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Ölkartell : Mehr Macht für die Opec

Mehr Öl: Ein Arbeiter im Irak Bild: dapd

Unkonventionelle Ölfunde nähren die Hoffnung nach mehr Unabhängigkeit vom Ölkartell. Doch der steigende Verbrauch in der Welt stützt die Opec-Länder.

          In der Begeisterung, die Neuentdeckungen wie der argentinische Ölfund in der vergangenen Woche auslösen, schwingt mehr mit als die Freude der Öl-Aktionäre über steigende Kurse. Große Funde in Ländern, die nicht zur Vereinigung der zwölf erdölexportierenden Staaten (Opec) gehören, nähren die Hoffnung, die Abhängigkeit der restlichen Welt von dem Kartell in Zukunft zu verringern. Die Bürgerkriege im Nahen Osten, die dieses Frühjahr am Ölmarkt zu einem Preissprung führten, haben einmal mehr gezeigt, wie riskant diese Abhängigkeit vieler Abnehmer von wenigen Erzeugern ist.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Doch in ihrem aktuellen Ausblick auf die Lage am globalen Energiemarkt gibt die Internationale Energieagentur (IEA) diesem Optimismus wenig Nahrung: Die IEA schätzt, dass der Anteil der Opec an der Weltfördermenge bis 2035 von heute rund 40 Prozent auf mehr als die Hälfte steigen wird. „Es ist damit zu rechnen, dass 90 Prozent des notwendigen Wachstums der Ölproduktion aus Nordafrika und dem Nahen Osten kommen“, sagt der IEA-Ökonom Fatih Birol. Ein Blick auf die Länder, in denen die größten nachgewiesenen Ölreserven schlummern, untermauert diese Einschätzung. Nach Berechnungen des britischen Ölkonzerns BP werden schon heute rund drei Viertel von Opec-Mitgliedstaaten kontrolliert.

          Bild: F.A.Z.

          Ein Fünftel der Ölreserven liegt in Saudi-Arabien, 15 Prozent werden in Venezuela vermutet und jeweils knapp 10 Prozent im Iran und Irak, wie BP schätzt. Auch die größten Ölfelder der Zukunft liegen, soweit man heute weiß, nicht vor der westafrikanischen oder amerikanischen Küste, sondern im Nahen und Mittleren Osten. Obwohl schon seit mehr als 60 Jahren ausgebeutet, birgt das Ölfeld Ghawar in Saudi-Arabien mit 30 Milliarden verbleibenden Barrel noch immer den größten Schatz. Die anderen Riesenfelder der Zukunft mit teilweise mehr als 20 Milliarden förderbaren Barrel liegen im Iran und Irak. Mit geschätzten 927 Millionen Barrel nimmt sich die jüngst annoncierte Lagerstätte „Vaca Muerta“ in Argentinien dagegen bescheiden aus. Und selbst das Tupi-Feld vor der brasilianischen Küste, dessen Entdeckung 2007 für Aufsehen sorgte, hat mit geschätzt 6,5 Milliarden förderbaren Barrel eine sehr viel kleinere Dimension als die Konkurrenz aus dem Nahen Osten.

          Zudem ist es wesentlich teurer, dieses unkonventionelle Öl, um das es sich bei den lateinamerikanischen Funden handelt, zu gewinnen verglichen mit der herkömmlichen Förderung. Als unkonventionelles Öl bezeichnen Fachleute Lagerstätten, die mit traditionellen Bohrmethoden nicht angezapft werden können. Der rapide technische Fortschritt in der Ölindustrie ermöglicht es, Ölvorkommen zu erschließen, die bisher unerreichbar waren. Zugleich macht der steigende Preis für das schwarze Gold die oft wesentlich teurere Förderung zunehmend rentabel. Aus Sicht der Industrieländer hat das unkonventionelle Öl einen großen geopolitischen Vorteil: Es könnte dazu beitragen, die Abhängigkeit der Welt vom Opec-Förderkartell zu verringern, denn der Großteil dieser Vorkommen wird außerhalb der Opec-Gruppe vermutet.

          Politisches Risiko

          Die Unternehmen beschreiten schon seit Jahren neue Wege: Der größte europäische Ölkonzern Shell hat sich zum Beispiel schon vor Jahrzehnten die Förderrechte für Ölsande in Kanada gesichert. Bis vor wenigen Jahren war die teure Ausbeutung dieser Lagerstätten hoffnungslos unwirtschaftlich. Inzwischen dagegen zählt Kanadas Ölsand-Industrie zu den wichtigsten Nachschublieferanten außerhalb der Opec, auch wenn die emissionsintensive Ölsandbranche Kritikern als Klimakiller gilt. Als nächster Hoffnungsträger gilt das sogenannte Schieferöl, dessen Förderung vor allem in den Vereinigten Staaten stark wächst. Auch der Fund in Argentinien durch den spanischen Ölkonzern Repsol ist in Schieferfels gebunden. Schieferöl kann erst seit wenigen Jahren dank neuer technischer Methoden und höherer Preise gefördert werden.

          Geopolitik sei auch ein wichtiger Grund dafür, warum die großen Ölkonzerne nach wie vor viel Geld in die Nordsee investierten, obwohl die Ölförderung dort seit Jahren schrumpfe, sagt Claudia Mahn von der Energieberatung IHS Cera. „Damit wollen sie das politische Risiko in anderen Weltregionen ausbalancieren.“ Sie beschreibt die Frage, woher Europa in Zukunft sein Öl bezieht, als einen Wettlauf zwischen politischem und technologischem Fortschritt. Aus geologischer Sicht sei der Nahe Osten der größte Hoffnungsträger, der allerdings mit unübersehbaren politischen Risiken behaftet ist. Die Bedeutung der unkonventionellen Ölvorkommen hänge hingegen stark vom technischen Fortschritt ab. Abgesehen vom Nahen Osten wird arktisches Öl nach Ansicht von Mahn künftig eine große Rolle spielen, ebenso wie vermutete Vorkommen in Grönland.

          Den neuen Funden steht jedoch ein stark steigender Verbrauch gegenüber. Seit den achtziger Jahren konsumiert die Welt jedes Jahr mehr Öl, als sie neu entdeckt. Die IEA schätzt, dass der globale Ölverbrauch bis zum Jahr 2035 um mindestens 15 Prozent steigen wird. Aktuell beträgt der tägliche Ölverbrauch etwa 90Millionen Barrel. Unkonventionelles Öl werde eine wichtigen Beitrag leisten, um diesen zusätzlichen Bedarf zu decken, erwarten die Energieexperten der IEA. Aber insgesamt bleiben die Industrieländer und aufstrebende Schwellenländer wie China und Indien wohl dennoch von der Opec abhängig. Auch 2035 werden nach Erwartung der IEA lediglich 10 Prozent des globalen Verbrauchs durch unkonventionelles Öl gedeckt. Die Macht der Opec dürfte also weiter wachsen.

          Quelle: F.A.Z.

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