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Gespräch mit Jeremy Rifkin : Schöne, kostenlose Internetwelt

Keine sozialistische Utopie, sondern marktwirtschaftliche Zukunftsmusik: Der Autor Jeremy Rifkin prophezeit ein Superinternet der Dinge. Bild: Gyarmaty, Jens

Die Häuser kommen aus dem 3D-Drucker. Autos auch. Der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin beschreibt eine futuristische Wirtschaft des Teilens.

          Eigentlich müsste Jeremy Rifkin ein reicher Mann sein. Seit Jahrzehnten sagt der amerikanische Buchautor und Regierungsberater Techniktrends und die Zukunft der Wirtschaft voraus. Wenn er entsprechend an der Wall Street investiert und recht behalten hätte, müssten seine Aktien durch die Decke gegangen sein. Im Gespräch berichtete der freundliche ältere Herr allerdings, dass er diesen Realitätstest nicht gemacht und keine Aktien gekauft hat, sondern sein Geld ganz klassisch anlegt, etwa in amerikanische Staatsanleihen und auf Sparkonten.

          Manfred Schäfers

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          In den neunziger Jahren prognostizierte der Gründer der „Foundation on Economic Trends“ das Ende der Arbeit. Nun sagt er in seinem neuen Buch „Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ voraus, dass die kapitalistische Gesellschaft von einer Ökonomie des Teilens ersetzt wird. „Damit kein Missverständnis aufkommt: Der Kapitalismus wird nicht völlig verschwinden.“ Aber man erlebe zunehmend eine neue Form des Wirtschaftens, in der Menschen Güter miteinander teilten. Viele traditionelle Unternehmen verschwänden bis zum Jahr 2050.

          Sein Argumentation geht so: Bisher seien die Unternehmen gewachsen, denen es am besten gelungen sei, die Kosten für ein zusätzlich hergestelltes Produkt am schnellsten zu senken. „Doch nun leben wir in einer Zeit, in der die Grenzkosten für viele Dinge so gut wie null sind.“Die Kosten, ein Musikstück einmal oder eine Million Mal im Netz zu vertreiben, seien im Prinzip dieselben. So sei eine moderne Allmende entstanden, eine Form des gemeinschaftlichen Eigentums.

          Das Superinternet der Dinge

          „Wir können auf einmal Güter und Dienstleistungen herstellen, die traditionelle Anbieter aus dem Geschäft katapultieren.“ Das mache zwar auf der einen Seite Internetgiganten wie Google oder Facebook mächtiger. Aber es gebe auf der anderen Seite auch das von vielen Menschen selbstlos verfasste Internetlexikon Wikipedia oder das Couchsurfing, das kostenlose Übernachten bei Fremden.

          Dennoch warnt Rifkin: „Da ist eine gewaltige Schlacht im Gange. Die Telekommunikationsunternehmen und Googles dieser Welt sehen das Superinternet der Dinge kommen. Und sie wollen die Leitungen kontrollieren. Und sie wollen diskriminieren können und die Netzneutralität aushebeln können.“ Daher müssten diese Unternehmen reguliert werden. „Ich liebe Google, aber ich will nicht, dass das Wissen der ganzen Welt in der Hand eines einzigen Unternehmens ist.“

          „Es ändert sich viel mehr, als Sie denken.“

          Dass Unternehmen nur gegründet werden, weil die Leute hoffen, schnell reich zu werden, glaubt Rifkin nicht. Natürlich gebe es solche, die das Geld antreibe. „Aber es gibt auch Gründer, die soziale Motive haben und ihre Kreativität frei für alle zur Verfügung stellen.“ In der neuen Ökonomie des Teilens verbreiteten Millionen Menschen Musik. Junge Leute produzierten Videos und stellten sie über Youtube zu Verfügung. Nachrichten, Bücher, Hochschulkurse gebe es kostenlos im Netz.

          Den Einwand, dass die schöne neue Internetwelt offenbar die beste Voraussetzung für Monopole ist, man denke nur an Facebook, Google oder Twitter, hält er für berechtigt. „Ja, solche Konzerne gibt es. Sie haben ein kapitalistisches Geschäftsmodell, und gleichzeitig erlauben sie uns, fast kostenlos Dinge zu konsumieren und zu produzieren.“

          Nach Rifkins Worten gehen die derzeit zu beobachtenden Umwälzungen weit über das hinaus, was in Marktwirtschaften an Neuerungen üblich ist. „Es ändert sich viel mehr, als Sie denken. Wir haben eine technologische Revolution in der Telekommunikation, in der Energieversorgung und in der Produktion, alles zusammen wird dazu führen, dass man ganz anders wirtschaftet.“ Strom gebe es bald reichlich und dezentral. „Die Sonne und der Wind schicken keine Rechnungen.“

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