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Öko-Produkte Luxus darf sich nicht Luxus nennen

17.02.2012 ·  Die Öko-Ernährungswirtschaft erlebt einen stetigen Aufstieg, Erfolg hat sie vor allem in den reichsten Ländern. Damit aber die Erzählung von der Nachhaltigkeit funktioniert, darf sich der Luxus nicht Luxus nennen.

Von Jan Grossarth, Nürnberg
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© dpa Olivenöl aus biologischem Anbau

Die Aussteller verkaufen Werbe-Kugelschreiber aus Abfällen, pestizidfreies Kokosöl von den Philippinen oder handgeangelten Thunfisch. Oder sie berechnen für Unternehmen CO2-Fußabdrücke, heuern in Ministerien oder Zertifizierungsunternehmen an, die Klarheit darüber in die Welt zu bringen, welche Produkte als klimafreundlich, nachhaltig oder sozial gerecht zu gelten haben. Wer in diesen Tagen auf der Messe "Bio Fach" in Nürnberg ausstellt, hält das eigene Geschäft für nachhaltig. Etwa in Halle 6: Dort steht auf einem Tresen ein rotes Spielzeugauto mit einer Solarzelle auf dem Dach, die den Motor antreibt - ein Werbegeschenk, etwa für Energiekonzerne. Das Auto aber fährt nicht, und die Unternehmensgründerin Antonietta Kreiter wirkt betrübt. Sie habe ihre Taschenlampe vergessen, bei normalem Licht funktioniere das Auto nicht. Mit "ökologisch korrekten" Werbeprodukten wie diesem machte sie sich vor knapp zwei Jahren selbständig. Die liefert sie aber vor allem an klassische Industriekunden. Etwa ihre Kugelschreiber: Sie werden aus recycelten CD-Hüllen, Reifen, Jeanshosen oder Geldscheinen gemacht, Monat für Monat werden mehr bestellt. Rohöl, der übliche Rohstoff für Plastik-Kulis, werde ja bald ausgehen, sagt Kreiter. Der deutsche Werbeartikelmarkt wachse längst nicht mehr, der Öko-Werbeartikelmarkt erfreulicherweise schon: "Ich mache gern so Trendsachen."

Unternehmer aus dieser Branche kennen keine Krisen. Die Bio Fach füllt das Nürnberger Messegelände wie sonst nur die Spielwarenbranche, Tausende Menschen probieren sortenreinen Boskop-Apfelsaft, fleischlose (vegane) "Schweins"-Wurst, Olivenöle oder indischen Tee. Partys und Kongressveranstaltungen am Rande bezeugen eine Gründerzeit, die nie zu Ende zu gehen scheint: Auch 2011 wuchs der Branchenumsatz wieder um 9 Prozent auf rund 6,6 Milliarden Euro.

Die Klientel ist überdurchschnittlich kaufkräftig

Während die Basis, die Landwirtschaft, ihre Erträge nur langsam steigert, wachsen Nischenunternehmen enorm. Etwa Defu, das zu einer anthroprosophischen Erzeugergemeinschaft gehört und Lebensmittel nach strengen Demeter-Anbaurichtlinien produziert - Katzenfutter, Hundefutter. In jedem Jahr steige der Umsatz im zweistelligen Prozentbereich, sagt Marketingleiter Henning Klukkert. Die Klientel ist überdurchschnittlich kaufkräftig. Klukkert ist grundsätzlich gegen Wirtschaftswachstum, weil dafür irgendjemand woanders zahlen müsse, etwa Bauern der Dritten Welt. Das Wachstum seines Unternehmens halte er aber für "nachhaltig", sagt er: "Weil wir anders mit den Lebensmitteln umgehen.

Die jüngeren Unternehmen haben oft keinen ausgeprägten weltanschaulichen Hintergrund mehr. Sie haben sich mit "nachhaltigen" Themen selbständig gemacht, weil hier Geld zu verdienen ist und weil ihnen grüne Themen sympathisch sind. Die meisten könnte man auch Luxusunternehmen nennen, auch wenn das kaum jemand gern hört. Etwa das Unternehmen Dr. Goerg, dessen Gründer Dr. Goerg auf den Philippinen lebt und mit "fair" gehandelten Kokosprodukten im vergangenen Jahr 5 Millionen Euro umgesetzt hat.

Oder Followfish, das für 20 Millionen Euro handgeangelten Dosenthunfisch von den Malediven verkauft. Dafür, dass die Erzeugung von Öko-Nahrungsmitteln ein Wohlstandsphänomen ist und nicht die einzige tragfähige Gesamtstrategie, als die sie gern verkauft wird, spricht der Ländervergleich: Die reichsten Länder weisen den höchsten Pro-Kopf-Umsatz auf, etwa die Schweiz und Liechtenstein, während Osteuropäer oder die Türkei Bio-Äpfel zu boykottieren scheinen. Dieser Luxus darf sich aber offenbar nicht Luxus nennen, weil dann die Erzählung von der Nachhaltigkeit nicht mehr funktioniert.

Eine schwäbische Saftkelterei schenkt "Isis Cola" und Rote-Bete-Saft aus. Beutelsbacher, mit Voelkel eine der großen deutschen Demeter-Keltereien, ist schon lang in diesem Geschäft. Es wurde 1936 gegründet und 1951 auf Demeter-Anbau umgestellt, als das Land fast noch in Trümmern lag. "Mein Großvater hatte große Zweifel, ob das funktionieren kann, man baute das Obst teuer an, aber musste es zu konventionellen Preisen anbieten, weil niemand mehr zahlen wollte", sagt der Geschäftsführer Thomas Maier, der Enkel des Gründers. Heute gibt es die Säfte von Beutelsbacher in den teuersten Kaufhäusern von Moskau oder Tokio. Die Lieferwagen sind tagelang auf den Straßen unterwegs. Zwischen 5 und 10 Prozent wächst der Umsatz von Jahr zu Jahr.

Dioxin, Fukushima, Ehec-Bakterien - nicht zuletzt von diesen Skandalen lebt die Öko-Ernährungswirtschaft. Ein großer Lebensmittelskandal hingegen wurde 2011 von der Öffentlichkeit fast nicht registriert: Hunderte Tonnen konventionelles Getreide waren aus Italien als Bio-Getreide eingeführt worden, über Jahre waren deutsche Konsumenten betrogen worden, doch es kam bis heute nicht zu einer umfassenden Aufklärung, weil italienische Behörden und Bio-Kontrolleure offenbar mit den Betrügern gemeinsame Sache gemacht hatten. Wieso empörten sich die Verbraucher nicht? Vielleicht nahm man es diesmal nicht so streng, weil die Nachricht eine Gefahr auch für das Wachstum der wahrhaft Nachhaltigen gewesen wäre - und damit für viele Beobachter offenbar "die Falschen" getroffen hätte.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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