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OECD-Studie Deutschland wird zum Globalisierungsverlierer

 ·  Nach einer Studie der OECD büßt die deutsche Wirtschaft wegen der Alterung der Bevölkerung bis 2060 mehr an Bedeutung ein als alle anderen Industrieländer. Die deutsche Wirtschaft werde bis 2060 durchschnittlich nur um 1,1 Prozent jährlich wachsen.

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© dapd Vergrößern Exportschlager: das Containerterminal am Hamburger Hafen

Kein Industrieland wird in den kommenden fünfzig Jahren so stark an wirtschaftlicher Bedeutung verlieren wie Deutschland. Zu diesem Schluss kommt die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) in einer am Freitag in Paris vorgestellten Langzeitstudie. Der Grund für den Abstieg Deutschlands von der fünftwichtigsten zur zehntwichtigsten Wirtschaftsnation der Welt liegt in der Alterung der Bevölkerung, die nach Ansicht der OECD nicht durch Zuwanderung ausgeglichen werden kann, sowie im Aufstieg der heutigen Schwellenländer. „Wir gehen davon aus, dass sich bis 2060 der Anteil der über 65jährigen gemessen an der Altersklasse von 15 bis 64 Jahren in Deutschland auf 60 Prozent fast verdoppeln wird“, sagte die Ökonomin Asa Johansson, Autorin der Studie. OECD-Generalsekretär Angel Gurría, wies daraufhin, dass der Trend nicht unaufhaltsam sei: „Der Schlüssel dazu liegt in mehr Bildung und Produktivität“. Zudem müssten die Arbeits- und Produktmärkte stärker liberalisiert werden.

Die OECD weist daraufhin, dass die Vorhersagen aufgrund des langen Zeitraums mit großen Unsicherheiten verbunden seien. In ihrem zentralen Szenario erwartet die Organisation, dass sich der Anteil Deutschlands am Welt-Bruttoinlandsprodukt von 4,8 auf 2 Prozent verringert. Dieser Verlust von 58 Prozent ist stärker als in allen anderen 41 untersuchten Ländern, wozu die 34 OECD-Mitglieder sowie acht große Schwellenländer gehören. Das ebenfalls von Alterung belastete Japan verliert Anteile im Umfang von 52 Prozent. Die deutsche Wirtschaft werde bis 2060 durchschnittlich nur um 1,1 Prozent wachsen. Zusammen mit Luxemburg ist Deutschland damit das Schlusslicht des Wachstumsvergleichs.

© F.A.Z. Vergrößern Chinas Anteil am weltweiten BIP steigt laut OECD-Prognose auf 28 Prozent

Die Studie basiert allerdings auf dem Vergleich von Kaufkraftparitäten in Bezug zum amerikanischen Dollar; die realen Wechselkurs-Verhältnisse sind damit außer Acht gelassen. Diese Methode überzeichne das weltwirtschaftliche Gewicht von Entwicklungs- und Schwellenländern, merken Kritiker an. Die OECD sagt demnach voraus, dass der Anteil Chinas am Welt-Bruttoinlandsprodukt jenen des Euroraumes noch in diesem Jahr übertreffen wird. Indien soll in rund zwanzig Jahren am Euroraum vorbeiziehen. Die gemeinsame Wirtschaftskraft von China und Indien werde alle 34 OECD-Länder zusammengenommen im Jahr 2060 übertreffen, sofern der Mitgliederkreis der Organisation gleich bleibe.

Im Laufe der Jahrzehnte werde sich die Aufholjagd der Schwellenländer allerdings verlangsamen. Zwischen 2050 und 2060 wüchsen die Nicht-OECD-Länder durchschnittlich nur noch um rund 2,5 Prozent, gegenüber 7 Prozent im vergangenen Jahrzehnt. Indien und Indonesien sollen China als Spitzenreiter im Vergleich der jährlichen Wachstumsraten schon von 2020 an ablösen, vermutet die OECD. Trotz des höheren Wachstums werden die großen Schwellenländer bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf in rund fünfzig Jahren noch nicht zu den führenden Industrienationen aufgeschlossen haben, prognostiziert die OECD. Ihr wirtschaftliches Gewicht resultiert in weiten Teilen aus den großen Bevölkerungen. So werden China und Indien ihr BIP pro Kopf zwar mehr als versiebenfachen, doch wird der Wert für China auch 2060 nur 60 Prozent des BIP pro Kopf der Vereinigten Staaten betragen. Bei Indien sollen es nur 25 Prozent des amerikanischen Wertes sein.

Deutschland wird in der Studie eine vergleichsweise hohe Produktivität zugeordnet. Beim Aufbau von neuem „Humankapital“ durch Bildungsanstrengungen sei anders als bei den Schwellenländern jedoch nur noch wenig Spielraum nach oben vorhanden. Damit messen die OECD-Ökonomen allerdings nur quantitative Kriterien wie die Zahl von Schuljahren. Qualitative Faktoren wurden nicht einbezogen.

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