13.07.2011 · Ökoreisen liegen voll im Trend. Aber es muss nicht immer Urlaub auf dem Bauernhof sein. Auch bei Fern- und Städtereisen kann man mit wenig Aufwand die Umwelt schonen. Wer nachhaltig reisen will, muss nur auf ein kleines bisschen Luxus verzichten.
Von Nadine OberhuberBeim Fernweh hört die Freundschaft zur Natur oft auf. Man kann ja nicht jeden Tag die Welt retten. Und soll man den Urlaub mit schlechtem Gewissen zubringen, weil man nun mal den Flug nach Fernost gebucht hat? Muss man bereuen, dass man in einem stinkenden Kleinbus durchs Land der Götter schaukelt und später durch den Nationalpark streunt? Gut, man hätte auch ökologisch korrekten Urlaub auf dem Bio-Bauernhof buchen können, das ist pädagogisch total wertvoll. Aber irgendwie langweilig, kann man ja später noch machen. Wenn man die Welt sehen möchte, muss das Umweltgewissen eben mal zuhause bleiben, oder?
Muss es nicht. Viele Reiseanbieter beweisen längst, dass man Urlauben kann, ohne zu viel auf der Umwelt herumzutrampeln. Und immer mehr Touristen springen darauf an.
Hier aber müssen radikale Umweltschützer stark sein: Ökoreisen heißt nicht, dass man dazu verdonnert wird, in Buxtehude statt in Belize im Strandkorb zu liegen - auch wenn das vielen radikalen Nachhaltigkeitsfreunden nicht gefällt. Man darf mehr tun, als die Pilgerwege dieser Welt zu Fuß abzuklappern und im Stroh zu schlafen. Mit Ökoreisen kann man auch ganz komfortabel herumkommen. Und man kann sogar Urlaub in Asien oder Ozeanien machen, ohne ein Klimakiller erster Güte zu sein. Sofern man darauf achtet, wie man unterwegs ist. Immer mehr Menschen wollen das auch, sagen Studien der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen: Jeder Fünfte blättert bereits in Katalogen nach umweltverträglichen Reisen. Viel teurer als andere Reisen sind solche Touren auch nicht, deshalb verbuchen die Veranstalter immer mehr Reisen und ein Umsatzplus von 11 Prozent.
"Nachhaltig reisen bedeutet keine Abkehr vom Komfort", beruhigt Johannes Reißland, Geschäftsführer vom Forum anders Reisen, einem Zusammenschluss von 130 Reiseveranstaltern, die sich auf nachhaltigen Tourismus spezialisiert haben: "Es ist aber eine Abkehr von übertriebenem Luxus, der oft energieaufwendig ist." Statt eines Fünfsternehotels bucht der Reisende ein Familienhotel. Ausflüge am Urlaubsort werden mit Bus oder Rad gemacht statt mit dem Taxi. Dagegen sind Golfen in der Wüste, Motocross im Regenwald und Rundflüge über Gletschern absolut tabu. Dafür gibt's Bioessen am Buffet mit Zutaten aus der Region. Und die Handtücher werden eben nur jeden zweiten Tag gewaschen.
Das alles kann etwa die Hälfte der Energie und Ressourcen sparen. Verzichten muss der Urlauber dabei höchstens mal auf die gewohnte Nutella, weil ihm stattdessen Granatapfelchutney aufs Brot kommt.
Bei den Reisezielen hat er mittlerweile so viel Auswahl wie Sand am Meer: Asien, Amerika, Australien, alles lässt sich auf die sanfte Tour bereisen - obwohl allein der Flug ans Ende der Welt Hunderte Liter Kerosin kostet. Auf dem Weg nach Bangkok bläst ein Flugpassagier auf einen Schlag so viel Kohlendioxid in die Luft wie ein Durchschnittsbürger in drei Jahren mit dem Auto verfährt. Aber auch wer nicht auf die Asienreise verzichten will, kann bewusster reisen, sagt Hansruedi Müller, Experte für die Energiebilanz von Reisen am Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus der Uni Bern. Urlauber sollten Fernreisen seltener, dafür aber länger unternehmen. Also lieber alle paar Jahre vier Wochen lang durch Asien zu touren als jedes Jahr für eine Woche rüberfliegen.
Das bisher aussagekräftigste Siegel ist das CSR-Zertifikat
In einem Punkt schlagen Ökotour-Veranstalter sogar oft konventionelle: beim Erlebniswert. Da es meist unbekanntere kleinere Unternehmen sind, die solche Reisen organisieren, gehen sie auch mit kleineren Gruppen auf Tour. Sie wählen landestypische Unterkünfte, steigen auch mal auf Boot oder Pferd um, und ihre Gäste reisen gemütlicher, statt von einem Touristenhighlight zum nächsten zu hetzen.
Ein Problem aber hat die Branche: Wer herausfinden will, ob ein Veranstalter wirklich umweltfreundlich ist oder sich das Wort "Öko" nur zu Werbezwecken auf den Katalog druckt, der verheddert sich schnell im grünen Dickicht. Die Anbieter versprechen viel, verraten aber über klimafreundliche Hotels und Ressourcenverbrauch zu wenig. Zudem trägt so ziemlich jeder Veranstalter sein eigenes Siegel: Es gibt über 400 Umweltzertifikate im Tourismus weltweit, von der EU-Blume über die Blaue Flagge bis zum Grünen Koffer. Was die genau prüfen, überblickt keiner so genau.
Das bisher aussagekräftigste Siegel kommt aus Deutschland und setzt recht hohe Standards: Es ist das CSR-Zertifikat, das die gemeinnützige Stiftung TourCert vergibt. Sie überprüft, wie umweltfreundlich ein Veranstalter über die gesamte Verwertungskette arbeitet: vom Papierverbrauch im Büro über die Wahl der Fortbewegungsmittel am Urlaubsort und die Umweltstandards der Hotelbetriebe bis zur Frage: Steht die Zahl der Hotelbetten mit der Einwohnerzahl des Ortes in einem guten Verhältnis? Sind die Arbeitsbedingungen der Angestellten im Hotel auch angemessen? All das sagt für die Zertifizierer aus, wie nachhaltig das Unternehmen arbeitet. Das CSR-Siegel tragen derzeit 54 Veranstalter, die auf der Seite www.tourcert.org aufgeführt sind. Wer mit denen auf Reisen geht, der urlaubt auf die sanfte Tour. Der kann auch mal durch Asien reisen, ohne groß ein schlechtes Gewissen zu haben.
Gewusst wie: Klimaneutral fliegen
1. Wie viel verpulvert mein Flug? Das kann man ganz einfach ausrechnen: auf www.atmosfair.de die Flugorte eingeben - schon weiß man, dass ein Hin-und-Rückflug Berlin-New York pro Passagier 4240 Kilo Kohlendioxid produziert. Das ist schon mehr als der durchschnittliche Jahresausstoß pro Erdenbürger von 3000 Kilo. München-Mallorca schlägt immer noch mit 680 Kilo zu Buche.
2. Wie viel soll ich zahlen? Der Rechner zeigt auch sofort, wie viel Euro ein Flugreisender ausgeben muss, um diese Klimaschädigung auszugleichen. Es ist rund ein Euro pro 42 Kilo CO2. Die Rechnung geht so: Wie viele Bäume müsste man pflanzen, um die CO2-Menge wieder aus der Luft zu filtern? Und was kostet ein Baum? Daraus ergibt sich die Zahlung. Autofahrer können auch eine Jahresvignette kaufen, für 32 Euro.
3. An wen soll ich überweisen? Es gibt verschiedene Arten, das Geld zu bezahlen. Oft bieten die Reiseveranstalter an, es auf den Reisepreis aufzuschlagen. Sie reichen es dann weiter. Man kann auch bei vielen Fluggesellschaften Abbitte leisten, wenn man das Ticket kauft. Oder auf der Seite von Atmosfair ein Formular aufrufen und das Geld überweisen.
4. Wohin geht das Geld? Von dem Geld werden meist Projekte in Entwicklungsländern finanziert. Entweder werden wirklich Bäume gepflanzt (was nicht immer sinnvoll ist), oder es werden fossile Brennstoffquellen wie Holzöfen ersetzt durch umweltfreundliche Anlagen und solarbetriebene Geräte. Das wird von UN-Behörden kontrolliert.
Ist das so eine Art Ablassbrief für rotgrün bewegte Gutmenschen?
Michael Scheffler (Striesner)
- 13.07.2011, 22:06 Uhr
@ Michael Scheffler
Ullrich Schnappe (JohnBrown)
- 13.07.2011, 22:39 Uhr
Ein Flug ist ein Flug ist ein Flug! Egal wieviel Ablaß dafür gezahlt wird!
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 14.07.2011, 00:00 Uhr
Der "Beweis", Herr Scheffler
Ludwig Kirschstein (Bleyfuss)
- 14.07.2011, 11:02 Uhr
Nadine Oberhuber Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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