09.05.2004 · Der Ölpreis steigt ungebremst. Anleger fürchten einen neuen Preisschock. Und lassen rohstoffintensive Branchen fallen. Nicht immer zu Recht, da manche Unternehmen sich gut geschützt haben.
Von Markus ZydraDer Ölpreis steigt und steigt. In New York kostet ein Barrel (159 Liter) erstmals seit dem Golf-Krieg 1990 mehr als 40 Dollar. Ein Ende der Rally ist nicht in Sicht, warnen Experten. "Die Unsicherheit im Nahen Osten, die Nachfrage aus Indien und China treiben den Preis weiter", sagt Folker Hellmeyer, Analyst der Bremer Landesbank, und nennt einen weiteren Grund: "Die großen Ölfelder haben ihre beste Zeit hinter sich, die Förderung wird immer teurer."
Öl könnte in den nächsten Wochen derart teuer werden, daß die Belebung der Weltwirtschaft und der Aufschwung an den Börsen Schaden nehmen. Der neue IWF-Direktor Rodrigo Rato bezifferte die weltweite Wachstumseinbuße eines jährlichen Ölpreisanstiegs um fünf Dollar je Faß auf 0,3 Prozentpunkte. Ein Anstieg der Rohstoffpreise droht auch die Inflation zu beschleunigen. Kein Wunder also, daß seit Jahresbeginn weder die Entwicklung von Aktien noch die von Anleihen mit dem Ölpreis mithalten kann.
Lufthansa leidet
Besonders gelitten haben in den vergangenen Tagen die Aktien von Luftfahrt- und Chemieunternehmen. Die Papiere der Deutschen Lufthansa büßten binnen Wochenfrist beinahe fünf Prozent ein. Auch die Chemieunternehmen BASF und Bayer sowie der Touristikkonzern Tui rangierten auf der Verliererseite.
Rohstoffabhängige Branchen in Europa haben ein doppeltes Problem. Der Euro ist zuletzt gegen den Dollar von 1,29 auf rund 1,20 Euro gefallen, gleichzeitig ist der Ölpreis gestiegen. "Bis vor einigen Wochen konnte der starke Euro den Preisanstieg beim Öl noch kompensieren. Schließlich werden die Barrel in Dollar gehandelt", sagt Hellmeyer. "Deshalb wäre ein starker Euro die größte Hilfe in dieser Phase."
Ohne Beistand von der Währungsseite müssen sich die Unternehmen selbst schützen. Die einen versuchen, hohe Ölpreise an ihre Kunden weiterzureichen. Die anderen sichern sich am Terminmarkt ab. Für beide Strategien ist nicht nur die Höhe des Ölpreises entscheidend, sondern auch die Frage, wie stark er schwankt. "Im Prinzip ist es BASF für ihr Chemie-Geschäft egal, wie hoch der Ölpreis ist", sagt Andreas Heine, Analyst der Hypo-Vereinsbank (HVB). "Hauptsache, er bleibt stabil. Das Problem ist die Volatilität der Ölpreise." Schwanken die Notierungen stark, schafften es die Konzerne zeitlich kaum, die höheren Preise an die Kunden weiterzugeben. Die hohe Volatilität ist für einige Unternehmen aber noch aus einem anderen Grund problematisch: Die Kosten für die Absicherung auf den Derivatemärkten steigen. Das trifft besonders die Luftfahrtbranche.
Dritthöchster Kostenfaktor
Jede Airline sichert sich anders ab. Die eine geht eine Marktwette ein, die andere ist risikoavers. "Die Lufthansa ist eher konservativ und hat 80 Prozent des erwarteten Verbrauchs für 2004 zu einem Barrel-Preis von 25 Dollar abgesichert", sagt Per-Ola Hellgren, Analyst der Landesbank Rheinland-Pfalz, der deshalb die jüngsten Kursverluste der Lufthansa auch als übertrieben ansieht. Zumal: Die Treibstoffpreise seien bei der Lufthansa, so Hellgren, "nur" der dritthöchste Kostenfaktor - nach Personal und Flughafengebühren.
Das sehe bei den Billig-Airlines wie Easyjet oder Ryanair schon ganz anders aus. Hier mache der Kerosinpreis deutlich mehr am Kostenkuchen aus. Indirekt betroffen vom hohen Ölpreis, so Hellgren, seien auch Reiseveranstalter wie Tui, die ihre Preise erhöhen müssen. "Das schreckt einige Kunden natürlich vor der Buchung ab."
Selbstproduktion lohnt sich
BASF verfolgt einen anderen Weg. Dort setzt das Management auf die geschäftliche Diversifikation. Der Ludwigshafener Chemiekonzern besitzt nämlich mit der 100prozentigen Tochter Wintershall seinen eigenen Rohölproduzenten. Und das lohnt sich in diesen Zeiten steigender Ölpreise. "BASF fängt mit der eigenen Ölsparte bis zu 50 Prozent des Ölpreiseffektes auf", schätzt HVB- Analyst Heine. Diese natürliche Absicherung funktioniert ganz einfach: Hohe Ölpreise bringen der BASF-Tochter Wintershall automatisch mehr Ertrag. Das wiederum dämpft die steigenden Produktionskosten in der BASF-Chemie.
Die Bayer AG hat kein solches As im Ärmel, doch hier liegen die Dinge auch anders: Nur zwei der vier Konzernsparten sind vom Ölpreis betroffen, und das auch nur indirekt. "Die Chemiekonzerne kaufen überhaupt kein Rohöl, sondern Ölderivative wie Naphtha, Propylen oder Benzol", erklärt Heine. Das ist ein wichtiger Aspekt: Denn für diese speziell raffinierten Ölderivative gibt es keinen Optionsmarkt, auf dem sich die Unternehmen gegen Preisveränderungen absichern könnten. "Gleichwohl folgen diese Ölprodukte dem Rohölpreis, und manche, wie Benzol, sind sogar deutlich mehr gestiegen", sagt Heine, der die Aktien von Bayer und BASF dennoch weiter positiv einschätzt, weil sich das Geschäft gut entwickelt habe.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.381,25 | −0,93% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2458 | −0,24% |
| Rohöl Brent Crude | 105,94 $ | −0,85% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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