schneller.

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© Alfons Holtgreve

„Fazit“ heißt der jüngste Zuwachs in der Welt der Blogs. Autoren von F.A.Z. und F.A.S. haben am Freitag ein Wirtschaftsblog eröffnet, in dem sie die Ökonomie und die Finanzmärkte betrachten. Nicht nur die Sonntagsökonomen beteiligen sich an dem Blog, sondern auch Finanzmarkt-Experten und Redakteure der beiden Zeitungen. So wird das Blog eine starke Stimme in der Online-Diskussion. Und diese Diskussion wird immer lauter. Denn die Wirtschafts- und Finanzwelt braucht Blogs- nie waren sie nötiger als heute.

Patrick Bernau Folgen:

Einerseits fällt inzwischen jedem auf, dass man ohne Wissen über Wirtschaft und Börse die Welt nicht mehr versteht. Selbst die Bundeskanzlerin lässt sich inzwischen Oberseminare in Volkswirtschaftslehre geben und lädt Nobelpreisträger Robert Mundell ein, um sich von ihm die Theorie optimaler Währungsräume und seine neuen Thesen über die beste Weltwährung vorstellen zu lassen. Und wo in Griechenland und Italien die Regierungen ausgewechselt werden, kommen Ökonomen an die Macht.

Andererseits werden gerade in dieser Krise viele traditionelle ökonomische Erkenntnisse in Frage gestellt. Kaum noch jemand glaubt zum Beispiel, dass sich Krisen ganz verhindern lassen. Auch der Glaube an rationale Märkte ist geschwunden - und dass Wirtschaftswachstum ein erstrebenswertes Ziel ist, gilt nicht mehr als selbstverständlich. Mancher Kritiker zweifelt gar am Sinn des ganzen Berufsstands der Ökonomen.

Dass die neuen Ideen den Test der Zeit bestehen, ist noch längst nicht ausgemacht. Auf jeden Fall gibt es viel zu diskutieren. Das können die Fachzeitschriften der Volkswirte nicht leisten. Denn die sind erstens zu speziell und zweitens zu langsam: Bis fertige Manuskripte in einer anerkannten Fachzeitschrift erscheinen, dauert es manchmal Jahre. Allein bis der Beitrag begutachtet ist, vergehen oft mehrere Monate. Und manche Zeitschrift schiebt bereits einen Stapel von Manuskripten vor sich her.

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Im Internet finden neue Ideen schneller ihren Weg: Wenn Forscher eine neue Idee haben, stellen sie ihr Manuskript online und bekommen rasch Feedback von den Kollegen. Damit auch Laien die Erkenntnisse verstehen können, schreiben die Forscher Blogbeiträge.

Blogs, das sind laut Namen „Tagebücher im World Wide Web“ (lang: Weblogs). Schon seit Jahren geht es aber nicht mehr um simple Tagebücher. Inzwischen fließen dort Gedanken hin und her - manchmal lang ausgeführt, manchmal nur kurz angetippt. Einige Autoren schreiben klar argumentierend bis an die Grenze zur Polemik wie Nobelpreisträger Paul Krugman bei der New York Times. Andere schreiben abwägend und theoretischer wie die Autoren des englischsprachigen Sammelblogs „Vox“, zu denen international bekannte Ökonomen wie Dani Rodrik und der neue griechische Regierungschef Lucas Papademos gehören. Auch die deutschen Wirtschaftsweisen haben dort vergangene Woche ihr Gutachten vorgestellt.

Im englischsprachigen Raum hat inzwischen fast jeder Professor, der etwas auf sich hält, ein eigenes Blog: Das gilt für den Lehrbuchautor Greg Mankiw ebenso wie für den 80-jährigen Ökonomienobelpreisträger Gary Becker, der sich jede Woche eine Frage vornimmt und sie mit seinem Kollegen, dem Juristen Richard Posner ausführlich diskutiert - zuletzt, ob es den Vereinigten Staaten bald so geht wie Griechenland.

Die amerikanischen Forscher nehmen die Blogs sogar so ernst, dass manche Universität sie offiziell ins Forschungsprogramm aufgenommen hat. Mark Thoma beispielsweise, Professor an der Universität von Oregon, hat sich mit seinem Blog als Kurator der amerikanischen Blog-Welt einen Namen gemacht. Im Gegenzug hat ihm die Universität erlaubt, weniger Beiträge in Fachzeitschriften zu veröffentlichen.

In Deutschland halten sich viele Forscher bislang zurück. Nur wenige haben ein eigenes Blog, auch wenn viele sich mit ihren Gastbeiträgen an den Sammelblogs „Ökonomenstimme“ und „Wirtschaftliche Freiheit“ beteiligen und so mancher auch mal einen englischsprachigen Beitrag bei „Vox“ hinterlässt.

Dafür gibt es eine Reihe ökonomisch gebildeter Blogger, die zwar selbst nicht forschen, aber trotzdem gute Ideen in die Debatte werfen. Ein anonymer deutscher Ökonom betreibt das Blog „Kantoos“ auf deutsch und englisch. Er kennt sich in den Debatten Deutschlands und Amerikas aus und erklärt oft dem einen Land die Sicht des anderen. Zudem finden sich ökonomische Themen zum Beispiel in der „Wunderbaren Welt der Wirtschaft“ oder beim „Wirtschaftswurm“.

Unternehmensberater Dirk Elsner hat in seinem Blog „Blicklog“ mehr als 200 deutschsprachige Wirtschaftsblogs sortiert und aufgelistet. Darin finden sich der „Herdentrieb“ der Zeit, das „Handelsblog“ des Handelsblatts und das englischsprachige „Economic Intelligence“ von dessen Redakteur Olaf Storbeck, aber auch reine Finanzblogs wie das „Börsenblog“ und spezielle Blogs, die sich mit praktischen Fragen der Unternehmensführung befassen, wie die „Steuer-Nachrichten“.

Die Fazit-Blogger der Frankfurter Allgemeinen betrachten die Welt der Wirtschaft und der Finanzen gemeinsam. Und sie betrachten die ganze Welt, nicht ohne bewusste Anmaßung, aus der Perspektive der Ökonomie. Denn eines ist nach Finanz- und Eurokrise unbestreitbar: Wer Wirtschaft und Finanzen nicht gemeinsam versteht, versteht die Welt nicht.

Die Lieblingsblogs der Fazit-Blogger finden Sie nochnmals aufgelistet in der Randspalte des neuen Blogs verlinkt.

Das neue Fazit-Blog: www.faz.net/fazit

Blog-Mindmap im „Blick Log“: bit.ly/u6PjWh

Quelle: F.A.S.

 

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