http://www.faz.net/-gqe-756ok
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.12.2012, 15:39 Uhr

Offener Brief an Joachim Gauck Ökonomen: Spekulation mit Lebensmitteln nicht verkehrt 

Bundespräsident Joachim Gauck hat gerade vor Agrarspekulation gewarnt. Die sei überhaupt nicht schlecht, schreiben ihm nun deutsche Ökonomen. Und warnen sogar davor, die Spekulation einzuschränken.

von
© dpa Auch Weizen ist ein Spekulationsobjekt.

In der Diskussion, ob Spekulation mit Lebensmitteln zu dauerhaft steigenden Preisen führe, haben 40 Professoren in einem offenen Brief die Ansicht vertreten, ein solcher Zusammenhang sei wissenschaftlich nicht erwiesen. Die Diskussion in Medien und Politik werde einseitig geführt. Sie seien besorgt darüber, „dass die Wissenschaft bei diesem wichtigen und sensiblen Thema für Positionen in Anspruch genommen wird, die wissenschaftlich schlichtweg nicht haltbar sind“, schreiben die Forscher - größtenteils Agrarökonomen, aber auch Ethiker und Juristen - an Bundespräsident Joachim Gauck. Der Brief, der dieser Zeitung vorliegt, soll an diesem Donnerstag veröffentlicht werden.

Jan Grossarth Folgen:

Gauck hatte vor einigen Tagen vor Agrarspekulationen gewarnt und gesagt, er finde es gut, wenn Banken „aufgelegte Fonds prüfen und hoffentlich zurückziehen“. Das sehen die Agrarökonomen anders: Sie berufen sich auf eine Überblicksstudie des Hallenser Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung. Demnach erkennt die Mehrheit der wissenschaftlichen Untersuchungen keinen Zusammenhang (F.A.Z. vom 10. Dezember). Von den in methodisch anspruchsvollen Journalen veröffentlichten Studien belegte keine einen dauerhaften Einfluss der Spekulation auf die Höhe der Preise. Jede zweite aber wies einen Einfluss auf kurzfristige Preisvolatilität nach.

„Eingeschränkte Spekulation kann sogar kontraproduktiv sein“

Organisationen wie Oxfam oder Foodwatch sind anderer Auffassung. Sie werben für eine Regulierung dieses Marktes. Die Organisation Oxfam hält es für „unbestritten, dass die wissenschaftliche Debatte darüber kontrovers geführt wird“. Die Politik müsse vorsorgend eingreifen und die Spekulation begrenzen, ohne die Funktionsweise der Warenterminmärkte zu gefährden. Eine schärfere Regulierung sei im Zweifelsfall angebracht, solange die wissenschaftlichen Beweise nicht ausreichten. Foodwatch kritisierte die Aktion der Agrarökonomen um den Wirtschaftsethiker Ingo Pies von der Universität Halle. Dieser gebe den Forschungsstand „definitiv falsch wieder“, sagte der Vorsitzende Thilo Bode. Es gebe ebenso viele qualifizierte Studien, die eine Auswirkung der Spekulation auf die Preise nachwiesen. Pies arbeite „wissenschaftlich unsauber“, indem er gezielt Studien nicht erwähne. Diesen Vorwurf freilich machen umgekehrt die Wissenschaftler Oxfam und Foodwatch.

Mehr zum Thema

Die unterzeichnenden Ökonomen um Harald von Witzke (Humboldt Universität Berlin) und Matin Qaim (Göttingen) sind der Auffassung, eine Einschränkung der Spekulation könne für die Bekämpfung des Hungers sogar kontraproduktiv sein. Bauern und Händler brauchten Terminmärkte, um Preisrisiken abzuwälzen, heißt es deren Brief.

Die Unterzeichner

Prof. Dr. Jörg Althammer, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (Wirtschaftsethik)
Prof. Dr. Alfons Balmann, Leibniz-Institut IAMO und Universität Halle-Wittenberg
(Agrarökonomik)
Prof. Dr. Tilman Becker, Universität Hohenheim (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Markus Beckmann, Universität Erlangen-Nürnberg (Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Klaus B. Beckmann, Universität Hamburg (Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Ernst Berg, Universität Bonn (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Blum, Universität Halle-Wittenberg (Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Martina Brockmeier, Universität Hohenheim (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Bernhard Brümmer, Universität Göttingen (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Mathias Erlei, Technische Universität Clausthal (Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Klaus Frohberg, Universität Bonn (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Thomas Glauben, Leibniz-Institut IAMO und Universität Halle-Wittenberg
(Agrarökonomik)
Prof. Dr. Egon Görgens, Universität Bayreuth (Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Harald Grethe, Universität Hohenheim (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Bernd Hansjürgens, Helmholtz-Zentrum UFZ und Universität Halle-Wittenberg
(Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Thomas Heckelei, Universität Bonn (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Thomas Herzfeld, Leibniz-Institut IAMO und Universität Halle-Wittenberg
(Agrarökonomik)
Prof. Dr. Heinrich Hockmann, Leibniz-Institut IAMO und Universität Halle-Wittenberg
(Agrarökonomik)
Prof. Dr. Dr. Karl Homann, Ludwig-Maximilians-Universität München (Wirtschaftsethik)
Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Kirschke, Humboldt-Universität Berlin (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Winfried Kluth, Universität Halle-Wittenberg (Jura)
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Ulrich Koester, Universität Kiel (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Matthias Lehmann, Universität Halle-Wittenberg (Jura)
Prof. Dr. Martin Leschke, Universität Bayreuth (Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Jens-Peter Loy, Universität Kiel (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Matthias Meyer, Technische Universität Hamburg-Harburg
(Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Rolf A. E. Müller, Universität Kiel (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Oliver Mußhoff, Universität Göttingen (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Bernd Noll, Hochschule Pforzheim (Wirtschaftswissenschaft)
Prof. Dr. Martin Odening, Humboldt-Universität Berlin (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Ingo Pies, Universität Halle-Wittenberg (Wirtschaftsethik)
Prof. Dr. Matin Qaim, Universität Göttingen (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Klaus Salhofer, Technische Universität München (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Dr. h.c. P. Michael Schmitz, Universität Gießen (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Stefan Tangermann, Universität Göttingen (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Ludwig Theuvsen, Universität Göttingen (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Stephan von Cramon-Taubadel, Universität Göttingen (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Dr. h.c. Harald von Witzke, Humboldt-Universität Berlin (Agrarökonomik)
Prof. Dr. Rüdiger Waldkirch, Fachhochschule Südwestfalen (Wirtschaftsethik)
Prof. Dr. Justus Wesseler, Technische Universität München (Agrarökonomik)

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Scheidender Bundespräsident Gauck hatte ans Weitermachen gedacht

Bundespräsident Joachim Gauck äußert sich erstmals ausführlich zu seiner Entscheidung, nach einer Amtszeit nicht wieder anzutreten. Und nennt den Grund, warum er sogar überlegt hatte weiterzumachen. Mehr

19.06.2016, 19:24 Uhr | Politik
Bundespräsident Gauck verzichtet auf zweite Amtszeit

Bundespräsident Joachim Gauck wird sich im nächsten Jahr nicht für eine zweite Amtszeit zur Wahl stellen. Das kündigte der 76 Jahre alte Bundespräsident im Schloss Bellevue an. Mehr

06.06.2016, 16:42 Uhr | Politik
SPD-Chef Gabriel Parteizugehörigkeit des Präsidenten ist mir egal

SPD-Chef Gabriel widerspricht seinem Fraktionschef Oppermann: Auch ein CDU-Politiker könne nächster Bundespräsident werden – solange der Kandidat bestimmte Qualitäten mitbringe. Mehr

12.06.2016, 04:58 Uhr | Politik
Livestream Bundespräsident Gauck gibt Erklärung ab

Bundespräsident Joachim Gauck gibt um 12 Uhr im Schloss Bellevue eine Erklärung ab. Gauck wird sich voraussichtlich dazu äußern, ob er 2017 für eine zweite Amtszeit zur Verfügung steht oder nicht. Verfolgen Sie die Rede im Livestream. Mehr

06.06.2016, 10:24 Uhr | Politik
Gauck zum Brexit Grund zum Nachdenken in Europa

Bei seiner europäischen Grundsatzrede in Bukarest weicht Bundespräsident Gauck vom Redetext ab und äußert sich zur Abstimmung über den Brexit. Pragmatismus statt Visionen - ist seine Botschaft nach vier Amtsjahren. Mehr

21.06.2016, 13:13 Uhr | Politik

Ein Urteil über die EU

Von Holger Steltzner

Manche werden den Briten mit ihren Sonderwünschen keine Träne nachweinen. Aber klar ist: Die EU kann nicht weitermachen wie immer. Sie hat berechtigte Reformwünsche zu lange ignoriert. Der Brexit ist die Quittung. Mehr 118 452


Märkte nach dem „Brexit“
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Euro in Dollar --  --
  FTSE 100 --  --
  Pfund in Euro --  --
  Pfund in Dollar --  --
  Gold --  --

„World Wealth Report“ So viele Millionäre leben in Deutschland

Weltweit hat das Vermögen der Millionäre im vorigen Jahr um vier Prozent auf 58,7 Billionen Dollar zugelegt. Deutschland ist dabei unter den vier Ländern mit den meisten Millionären – und hatte überdurchschnittliche Zuwächse. Mehr Von Christian Siedenbiedel 80 50

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --