Professor Eichengreen, droht der Weltwirtschaft eine große Depression wie nach der letzten großen Finanzkrise in den 30er Jahren?
Nein, so schlimm wie in den 30ern wird es nicht. Aber es gibt viele Zeichen, dass ein verlorenes Jahrzehnt droht - mit weltweit niedrigem Wirtschaftswachstum in Amerika, Europa und Japan. Sogar in China schwächt sich das Wirtschaftswachstum ab.
Was können die Regierungen dagegen tun?
Wir brauchten eine Mischung aus Reformen verkrusteter Strukturen und einer Politik, die das Wirtschaftswachstum fördert. In Amerika regiert die Polarisierung. Die großen Parteien schaffen es nicht, die großen Probleme des Landes zu lösen. In Europa muss die Europäische Zentralbank eingreifen, weil es nicht gelingt, die Regierungen in Ländern wie Italien zu Reformen zu ermutigen.
Wenn die EZB Staatsanleihen der Südländer kauft, ermuntert sie diese doch geradezu dazu, Reformen zu unterlassen?
Ich glaube, dass es möglich ist, das System zu stabilisieren und trotzdem die notwendigen Reformen in Südeuropa zu erreichen. Wenn die EZB in der Krise Staatsanleihen aufkauft, um das System der Kreditvergabe in Europa zu stabilisieren, dann ist das sicher auch für das Wirtschaftswachstum hilfreich. Auf der anderen Seite sollte man diese Hilfe konditionieren: Man muss dafür Reformen verlangen. Aus meiner Sicht hat EZB-Präsident Mario Draghi aber recht, wenn er darauf dringt, dass sich um diese Bedingungen und ihre Einhaltung die Politik kümmert. Und nicht die Notenbank.
Die Deutschen haben Angst, dass damit eine neue Ära der Inflation anfängt ...
Die Menschen in Deutschland haben viel Angst vor Inflation und sind deshalb gegenüber dem Staatsanleihen-Programm der EZB sehr skeptisch. Wir haben aber auch in Amerika bei den Republikanern gerade eine ähnliche Debatte. Die Menschen haben Angst vor Inflation - obwohl es gar keine Inflation gibt und an den Märkten auch kaum Inflationserwartung da ist. Ich sehe im Moment weder Anzeichen für Inflation in Europa noch in Amerika. Ich glaube aber auch nicht, dass die Welt zusammenbrechen würde, wenn es in Deutschland mal ein paar Jahre lang vier statt zwei Prozent Inflation gäbe.
Der Mann auf der Straße fühlt schon Inflation. Benzin wird immer teurer, Mieten und Hauspreise in den großen Städten steigen...
Ja, die Menschen nehmen Preise, die steigen, stark wahr, und registrieren nicht ausreichend, dass andere Dinge billiger werden. Und sie glauben deshalb, es gebe eine allgemeine Preiserhöhung, mit anderen Worten: Inflation. Aber es ist eine Tatsache: Es gibt kaum Inflation. Außerdem ist die Europäische Zentralbank natürlich nicht für den Ölpreis verantwortlich - der wird im Mittleren Osten gemacht und durch die steigende Nachfrage der Chinesen. Und wenn es in Deutschland eine Immobilienblase gibt - wir hatten so was ja vor noch gar nicht langerZeit in Amerika -, dann ist das ein Job für die Regulatoren der Banken, nicht für die Geldpolitik.
Aber können niedrige Zinsen nicht zur Blasenbildung bei Vermögenspreisen führen? Hat die Fed mit ihrer Niedrigzinspolitik nicht dazu beigetragen, dass die Hauspreisblase entstand?
Es ist schon richtig, die Geldpolitik kann dazu führen, dass Vermögenspreisblasen entstehen. Aus meiner Sicht war die Hauptursache für den Immobilienboom, der später zur Finanzkrise in Amerika führte, aber eine andere. Sie bestand in einer zu laxen, unangemessene Regulierung der Banken.
Wird die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik der EZB leiden, wenn sie politischer wird und nicht mehr allein der Stabilität des Euro verpflichtet ist?
Eine stabile Währung kann doch nicht das einzige Ziel der Geldpolitik sein. Sonst brauchte man doch keinen Zentralbankrat, sondern könnte einfach einen Computer da hinsetzen, der die Leitzinsen festlegt. Nein, so mechanisch funktioniert das nicht, natürlich geht es da immer auch um Abwägungsprozesse. Deshalb machen das ja Menschen. Die Leute in Deutschland vergessen oft, dass es in den dreißiger Jahren zwei ökonomische Übel waren, die den Nationalsozialisten den Weg geebnet haben. Die Inflation war die eine - die andere war die hohe Arbeitslosigkeit. Wirtschaftliches Wachstum und Geldwertstabilität sind deshalb beides Ziele, die eine Notenbank zu verfolgen hat.
Das klingt sehr nach den Regeln der Geldpolitik in Amerika. Wird die EZB jetzt so ähnlich wie die Fed?
Ja, die EZB wird erwachsen und wird mehr wie eine normale Notenbank. Sie beginnt zu verstehen, dass die Stabilität des Euro ihr wichtigstes Ziel ist - aber nicht das einzige. Sie ist auch verantwortlich für die Stabilität des Finanzsystems. Und, voraussichtlich ab dem nächsten Jahr, wird sie auch für die Regulierung der Banken verantwortlich.
Glauben Sie nicht, dass es ein Unterschied ist, Geldpolitik für ein einzelnes Land wie Amerika zu machen oder für 17 souveräne Staaten mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen und weniger Mobilität von Arbeitskräften?
Das macht sicherlich einen Unterschied. Es ist ein Problem für Europa, dass die wirtschaftlichen Bedingungen in den verschiedenen Ländern so unterschiedlich sind. Europa muss die Transfermechanismen, die Amerika längst hat, gerade erst entwickeln. Deshalb gibt es in Europa ja gerade diese Konflikte. Sicherlich ist die Mobilität der Arbeitskräfte in Europa noch geringer als in Amerika - aber deshalb muss die EZB nicht anders über Geldpolitik nachdenken als die amerikanische Notenbank Fed.
Wird der Euro denn gerettet werden können?
Es ist ökonomisch einfach, den Euro zu retten, aber es ist politisch schwierig. Ich bin aber optimistischer als viele meiner Ökonomen-Kollegen in Amerika und glaube, es wird gelingen. Vor allem, weil die Kosten für ein Auseinanderbrechen der Europäischen Währungsunion enorm hoch und dramatisch für Europa wären.
Bleibt Griechenland im Euro?
Langfristig stehen die Chancen aus meiner Sicht fünfzig zu fünfzig. Bis zum Jahresende aber wird das Land aus meiner Sicht zu 80 Prozent im Euro bleiben.
Was würden Sie denn vorschlagen, wie die Probleme des Euro gelöst werden können?
Die Europäische Zentralbank ist aus meiner Sicht auf dem richtigen Weg. Es ist vernünftig, die Käufe von Anleihen notleidender Länder an Bedingungen zu knüpfen. Wenn die Staaten zuerst Hilfe beim Rettungsfonds beantragen müssen und erst dann Anleihen gekauft werden, stellt man sicher, dass die Anleihekäufe Reformen nicht ersetzen. Ich denke aber auch, Europa wird Griechenland mehr Hilfen geben müssen, damit das Land im Euro bleiben kann. Das wird nicht leicht werden, weil die Stimmung zum Beispiel in Deutschland nicht nach mehr Hilfszahlungen ist. Ich denke aber, dass daran kein Weg vorbeiführen wird.
Würden Sie immer noch sagen, die Einführung des Euro war eine gute Idee?
Es war sicher ein Fehler, eine Währungsunion ohne eine Bankenunion einzuführen. Aber man kann die Geschichte nicht zurückdrehen. Man kann nicht zwei Situationen vergleichen, eine mit Euro und eine ohne Euro. Man kann nur fragen: Was würde es kosten, die Eurozone jetzt aufzulösen. Und die Folgen wären bei weitem schlimmer als die der Pleite von Lehman Brothers damals. Das kann niemand wollen.
Können wir denn nicht die Europäische Union ohne den Euro retten?
Wohl nicht in ihrer derzeitigen Form. Selbst wenn man es sich vorstellen könnte, hätte ein Zusammenbruch der Währungsunion so gewaltige Folgen, dass die Europäische Union davon nicht unberührt bliebe. Langfristig brauchen wir mehr politische Integration.
Auch, wenn die Mehrheit der Menschen in Europa so etwas wie einen gemeinsamen Staat nicht will? Sollten die Menschen gezwungen werden?
Nein, ich meine nicht, dass die Menschen gezwungen werden sollten. Ich bin derselben Meinung wie EZB-Präsident Mario Draghi, der vergangenen Woche in einer deutschen Zeitung geschrieben hat, man brauche keine Vereinigten Staaten von Europa, um erfolgreich eine gemeinsame Geldpolitik zu betreiben. Aber man braucht genug politische Integration und genug Solidarität, um die bestehenden Probleme zu lösen. Und natürlich glaubwürdige Institutionen. Dazu würde ein stärkeres Europäisches Parlament gehören. Und gemeinsame Regeln für die Haushaltspolitik. Und eine Lösung für die nach wie vor bestehenden Probleme mit den Banken - die Bankenunion.
Deutschland hat in der EZB nur eine Stimme wie alle anderen Länder auch. Finden Sie nicht, wir sollten aufgrund unsere wirtschaftlichen und politischen Bedeutung dort stärker vertreten sein?
Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, die Geldpolitik so stark aus einem nationalen Blickwinkel zu betrachten. Die EZB soll Geldpolitik für Europa machen - nicht für einzelne Länder. Was würden auch Deutschlands Partner in der EZB sagen, wenn Deutschland dort jetzt mehr Stimmen bekämen, und sie weniger?
Wem geht es eigentlich besser? Amerika oder Europa?
Ich mache mir auch über die Situation in Amerika von Tag zu Tag mehr Sorgen. Die Fähigkeit zum Kompromiss ist in der Politik verlorengegangen - und ohne Kompromisse lassen sich die Haushaltsprobleme nicht lösen.
Die Republikaner flirten mit der Idee, den Dollar wieder an den Goldpreis zu binden. Haben Sie Verständnis für die Sehnsucht nach Stabilität, die dahintersteckt?
Es ist eine lächerliche Idee. So etwas ist nicht durchführbar und würde heutzutage auch keinen Sinn machen. Ich glaube, da geht es nur darum, die Verunsicherung der Menschen zu nutzen, um Stimmen zu fangen. Das nimmt keiner ernst.
Glauben Sie denn, dass ein neuer republikanischer Präsident helfen könnte, die Probleme mit den Staatsschulden in Amerika zu lösen?
Ich höre von den Republikanern vor allem, dass sie gegen Steuererhöhungen in jeder Form sind. Das wird es schwermachen, die Haushaltsprobleme zu lösen. Ein Präsident Mitt Romney würde deshalb - Stand heute - die Haushaltsprobleme wohl eher verschärfen.
Welche Währung hat denn aus Ihrer Sicht die bessere Zukunft - der Euro oder der Dollar?
Kurzfristig steht es um den Dollar besser, er hat schließlich keine akute Krise wie der Euro. Aber wer auf Dauer besser dasteht, das ist noch keineswegs ausgemacht.
Der amerikanische Wissenschaftler Barry Eichengreen, Jahrgang 1952, ist einer der renommiertesten Analytiker der Weltwirtschaft. Er lehrt Ökonomie und politische Wissenschaften an der University of California in Berkeley bei San Francisco an der amerikanischen Westküste. In den neunziger Jahren beriet der in Yale ausgebildete Professor zudem den Internationalen Währungsfonds (IWF) in währungspolitischen Fragen.
wenn es bei 4 % bliebe
Manfred Buder (tesaro)
- 03.09.2012, 16:14 Uhr
Beim Herrn Barry Eichengrün kann man schon seine gewisse Aversion gegen
Viktor Krieger (Viktor_K)
- 03.09.2012, 16:09 Uhr
Außerdem
Alexander Heim (Skylark)
- 03.09.2012, 10:33 Uhr
Ein wenig mehr Rationalität bei der Diskussion...
Alexander Heim (Skylark)
- 03.09.2012, 10:14 Uhr
amerikanische Besserwisser
Lea Ruth Ziebold (Ziebold)
- 03.09.2012, 02:29 Uhr
