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Ölreichtum Die Scheichs schwimmen im Geld

22.06.2008 ·  Öl und Benzin werden immer teurer. Die Golfstaaten häufen große Reichtümer an, denn es regnet Petro-Dollar wie nie. Allein Saudi-Arabien nimmt nach einer Schätzung jeden Tag eine Milliarde Dollar aus Ölexporten ein. Ein wenig kommt auch den deutschen Anlagenbauern zugute.

Von Winand von Petersdorff
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Autofahrer, wir wissen, wo dein Geld wohnen wird! Saudi-Arabien baut gerade sechs Großstädte, Qatar wenigstens eine, dazu eine Insel für die Kunst. Und Dubai strotzt längst vor steingewordenen Ambitionen: ein Sieben-Sterne-Hotel, künstliche Inseln, neue Stadtviertel. Und das ist nur die Anlage-Klasse Mörtel: Immobilien sind der sichtbare, aber kleinste Teil im Investitionsprogramm der Araber, die sich global mit Aktien, Anleihen, Flugzeugen, Maschinen und ganzen Fabriken eindecken.

Die Scheichs müssen Geld ausgeben. Sie können gar nicht anders. Denn es regnet Petrodollars wie nie. Saudi-Arabien allein nimmt nach einer Schätzung von Morgan Stanley jeden Tag eine Milliarde Dollar aus Ölexporten ein, die irgendwohin müssen. Die gesamten Ölreserven der Golfstaaten sind beim Rohölpreis von 130 Dollar je 159-Liter-Fass 65 Billionen Dollar wert. Das entspricht dem 25fachen des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Ein Drittel des Wertzuwachses der Reserven ist allein im vergangenen halben Jahr entstanden. Die Reichtumsskala ist nach oben offen: Wirtschaftsinstitute wie das DIW halten langfristig einen Preis von 200 Dollar je Fass für möglich.

Die Sieger in der großen Geologie-Lotterie

"Wir sind Zeugen eines monumentalen Transfers von Reichtum in die Ölländer", sagt Morgan- Stanley-Banker Stephen Jen. Finanziert wird die Verschiebung durch die braven Verbraucher: die Autofahrer, Stromkunden, Heizölkäufer und die Industrie. Wenn der Ölpreis dieses Jahr durchschnittlich bei 130 Dollar läge, wäre die deutsche Ölimportrechnung um 30 Milliarden Euro teurer, rechnet Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz, vor.

Für die dramatische Reichtumsvermehrung mussten die Scheichs keinen Finger krumm machen. Sie sind einfach die Sieger in der großen Geologie-Lotterie. Ölbooms gab es früher schon (der Westen nannte sie allerdings Krise): 1973 zum Beispiel und Ende der siebziger Jahre. Doch dieser Boom dauert schon seit 2002. Seitdem hat sich der Preis für Öl versechsfacht. "Viele Golfstaaten kalkulieren in ihrem Staatshaushalt mit einen Preis von 30 Dollar je Fass", sagt Armin Schmiedeberg, Partner der Unternehmensberatung Bain und Experte für die Golfregion. Saudi-Arabien braucht für einen ausgeglichenen Haushalt 50 Dollar.

Seit 2002 verzeichnen die ölexportierenden Länder des Mittleren Ostens einen kumulierten Überschuss von einer Billion Dollar, der überwiegend in Staatsfonds gesteckt wurde, berichtet Rachel Ziemba, Analystin für Roubini Global Economic Service. Staatsfonds des Golfkooperationsrats repräsentieren inzwischen mehr als die Hälfte des Vermögensvolumens aller Staatsfonds weltweit. "Mit Ölpreisen von 90 Dollar und mehr ist der Einfluss dieser Fonds auf den globalen Finanzmarkt gar nicht hoch genug zu bewerten", sagt Ziemba. "Der Golf ist zu einer finanziellen Supermacht geworden."

Araber kaufen Hochhäuser in der ganzen Welt

Die Nummer eins der Staatsfonds der Region, die Abu Dhabi Investment Authority, kontrolliert jetzt schon Vermögenswerte, die einem Prozent der globalen Marktkapitalisierung entsprechen. Die beiden nächstgrößten vereinigen zusammen ebenfalls ein Prozent der globalen Börsenwerte auf sich. Die Schätzung stammt von Ende 2007 und basiert auf einem Jahresdurchschnittspreis von 71 Dollar je Barrel.

Morgan Stanley schätzt, dass die Staatsfonds bis 2010 drei Billionen Dollar auf sich vereinigen werden, allein dieses Jahr kommen 500 Milliarden hinzu.

All dieses Geld wird umgetauscht: in Aktien, Anleihen, Immobilien und Investitionsgüter. Aus der Verteilung allerdings machen Scheichtümer ein Geheimnis. Ausländische Investments werden auf 2,4 Billionen geschätzt. Araber kaufen Hochhäuser in Manhattan wie jetzt offenbar das Chrysler-Building, Hotels in London und Blue Chips in der ganzen Welt. Seit Mai 2007 gehören der staatlichen DIFC Investments aus Dubai 2,2 Prozent an der Deutschen Bank.

Die neue Machtposition hat längst Sorgen ausgelöst, die wiederum die Regierung des Scheichtums Abu Dhabi bewogen, einen beschwichtigenden Brief an die Finanzminister der Industrieländer zu schreiben. Sein beruhigender Inhalt: Wir machen es nur wegen des Geldes.

Die Scheichs investieren zunehmend in der eigenen Region

Auch neue Investitionsmuster lassen sich erkennen, sagt Berater Schmiedeberg: Seit 2001 wenden sich die Araber zunehmend von den Vereinigten Staaten ab. Vor allem rigide Kapital- und Personenkontrollen der Amerikaner nach den Terroranschlägen im Jahr 2001 haben die Investoren des Mittleren Ostens bewogen, nach neuen Investitionszielen zu suchen. Fündig geworden sind sie unter anderem in der eigenen Region.

Vorreiter war Dubai. Seit der Regierung klar ist, dass die Ölquellen dort versiegen, hat sie ein gewaltiges Investitionsprogramm aufgestellt: Dubai will das Verkehrszentrum für Passagiere und Luftfracht werden. Die Lage begünstigt die Ambition. Von Dubai aus kann man alle wichtigen Industrieregionen der Welt ohne Flugunterbrechung erreichen. Deshalb entsteht dort der größte Flughafen der Welt. Schon jetzt ist klar, dass die Fluggesellschaft Emirates 2011 die größte der Welt sein wird auf der Langstrecke.

Die gesamte Golfregion bemüht sich gleichzeitig um Industrieansiedlungen. Vor allem Branchen, die viel Energie verbrauchen, werden entwickelt. Berater Schmiedeberg beobachtet, dass überall im Mittleren Osten Chemiewerke, Zementfabriken und Aluminiumhütten entstehen, die beim aktuellen Preisniveau für Energie in Europa und den Vereinigten Staaten kaum noch rentabel zu betreiben sind.

Arabien hat Kapital und lockt Arbeit ins Land

Die Politik der Golfregion unterscheidet sich dabei dramatisch von der des Aufsteigerlandes China. China hat billige Arbeitskräfte und lockt Kapital ins Land. Arabien hat Kapital und lockt Arbeit ins Land. Es funktioniert, auch wenn jetzt die Arbeiter über hohe Preise für Essen und Wohnen klagen. Denn der einzige Arbeitsmarkt der Welt, der noch dynamisch wächst, ist der des indischen Subkontinents. Heerscharen von Indern, Pakistani und Bangladeschi bauen zu geringen Löhnen die Scheichtümer auf, die langfristig in der Logistik und der Grundstoffindustrie dem Westen Konkurrenz machen dürften. "Die Programme zeigen, dass die Investoren smarter geworden sind", sagt Bain-Partner Schmiedeberg.

Durch die neue globale Reichtumsverteilung entsteht Deutschland eine Konkurrenz in verschiedenen Industriezweigen: Abu Dhabi hat den Plan veröffentlicht, der größte Solarenergieproduzent der Welt werden zu wollen. Dafür werden im ersten Schritt zwei Milliarden Dollar bereitgestellt.

Gleichzeitig kommt dem Euro der sogenannte Petrodollar-Recycling-Effekt zu gute. Für den Aufbau von Industrien stellen vor allem deutsche Anlagen- und Werkzeugmaschinenbauer das geeignete Material zur Verfügung. Thyssen-Krupp, Linde und Lurgi machen beste Geschäfte in der Region. Für Autofahrer jedoch, die hohe Spritpreise bezahlen, ist das kein Trost.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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