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Ökonomie Her mit den Mäusen!

Ein Experiment mit Studenten zeigt: Für 5,10 Euro sind wir bereit, eine Maus zu vergasen. Daran ist der Markt schuld, sagen zwei Ökonomen. Der Markt zerstört Moral. Andere Wissenschaftler halten die pauschale These für völlig falsch.

© Illustration: Peter von Tresckow Vergrößern

In der Bonner Beethovenhalle hat ein gruseliges Experiment stattgefunden - ein Spiel um Leben und Tod. Mehrere hundert Studenten verhandelten über den Preis, für den sie bereit sind, junge Mäuse zu vergiften. „Die Maus wird vergast. Das Gas fließt langsam in den hermetisch abgedichteten Käfig. Es führt zum Atemstillstand“, lautete die Erklärung der Versuchsleitung. Dazu sahen die Studenten ein Video der langsam sterbenden Maus, die zehn Minuten nach dem Tod aus dem Käfig geräumt wird. Würden die Testpersonen für ein paar Euro einwilligen, dass ihre Maus tatsächlich vergast wird? Oder würden sie auf das Geld verzichten und ihre Maus in einem Tierheim leben lassen? Für etwas Geld ein Lebewesen zu töten gilt allgemein als moralisch sehr fragwürdig.

Philip Plickert Folgen:    

Die Studenten wurden per Zufall in verschiedene Gruppen aufgeteilt. In einer individuellen Entscheidungssituation lehnten immerhin fast 60 Prozent der Studenten es ab, die Maus für 10 Euro zu vergasen; nur etwas mehr als 40 Prozent waren bereit, für einen Zehner oder gar weniger die Maus in den Tod zu schicken. Die anderen Versuchsgruppen aber wurden in eine Markt-Situation versetzt. Sie mussten mit anderen Studenten über den Preis für die Tötung oder das Überleben der Mäuse verhandeln. Und siehe da: Die Tötungsbereitschaft stieg gegenüber der ersten Gruppe (individuelle Entscheidung) erheblich, fast 80 Prozent der Teilnehmer stimmten der Vergasung zu. Der Preis für eine tote Maus sank nach mehreren Handelsrunden auf etwa 5,10 Euro.

“Das Experiment zeigt, dass Märkte moralische Standards erodieren“, sagt der Bonner Verhaltensökonom Armin Falk, einer der Stars der Forscherszene, der das Experiment gemeinsam mit der Bamberger Kollegin Nora Szech durchgeführt und jüngst die Ergebnisse in der angesehenen Zeitschrift „Science“ veröffentlicht hat. Für die behauptete moralzersetzende Wirkung des Marktes gibt es nach Falk und Szech mehrere Erklärungen: Die ethischen Bedenken der Testpersonen schwinden, wenn sie zu zweit oder mehreren über den Wert eines Tierlebens verhandeln. „Verantwortung und Schuldgefühle werden geteilt und verringert.“ Wer sieht, dass andere für ein paar Euro die Maus ins Gas schicken, wird moralisch schwach. Individuell hatten eine Mehrheit der Studenten Skrupel. „Im Marktgeschehen verstoßen sie aber gegen ihre eigenen moralischen Standards“, betont Falk. Dann sind sie bereit, einem Dritten Schaden - sogar den Tod - zuzufügen.

Menschen verhalten sich in der Gruppe anders als allein

Andere Wissenschaftler sind überhaupt nicht einverstanden mit der pauschalen These „Der Markt zerstört die Moral“, die Falk aus seinem Experiment ableitet. Der Verhaltensökonom Joachim Weimann von der Universität Magdeburg findet es „unglaublich, wie weit sich die Autoren aus dem Fenster lehnen“. Weimann, der die Gesellschaft für experimentelle Wirtschaftsforschung leitet, wirft den Autoren des Mäuse-Experiments schwere methodische Mängel vor: Um zu belegen, dass der Markt als Allokationsmechanismus wirklich zu einer höheren Tötungsrate führe, hätten sie die Marktsituation mit einem anderen Mechanismus vergleichen müssen, in dem mehrere Personen über das Mäuseleben entscheiden. Aus vielen Experimenten wisse man, dass sich Menschen in Gruppen anders entscheiden und ihre moralischen Standards geringer sind. Ähnlich sieht es der Bonner Soziologe Erich Weede. Er findet das Falk-Szech-Experiment „überhaupt nicht überraschend, denn es zeigt nur, dass sich Menschen bei Individualentscheidungen anders verhalten als bei Gruppenentscheidungen“. Weede stichelt: Hätte man über die Vergasung der Mäuse nicht eine Gruppe in einem Marktkontext, sondern in demokratischer Mehrheitabstimmung entscheiden lassen, „dann hätten sie keine modische Marktkritik, sondern eine weniger modische Demokratiekritik erhalten“.

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