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Ökonomisierung : Geld stinkt nicht

Sklaven bereiten ihren Eigentümern ein festliches Mahl. Mosaik, Karthago, 2. Jahrhundert n. Chr. Bild: ullstein bild

Alles und jedes kann mit Geld gekauft werden, meckern die Verächter der Ökonomisierung. Sie sollten noch einmal nachdenken. Die humane Funktion des Geldes ist seine Anonymität. Geld sticht ohne Ansehen von Person, Rasse oder Status.

          Für Ackersklaven zahlte Cato der Ältere (234 bis 149 v. Chr.) bis zu 500 Denare, für einen Haussklaven konnten es schon einmal 1500 Denare sein; mehr Geld hat der Römer nie für seine Bediensteten angelegt. Spätestens nach vier Jahren musste sich der Geldeinsatz in die menschliche Arbeitskraft amortisiert haben.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass die römische Gesellschaft eine Sklavenhaltergesellschaft war, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist, dass sie auch eine funktionierende Marktgesellschaft war: Angebot und Nachfrage regelten die Preise für alles und jedes, auch für die menschliche Arbeit. Die Eigentümer der Sklaven waren nämlich - anders als die Plantagenbesitzer in den amerikanischen Südstaaten im 17. und 18. Jahrhundert - nicht nur an der Ausbeutung, sondern auch an der Weiterbildung ihrer Arbeitskräfte interessiert: Das erhöhte den Wert der Sklavenarbeit, zugleich aber auch die Aussicht, dass die Unfreien sich selbst oder ihre Kinder freikaufen konnten und vom Sklaven- auf den gut funktionierenden Arbeitsmarkt überwechseln konnten, auf dem ihnen ein Marktlohn bezahlt wurde.

          “Die Römer sprachen und schrieben ununterbrochen über Geld und Preise“, behauptet der Wirtschaftshistoriker Peter Temin in seiner gerade erschienenen Studie über „Die römische Marktwirtschaft“: Preise für Getreide, Menschen oder Zinsen für Bankkredite (ein Prozent im Monat, zwölf Prozent aufs Jahr waren üblich) waren das Talk-Thema. Schlecht bekommen ist den Menschen in der Antike ihre Geldgesellschaft nicht: Dem Durchschnittsrömer erging es wirtschaftlich besser als Millionen von Menschen nach ihm bis zum Beginn der industriellen Revolution.

          „Wir sind von einer Marktwirtschaft in eine Marktgesellschaft gerutscht.“ Peer Steinbrück

          Liest man Temins aufregendes Buch (der MIT-Gelehrte ist eigentlich Spezialist für die Wirtschaft der frühen Moderne), kann man sich nur wundern angesichts der aktuell wieder anschwellenden Klage über die Ökonomisierung unserer Welt. „Wir leben heute in einer Zeit, in der fast alles ge- und verkauft werden kann“, meckert wortgewaltig der Harvard-Philosoph Michael Sandel, Autor des Bestsellers „Was man für Geld nicht kaufen kann“ (2012). Sandel ist Kronzeuge aller romantischen Antikapitalisten, deren Schlachtruf (“Etwas ist aus dem Lot geraten!“) SPD-Kandidat Peer Steinbrück mit einer Niedergangsgeschichte begründet: „Wir sind von einer Marktwirtschaft in eine Marktgesellschaft gerutscht.“

          Steinbrück, Sandel & Co. sollten sich schleunigst auf einem antiken Sklavenmarkt umsehen oder im Tempel in Jerusalem, wo die Händler, Geldwechsler und Spekulanten sitzen, damit sie wissen, was eine rechte Marktgesellschaft ist. Um die Vorstellung zu erschüttern, dass es in früheren Jahrhunderten viel mehr heilige Bereiche gegeben habe, in denen das Geld nichts zu suchen hatte, reicht indessen schon ein kleiner Ausflug in das Mittelalter. Buchstäblich alles war damals für Geld zu haben: schöne Frauen, rechte Ehemänner, wackere Soldaten, ganze Städte und sogar das ewige Leben inklusive guter Plazierung im Paradies (Ablasshandel), alles hatte seinen Marktpreis. Kaufleute ließen sich von Malern, die sie für die Anfertigung religiöser Gemälde bezahlten, an prominenter Stelle ins Bild setzen, und fromme Bankiers waren sich nicht zu fein, von ihnen finanzierte Kapellen in den Kathedralen nach sich (und nicht nur nach den zuständigen Heiligen) benennen zu lassen.

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          Dass die Vorstellung nicht auszurotten ist, Geld und Marktpreise, die ganze dekadente Ökonomisierung also, seien erst spät in die Weltgeschichte gekommen und früher sei alles besser gewesen, weil auf freiwilligen Geschenken, liebevoller Bedürfnisbefriedigung oder echtem Gütertausch basierend, liegt an einem ungarischen Intellektuellen und Bohemien namens Karl Polanyi (1886 bis 1964), dessen Buch „Die große Transformation“ (1944) die These vertritt, mit der Bepreisung von allem und jedem in der Moderne (insbesondere auf Immobilien-, Arbeits- und Finanzmärkten) sei die egoistische Profitgier geboren worden, ein „frivoles Experiment“ im Geiste einer Religion gewordenen Ideologie. Polanyi ist, ob sie es wissen oder nicht (die meisten wissen es nicht), der Ahnherr aller heutigen Kritiker des Ökonomismus; sein antikapitalistischer Romantizismus verklärt die Vergangenheit: Wachgehalten wird die Sehnsucht nach einer Welt der selbstlosen Gabe und altruistischen Bedürfnisbefriedigung. Kein Wunder, dass der Schriftsteller Ingo Schulze (geboren 1962 in Dresden) bis heute von früher träumt, als es weder Marktwirtschaft noch Marktgesellschaft gab: „Dem Einzelnen bescherte das die Erfahrung, in einer Gesellschaft gelebt zu haben, in der Geld nicht alles war.“

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