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Ökonomie : Hat ein Menschenleben einen Geldwert?

„Herr A et al.” Bild: F.A.Z.

Ökonomen erwecken diesen Eindruck, obwohl sie niemandem ein Preisschild umhängen wollen. Doch sie entwickeln Konzepte, mit deren Hilfe sie angeblich den Wert eines „statistischen“ Lebens ermitteln können.

          „Zum ersten Mal hat ein deutscher Ökonom den durchschnittlichen Wert eines Menschenlebens in Deutschland berechnet. Er beträgt 1,65 Millionen Euro. Ein Männerleben hat einen höheren Wert (1,72 Millionen Euro) als ein Frauenleben (1,43 Millionen Euro).“

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Über eine solche Zeitungsmeldung wäre der betreffende Ökonom, Hannes Spengler von der Technischen Universität Darmstadt, kaum glücklich. Er müßte den Vorwurf fürchten, unerträglich zynisch zu sein: Wie kann man sich anmaßen, menschlichem Leben einen Wert beizumessen - und dann auch noch zwischen Mann und Frau zu differenzieren?

          Nicht unendlich wertvoll

          Spengler muß sich von solchen Fragen mißverstanden fühlen; die Zeitungsmeldung wäre sehr verkürzt. Spengler will kein bestehendes Leben mit einem Preisetikett versehen. Sein risikotheoretisches Konzept handelt von einem „statistischen“ Leben. Es beruht auf der Beobachtung, daß jeder Bürger sein eigenes Leben nicht als unendlich viel wert erachtet, sondern es - jedenfalls implizit - einem ökonomischen Kalkül unterwirft.

          Ein Beispiel: Wer Auto fährt, akzeptiert das Risiko, im Straßenverkehr umzukommen. Und er kauft nicht automatisch das Auto mit den höchsten Sicherheitsstandards, sondern jenes, das ihm am günstigsten erscheint - auch um den Preis eines etwas höheren Risikos.

          Drei Millionen Euro

          Wie sich der Wert eines statistischen Lebens theoretisch ermitteln läßt, erläutert Spengler an einem sehr konstruierten Modellbeispiel: In einem Fußballstadion sind 10.000 Menschen versammelt. Sie wissen, daß ein zufällig aus der Menge ausgewählter Besucher sterben muß. Sie werden gefragt, wieviel sie zahlen wollen, um dieses Risiko von der Gemeinschaft - und damit von sich selbst - abzuwenden.

          Da das Sterberisiko eins zu zehntausend beträgt, ist die Zahlungsbereitschaft des einzelnen gering. Beträgt sie - ein gegriffener Wert - 300 Euro, so würden 10.000 Personen insgesamt drei Millionen Euro dafür zahlen, daß das Todesrisiko auf null sinkt und damit ein statistisches Leben gerettet wird. Dessen Wert beträgt dann drei Millionen Euro.

          Kosten-Nutzen-Analyse

          Was ist der Zweck solcher Zahlenspiele? Der amerikanische Ökonom Ike Brannon formuliert es drastisch: Für eine gute Politik sei es notwendig, den (statistischen) Wert eines Menschenlebens zu kennen. Er bezieht diesen Befund auf jene Regulierungsfelder, in denen es darum geht, Leben sicherer zu machen oder zu verlängern: in der Gesundheitspolitik, beim Bau bestimmter Verkehrsprojekte, im Umwelt- und Verbraucherschutz.

          Für jeden Dollar, den der Staat ausgebe, müsse er dem Steuerzahler möglichst viel zurückgeben, sagt Brannon. Wenn eine Regulierung mehr koste, als sie ihr bringe, solle sie nicht in Angriff genommen werden. Die Forderung liegt der Kosten-Nutzen-Analyse zugrunde, die in Amerika für viele Regulierungsprojekte vorgeschrieben ist.

          Eine „Pekuniarisierung“

          Wie aber lassen sich Kosten und Nutzen ermitteln? Schon bei den Kosten ist das schwierig. Noch mehr gilt das für den Nutzen. Ein Beispiel: Wenn der Staat eine Kampagne gegen das Rauchen startet, sollte sich das in einer verminderten Zahl von Krankheits- und Todesfällen niederschlagen. Wieviel sollte dann für eine Kampagne ausgegeben werden? Das hängt von der Höhe des Wertes ab, den die Bürger ihrem Leben beimessen. Das erfordert - mit den Worten Spenglers - eine „Pekuniarisierung“ des (statistischen) Wertes von körperlicher Unversehrtheit und menschlichem Leben per se.

          Wie aber ist das empirisch möglich? Kaum jemand wird explizit sagen können und wollen, was ihm sein eigenes Leben wert ist. Es gibt mehrere Berechnungsmethoden, keine von ihnen verspricht endgültige Erkenntnis. Spenglers Ansatz beruht auf der Idee, daß ein Arbeitnehmer nur bereit ist, eine gefährlichere, also mit einem höheren Todesrisiko verbundene Tätigkeit aufzunehmen, wenn er dafür besser entlohnt wird.

          Unterschiede durch Methoden

          Wenn sich empirisch ermitteln ließe, wieviel im Durchschnitt ein Arbeitnehmer für ein höheres Todesrisiko am Arbeitsplatz verlangte, ließe sich auch der statistische Wert eines menschlichen Lebens berechnen. Das ist freilich wegen der Vielzahl von Einflußfaktoren auf die Lohnhöhe sehr schwierig. Entsprechend unterschiedlich fallen die Ergebnisse der Schätzungen aus. Die oben genannten, von Spengler ermittelten Werte sind eher gering; amerikanische Ökonometriker kommen für ihr Land auf das Drei- bis Vierfache.

          Solche Unterschiede, die methodische Ursachen haben, werfen freilich die Frage auf, was das Konzept wert ist. Wenn der Wert eines statistischen Lebens nicht einigermaßen unstrittig ermittelt werden kann, hält sich auch seine politische Relevanz in Grenzen. Aber vielleicht bringt weitere Forschung ja neue Erkenntnis zutage.

          James I. Brannon, What is a Life Worth?, Regulation (2004)

          Hannes Spengler, Kompensatorische Lohndifferentiale und der Wert eines statistischen Lebens in Deutschland, Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung (2004)

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.06.2005, Nr. 22 / Seite 34

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