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Olivier Theyskens Der Wunderknabe des Prêt-à-porter

15.09.2006 ·  Olivier Theyskens ist der Wunderknabe, den das Prêt-à-porter gesucht hat. Nun geht er zu Nina Ricci. Hier soll der experimentierfreudige Modemacher abermals unter Beweis stellen, daß er einem alten Mode-Haus ein neues Design verpassen kann.

Von Alfons Kaiser
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Immer wieder braucht die Mode Wunderknaben. Und in Olivier Theyskens hat das Prêt-à-porter den Richtigen gefunden: Der Designer mit den Indianerhaaren und den Rehaugen schaut ein wenig schüchtern in die Modewelt hinaus und ist fast so jung wie die Models, die seine ans Viktorianische grenzenden romantischen Entwürfe präsentieren.

Die Moderedakteurinnen, eine ganz besondere Spezies leicht entflammbarer Frauen, sind schon seit Jahren hin und weg. Leider reichte das nicht: Die Modesparte des französischen Hauses Rochas, für das Theyskens seit 2002 die Designverantwortung trug, wurde vor wenigen Wochen vom Konzern Procter & Gamble geschlossen, die dreißig Angestellten des Hauses in Paris entlassen. Die Geschäfte hielten nicht mit der Begeisterung für die zu neuem Leben erwachte Marke Schritt.

An Olivier Theyskens lag es nicht. Sonst hätte das Modehaus Nina Ricci nicht in dieser Woche bekanntgegeben, daß es den 29 Jahre alten belgischen Jungstar von November an als Chefdesigner verpflichtet. Kaum mußte er sein Atelier bei Rochas räumen, zog er ins nächste legendäre Modehaus ein. Das Designerkarussell dreht sich also weiter, nachdem es in den Krisenjahren 2002 bis 2004 ins Stocken geraten war. Schon spekuliert die Modewelt darüber, ob der von Nina Ricci entlassene schwedische Designer Lars Nilsson, der sich gerade als Gast auf der Modewoche in Manhattan umsieht, dem New Yorker Altmeister Oscar de la Renta in dessen Unternehmen nachfolgen könnte - denn de la Renta ist eben nicht nur ein Meister, sondern mit 74 Jahren für den Modezirkus auch ziemlich alt.

Theyskens: Einflußreicher Modemacher

In Paris muß ein Designer die alten Namen zu neuem Leben erwecken können. Nicht nur die ganz Großen - Karl Lagerfeld (Chanel), John Galliano (Christian Dior), Marc Jacobs (Louis Vuitton), Jean-Paul Gaultier (Hermès) - beherrschen diese Kunst. Olivier Theyskens, der nach der Modeschule 1997 seine eigene Marke gründete und 1998 einen Überraschungserfolg landete, als Madonna bei den Academy Awards eines seiner Kleider trug, küßte immerhin das 1925 gegründete und lange schlummernde Maison Rochas wach.

Er erging sich in der dekadenten Kunst der teuren Abendroben und überraschte vor einem Jahr - vielleicht in einem letzten Versuch, das Geschäft zu beleben - mit Hosenanzügen, die ihren Preis mit angekrausten Ärmeln, superleichten Stoffen und knitternder Eleganz rechtfertigten. Die Stücke wurden von namhaften amerikanischen Einkäufern geschätzt. Die amerikanische Ausgabe von „Vogue“ zählte Theyskens im vergangenen Jahr sogar zu den sieben einflußreichsten Modemachern der Welt. Und die Damen in der ersten Reihe jauchzten, wenn sich ihr zarter Star nach dem Defilee schüchtern verbeugte. Aber Rochas blieb trotz Umsatzwachstums eine Nischenmarke mit hohen Preisen und niedrigen Stückzahlen.

Accessoires müssem her

Bei Nina Ricci hat Olivier Theyskens in der Modesparte, die im Vergleich zur Parfümsparte recht klein ist, ein Team von mehr als zehn Designern um sich. Dort wird er ganz neu gefordert werden. Die Geschäfte laufen zwar sehr gut. Aber die 1932 von Marie Adélaïde Nielli gegründete Marke, die (wie Carolina Herrera und Paco Rabanne) zum spanischen Puig-Konzern gehört, wird nicht bei Lars Nilssons mädchen- und märchenhaften Entwürfen stehenbleiben wollen. Die eigentliche Mode ist für ein Modehaus meist nur schmückendes Beiwerk für die Renditebringer Taschen, Schuhe, Gürtel, Sonnenbrillen und Parfüms.

Theyskens wird sich also dem Thema Accessoires stellen müssen, das Nilsson offenbar nur zögerlich angegangen war. Besonders kleine Modehäuser, die nicht mit der Marketingmacht großer Konzerne wie Gucci oder LVMH ausgestattet sind, müssen rechtzeitig diversifizieren, um das Geschäft mit der Mode zu stützen. Ohne Lizenzen ist eine Linie im gehobenen Prêt-à-porter heute kaum noch tragbar. Andererseits kann auch die Mode gewinnen in der Kombination mit den Accessoires - Chloé und Prada haben es vorgemacht. Und experimentierfreudig genug ist Theyskens ja, einem alten Haus ein neues Design zu verpassen.

Quelle: F.A.Z., 15.09.2006, Nr. 215 / Seite 18
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Jahrgang 1965, verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“.

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