16.06.2008 · Österreich bleibt für deutsche Investoren und Arbeitskräfte höchst attraktiv - auch wenn die Rivalität mit dem großen Nachbarn teils groteske Züge trägt. Das Land steht wirtschaftliche gut da und wird von Unternehmen als Türöffner geschätzt.
Von Michaela Seiser, WienWenn an diesem Montag die deutsche Nationalmannschaft auf Österreich trifft, dann herrscht in Wien Cordoba-Stimmung: Cordoba 1978, das ist das Symbol für Österreichs Triumph über Deutschland im Fußball; 3:2, ein alpenländisches Fußballwunder, von dem immer noch erzählt wird. Cordoba war der erste Sieg nach fast einem halben Jahrhundert, die späte Rache für eine verheerende Niederlage in Bern nach dem Krieg. „Wir fallen uns um den Hals, der Kollege Rippel, der Diplomingenieur Posch, wir busseln uns ab. Warten's noch ein bisserl, dann können wir uns vielleicht ein Vierterl genehmigen. Burschen, jetzt fallt's net um hinten. . . . I werd narrisch!“ So sprach der legendäre Wiener Sport-Journalist des österreichischen Rundfunks, Edi Finger, in völlig unjournalistischer Weise damals.
Viele nationale Eigenheiten sind an dieser Episode erkennbar. Deutschland ist ein Land, an dem die Österreicher nach wie vor ihre gut gepflegten Komplexe abarbeiten. Österreicher hegen ihrem wichtigsten Wirtschaftspartner gegenüber gemischte Gefühle. Sie sind sich nicht darüber im Klaren, ob sie in ihnen Heilsbringer oder Unterdrücker sehen sollen. Unmöglich ist es ihnen, zu übersehen, dass beträchtliche Teile ihrer Wirtschaft stillschweigend vom nördlichen Nachbarn übernommen worden sind. In der maßgeblichen Tagespresse spielen deutsche Gesellschafter mit. Und fast jeder österreichische Autor, der groß ins Buchgeschäft einsteigen möchte, bemüht sich darum, einen deutschen Verlag zu finden. Allerdings hat sich Österreich in den zurückliegenden Jahren ein Stück weit von seinem einstigen Vorbild emanzipiert und glänzt mit günstigeren Wirtschaftsdaten.
Leichte Delle in der Hochkonjunkturphase
Diese Robustheit beruht vor allem auf der seit langem verfolgten Strategie, sich in den ehemaligen Kronländern der einstigen Donaumonarchie zu engagieren. Als Pioniere sicherten sich die österreichischen Unternehmen gleich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus besonders günstige Ausgangspositionen in Mittelosteuropa. Banken und Versicherungen expandierten in die EU-Beitrittsländer fast unmittelbar nach dem Abbau des Eisernen Vorhangs und gehören heute zu den führenden Instituten der Region, die als erweiterter Heimmarkt gilt. Andere Branchen wie etwa Bau- und Papierindustrie folgten und haben ebenso wie der Energiekonzern OMV deutliche Marktanteile in dieser Gegend erreicht. Mit Osteuropa ist die kleine Volkswirtschaft über Direktinvestitionen und Handel intensiv verbunden. Bereits ein Fünftel des Exports geht in dieses Gebiet. Deutschland ist zwar nach wie vor der wichtigste Handelspartner mit einem Anteil von rund einem Drittel an der Gesamtausfuhr und den Direktinvestitionen. Der Einfluss auf die österreichische Wirtschaft ist jedoch nicht mehr so dominierend, wie sich gerade während der Schwächephase Deutschlands gezeigt hat. Hingegen trägt das Engagement in Osteuropa zumindest rund einen halben Prozentpunkt des jährlichen Wirtschaftswachstums bei und kann auf diese Weise auch den Erdölpreisschock abfedern.
Für dieses Jahr rechnet die OECD mit einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums auf 2,3 Prozent nach 3,3 Prozent im Jahr 2007. Für 2009 wird sogar eine Verlangsamung auf 1,7 Prozent erwartet. Es ist eine leichte Delle in einer Hochkonjunkturphase, die vor drei Jahren begonnen hat. Seit sechs Jahren wächst Österreichs Wirtschaft demnach kräftiger als der Euro-Raum. Die erwartete Bremsung hängt mit den sich abschwächenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf der ganzen Welt und des erstarkten Euro zusammen. Die hohen Energie- und Rohstoffpreise treiben auch die Inflation nennenswert an. Für 2008 erwartet die EU-Kommission, dass die Teuerung deutlich über dem von der EZB für Preisstabilität angestrebten Wert von 2 Prozent liegen wird. Auf Basis der Frühjahrsprognose wird die Teuerungsrate von 2,2 Prozent im laufenden Jahr auf 3,0 Prozent klettern, bevor sie 2009 auf 1,9 Prozent zurückgeht. Trotz des Anstiegs liegt die österreichische Inflationsrate damit niedriger als im Schnitt der Euro-Zone. Ebenso werden die Lohnsteigerungen nach Ansicht der EU-Kommission in Österreich geringer als im Durchschnitt der Euro-Länder ausfallen. Zusammen mit der starken Steigerung der Produktivität dürfte das zur Wettbewerbsfähigkeit beitragen.
Qualifizierte Arbeitskräfte gesucht
Nach wie vor ist der österreichische Arbeitsmarkt in einer vergleichsweise guten Lage. Die Arbeitslosenquote wird in diesem Jahr voraussichtlich von 4,4 auf 4,2 Prozent sinken und auf diesem Niveau auch 2009 verbleiben. Die Arbeitslosigkeit in Österreich hat den tiefsten Stand seit Anfang der neunziger Jahre erreicht. Unternehmen klagen immer stärker über Personalknappheit. Dringend gesucht werden in allen Branchen qualifizierte Mitarbeiter. Für vier von fünf mittelständischen Unternehmen sei es schwer, geeignetes Personal zu finden, berichtet das Beratungsunternehmen Ernst & Young. Dennoch hält die große Koalition aus SPÖ und ÖVP die Grenzen für gering Qualifizierte bis 2011 dicht. Während für Facharbeiter aus den EU-Beitrittsländern im Mai 2009 alle Beschränkungen aufgehoben werden, sollen diese für gering qualifizierte Arbeitnehmer bis zum letztmöglichen Zeitpunkt, nämlich Ende April 2011, gelten.
Das käme einer arbeitsmarktpolitischen Schlappe gleich. Seit Jahren ist bekannt, dass die Mehrheit der gemeldeten Erwerbslosen praktisch keine verwertbaren Qualifikationen für den Arbeitsmarkt aufweist. Doch wurde versäumt, über Anreize die Qualifizierung voranzutreiben. Diese Mängel wurden in der nun auslaufenden Hochkonjunkturphase offensichtlich, als dem verfestigten Sockel an Arbeitslosen ein immer größerer Mangel an Arbeitskräften gegenüberstand. Das zeigt eine der auf lange Sicht wirksamen Schwächen der österreichischen Gesellschaft auf. Österreich leistet sich eines der teuersten Schulsysteme der Welt mit mittelmäßiger Qualität. Jeder fünfte Schüler leidet unter einer Leseschwäche. Dass dieser Defekt behoben gehört, leuchtet allmählich auch der Regierung in Wien ein. Um die Standortqualität zu verteidigen, will die große Koalition die Bildungspolitik stärker betonen.
Österreich ist ein Türöffner
Andererseits punktet Österreich bei internationalen Investoren neben einer attraktiven Steuergesetzgebung mit Körperschaftsteuersätzen von nur 25 Prozent sowie einer interessanten Konzernbesteuerung mit gut ausgebildeten Arbeitskräften. Dies sowie die Türöffnerfunktion nach Osteuropa schätzen vor allem deutsche Unternehmen. Die staatliche Ansiedelungsagentur Austrian Business Agency (ABA) hat in den ersten fünf Monaten des Jahres mehr als drei Dutzend deutsche Investoren ins Land geholt. Sie ist etwa für ein Zehntel der Direktinvestitionen zuständig. Ein deutscher Investor ist der Diplomingenieur Klaus Permesang; der Architekt hat sich zur Jahreswende in Salzburg angesiedelt, wo er als Spezialist für vorgefertigte Bauelemente unter anderem die in Österreich starke Automobilindustrie beliefert. In der Mozartstadt hat seine Gesellschaft Ars Ratio zunächst 8 Millionen Euro investiert. Bis 2010 plant er mit seinem Unternehmen einen Umsatz von 60 Millionen Euro. Zwar betreibt er noch Büros in München und Trier. Von seiner Heimat ist er jedoch enttäuscht. „In Deutschland hat man uns oft gezeigt, wie es nicht geht.“ Es gebe zu wenig Visionen und Unterstützung für nicht etablierte Unternehmen, kritisiert Permesang. Er führt dies auch auf die vorsichtige Kreditvergabe durch Banken infolge verschärfter Eigenkapitalrichtlinien zurück.
Imponiert hat ihm, dass in Österreich anders als in Deutschland die Betriebsansiedlung über die ABA in einer Hand organisiert ist. Hier wurde er bereits beim ersten Treffen mit Banken, Anwälten und Beratern zusammengebracht. „In Deutschland müsste man eine Vielzahl Termine organisieren, um eine solche Gruppe zusammenzubekommen“, findet er. Neben den Investoren ist das Land auch für unselbständige Erwerbskräfte ein Magnet. Fast 67 000 deutsche Staatsbürger arbeiten in Österreich. Ihre Anzahl hat sich in den zurückliegenden drei Jahren nach Angaben des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger beinahe verdoppelt. Sie stellen mittlerweile die zweitgrößte Gruppe unter den Einwanderern nach den Immigranten aus dem ehemaligen Jugoslawien und arbeiten im Tourismus und in anderen Sparten. Dessen ungeachtet haben die Österreicher keine Hemmungen, ihre Reserviertheit ihren nördlichen Nachbarn gegenüber auszudrücken. Vor kurzem gab es einen Kommentar im österreichischen Rundfunk zur Europameisterschaft, in dem in fünf Minuten fünfmal gesagt wurde: „Ich gönne jeder Mannschaft den Sieg - nur den Deutschen nicht.“
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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