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Ökonom Barry Eichengreen „Deutschland kann mit vier Prozent Inflation gut leben“

Der amerikanische Ökonom Barry Eichengreen lobt die geplanten Anleihekäufe. Im Interview spricht er über die amerikanische Notenbank als Vorbild, den Rettungseinsatz der EZB und Mitt Romneys gefährliche Steuerpläne.

© Roeder, Jan „Zentralbanker, die nur gegen die Inflation kämpfen, sind durch Computer ersetzbar“: Barry Eichengreen

Professor Eichengreen, droht der Weltwirtschaft eine große Depression wie nach der letzten großen Finanzkrise in den 30er Jahren?

Nein, so schlimm wie in den 30ern wird es nicht. Aber es gibt viele Zeichen, dass ein verlorenes Jahrzehnt droht - mit weltweit niedrigem Wirtschaftswachstum in Amerika, Europa und Japan. Sogar in China schwächt sich das Wirtschaftswachstum ab.

Was können die Regierungen dagegen tun?

Wir brauchten eine Mischung aus Reformen verkrusteter Strukturen und einer Politik, die das Wirtschaftswachstum fördert. In Amerika regiert die Polarisierung. Die großen Parteien schaffen es nicht, die großen Probleme des Landes zu lösen. In Europa muss die Europäische Zentralbank eingreifen, weil es nicht gelingt, die Regierungen in Ländern wie Italien zu Reformen zu ermutigen. 

Wenn die EZB Staatsanleihen der Südländer kauft, ermuntert sie diese doch geradezu dazu, Reformen zu unterlassen?

Ich glaube, dass es möglich ist, das System zu stabilisieren und trotzdem die notwendigen Reformen in Südeuropa zu erreichen. Wenn die EZB in der Krise Staatsanleihen aufkauft, um das System der Kreditvergabe in Europa zu stabilisieren, dann ist das sicher auch für das Wirtschaftswachstum hilfreich. Auf der anderen Seite sollte man diese Hilfe konditionieren: Man muss dafür Reformen verlangen. Aus meiner Sicht hat EZB-Präsident Mario Draghi aber recht, wenn er darauf dringt, dass sich um diese Bedingungen und ihre Einhaltung die Politik kümmert. Und nicht die Notenbank.

Die Deutschen haben Angst, dass damit eine neue Ära der Inflation anfängt ...

Die Menschen in Deutschland haben viel Angst vor Inflation und sind deshalb gegenüber dem Staatsanleihen-Programm der EZB sehr skeptisch. Wir haben aber auch in Amerika bei den Republikanern gerade eine ähnliche Debatte. Die Menschen haben Angst vor Inflation - obwohl es gar keine Inflation gibt und an den Märkten auch kaum Inflationserwartung da ist. Ich sehe im Moment weder Anzeichen für Inflation in Europa noch in Amerika. Ich glaube aber auch nicht, dass die Welt zusammenbrechen würde, wenn es in Deutschland mal ein paar Jahre lang vier statt zwei Prozent Inflation gäbe.

Der Mann auf der Straße fühlt schon Inflation. Benzin wird immer teurer, Mieten und Hauspreise in den großen Städten steigen...

Ja, die Menschen nehmen Preise, die steigen, stark wahr, und registrieren nicht ausreichend, dass andere Dinge billiger werden. Und sie glauben deshalb, es gebe eine allgemeine Preiserhöhung, mit anderen Worten: Inflation. Aber es ist eine Tatsache: Es gibt kaum Inflation. Außerdem ist die Europäische Zentralbank natürlich nicht für den Ölpreis verantwortlich - der wird im Mittleren Osten gemacht und durch die steigende Nachfrage der Chinesen. Und wenn es in Deutschland eine Immobilienblase gibt - wir hatten so was ja vor noch gar nicht langerZeit in Amerika -, dann ist das ein Job für die Regulatoren der Banken, nicht für die Geldpolitik.

Aber können niedrige Zinsen nicht zur Blasenbildung bei Vermögenspreisen führen? Hat die Fed mit ihrer Niedrigzinspolitik nicht dazu beigetragen, dass die Hauspreisblase entstand?

Es ist schon richtig, die Geldpolitik kann dazu führen, dass Vermögenspreisblasen entstehen. Aus meiner Sicht war die Hauptursache für den Immobilienboom, der später zur Finanzkrise in Amerika führte, aber eine andere. Sie bestand in einer zu laxen, unangemessene Regulierung der Banken.

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