Professor Burda, die Politik will von Ökonomen keine Ratschläge in der Euro-Krise mehr hören. Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte jüngst: „Von allen denkbaren Verfahren in der Bewältigung dieser Krise ... ist das am wenigsten taugliche die Umsetzung von Expertenempfehlungen gewesen.“ Haben die Ökonomen versagt?
Die Politik serviert uns jeden Tag neue Katastrophen. Ich habe nicht darum gebeten, dass Griechenland oder Portugal in den Euro aufgenommen werden. Italien hat mit Hilfe von Goldman Sachs seine Zinsbelastung gesenkt. Das waren die Sünden am Anfang der Währungsunion. Die Politik hat immer wieder weggeguckt. Es ist doch ungeheuerlich, wenn man jetzt uns Ökonomen die Schuld an den Problemen gibt. Sicher: Einige geben auch fragwürdige normative Empfehlungen in der Euro-Frage, die ich nicht teile.
Der Aufruf von mittlerweile 243 Ökonomen um Hans-Werner Sinn gegen eine „Sozialisierung von Schulden“ hat großes Aufsehen erregt. Sie haben einen Gegenaufruf für eine Bankenunion unterzeichnet, wie inzwischen 191 andere Professoren. Warum?
Der Aufruf hat mich aufgeregt. Der Stil des Briefs an die Bürger hat die Politiker verärgert. Er war zu emotional, ich würde fast sagen: nationalistisch. Das hat etwas von den dreißiger Jahren. Die Integration der Finanzmärkte ist so weit fortgeschritten, dass alle Banken zusammenhängen. Wenn Banken im einen Land umfallen, dann sind alle tangiert. Man muss daher eine gemeinsame Lösung finden. Sonst gibt es eine Balkanisierung der Bankensysteme, das kann nicht gutgehen.
Die Kritiker sagen, dass in einer Bankenunion die soliden Staaten für die gescheiterten Geschäfte der anderen haften. Woher nehmen Sie den Optimismus, dass eine Bankenaufsicht tatsächlich hart eingreift und Pleitebanken abwickelt - und dass dabei die Gläubiger, nicht die Steuerzahler anderer Länder haften?
Die Bankenunion hätte man schon zum Beginn der Währungsunion einführen müssen. Jetzt - ex post - sind natürlich schon hohe Verluste angelaufen, das bedeutet, dass es zu Transfers kommt.
Also eine Sozialisierung von Schulden.
Ja, so ist das. Wenigstens zum Teil.
Aber das darf man doch kritisieren? Ihr Kollege Charles Wyplosz, mit dem Sie ein Lehrbuch über Makroökonomie geschrieben haben, hat den Ökonomen-Protest als „offen fremdenfeindlich“ bezeichnet. Ist man fremdenfeindlich, wenn man eine vergemeinschaftete Haftung für fremde Schulden ablehnt?
Nein, so extrem sehe ich das nicht. Sicherlich achtet jeder auf die eigenen Taschen. Aber im Krisenfall muss man umdenken. Nehmen Sie folgende Situation: Ihr Nachbarhaus brennt. Sollen Sie dem Nachbarn dann einen Vortrag über „moralisches Risiko“ und die richtige Versicherung halten? Nein, Sie greifen zum Schlauch und helfen, das Feuer auszulöschen. Danach können Sie über künftige Versicherungsregeln reden. Aber es ist auch richtig: Deutschland kann jetzt nicht seine Taschen ganz öffnen, es muss Bedingungen stellen.
Sie glauben, dass eine künftige Bankenunion eine gute Regulierung einführt?
Wir dürfen nicht absolute Zyniker sein. Wir müssen einen gewissen Optimismus mitbringen. Harte Regulierung ist möglich. Schauen Sie den Glass Steagall Act von 1933 an, der wohl auch mit Hilfe von Populisten eingeführt wurde. Über mehr als fünf Jahrzehnte galt das Trennbankensystem. Das Investmentbanking wurde abgetrennt, die Geschäftsbanken hatten nur noch wenig Spielräume. Zocken ging da nicht mehr. Durch eine stumpfe geographische Begrenzung der Geschäftsbankenaktivitäten wurde erreicht, dass keine Bank „too big to fail“ wurde.
Die Geschichte der Euro-Währungsunion ist eine Geschichte gebrochener Verträge und Regeln. Aber für die Zukunft sollen wir den Regeln vertrauen?
Wir müssen es. Jedes Land muss Souveränität abgeben, sonst fallen wir in die nationalen Muster zurück. Wann immer es externe Effekte gibt, muss das EU-weit geregelt werden. Die Finanzwelt muss einheitlich reguliert werden.
Es gibt eine tiefe Kluft zwischen deutschen und anderen Ökonomen. Die Deutschen unterstützen mehrheitlich den Sparkurs. Angelsachsen und Südeuropäer fordern höhere Schulden für mehr Wachstum. Sind die angelsächsischen Kollegen insgesamt keynesianischer?
Die Angelsachsen waren schon immer so. Es gab die Thatcher-Reagan-Zeit mit angebotsseitigen Reformen, aber ansonsten schauen sie sehr auf die Nachfrage. Ökonomen müssen zwei Augen haben. Sie müssen sowohl die Nachfrageseite als auch die Angebotsseite betrachten. In den Krisenländern Griechenland, Spanien und Italien braucht es Strukturreformen, um nachhaltiges Wachstum wiederzuerlangen. Sparen ist ein Teil dieser Strukturreformen. Dennoch führt der Sparkurs zusammen mit einer Kreditklemme zu einem tiefen Einbruch der Nachfrage und zu einer Rezession. Es ist zu wenig, einfach nur Sparen einzufordern, man muss eine langfristige Perspektive sehen.
Trotz immer größerer Rettungsfonds beruhigt sich die Schuldenkrise nicht. Einige Ökonomen fordern, dass die EZB alle Staatsschulden garantieren und im Notfall kaufen soll. Ein „lender of last resort“, so wie die amerikanische Fed. Sind die Deutschen zu skrupulös?
Der Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbank ist langfristig ein Rezept für Inflation. Aber es kann sinnvoll sein als Gegenleistung für Reformen. Wenn die Italiener ihren Arbeitsmarkt reformieren, dann könnte man das durch Zinserleichterungen belohnen. Wenn es wirklich schlimm wird, dann wird die EZB durchgreifen. Sie hat auch das Recht dazu, die Märkte zu stabilisieren.
Was erwarten Sie? Was für ein Ende wird die Rettungspolitik nehmen?
Die Rettung könnte von außen kommen. Wenn die Weltwirtschaft wieder in Gang kommt und der Euro weiter absackt, dann könnten die Euroländer mehr in Drittländer exportieren. Die Peripherieländer haben eine gewisse Wettbewerbsfähigkeit, aber nicht bei einem hohen Wechselkurs. Bei einer lockeren EZB-Geldpolitik wird der Euro abwerten. Ich hoffe auch auf ein „Rebalancing“ im Euroraum. Deutschland muss ein bisschen mehr Inflation zulassen, die Gewerkschaften erkämpfen höhere Löhne und die deutschen Güter verteuern sich etwas, so dass man in der Peripherie nicht so viel Deflation braucht. Auf diese Weise werden die Ungleichgewichte langsam abgebaut. Aber wenn die Finanzmärkte ungeduldig werden, dann kommen noch ganz schnell schreckliche Dinge.
Was meinen Sie damit?
Mir fehlt die Phantasie, um mir das auszumalen.
Cum grano salis,
Michael Wagner (comic)
- 16.07.2012, 19:45 Uhr
Währungsunion - ein untaugliches Mittel der politischen Integration
Jutta Hebel (Arminino)
- 16.07.2012, 19:10 Uhr
Ein Makroökonom ohne Fantasie?? Würde Ihnen helfen, wenn Sie
eine hätten.
Ingrid Hoyer (Charlotte64)
- 16.07.2012, 18:22 Uhr
Wäre ich ein amerikanischer Ökonom, würde ich...
Ulla Nachtmann (fatumath)
- 16.07.2012, 17:14 Uhr
"Wenn die Finanzmärkte ungeduldig werden ...
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 16.07.2012, 16:57 Uhr
