20.02.2012 · Die Occupy-Bewegung besetzt weiter den Platz vor der Europäischen Zentralbank. Doch ihr Schwung verliert sich. Die Camper sind gegen vieles und wollen alles besser haben. Aber sie wissen nicht, wie.
Von Jan HauserHinein ins Zelt, hinein in die Wärme. Ein Schritt auf die Holzpalette, ein Vorhang zur Seite, vorbei an einer meterhohen Tonne voll mit gefrorenem Wasser, noch ein Vorhang - hinein ins Zentrum des Frankfurter Ablegers des Occupy-Protestes: Der Pavillon vereint Essensraum, Versammlungsplatz und Küche, er steht auf Holzpaletten, darüber Teppiche, darauf Männer in dicken Jacken, mit Mützen, Handschuhen und meist langen Bärten. Die Kälte ist mit ihnen ins Zelt gezogen. Wärmer als draußen fühlt es sich kaum an. Dampf steigt aus einem großen Pott Eintopf empor, eine Frau schüttet die heiße Mahlzeit in weiße Plastikschalen. Auf Holztischen liegen angeknabberte Brötchen und leere Plastikbecher. „Wo ist eine Mülltüte?“, fragt Jan Umsonst in die Runde. Einer sagt, dass die Reste nicht von ihm seien. Wer es sieht, könne es trotzdem wegräumen, sagt Umsonst. Er stopft den Müll kurz darauf in einen blauen Plastiksack.
Eigentlich wollte er jetzt ganz woanders sein. Jan Umsonst wollte um die Welt reisen, mit Freunden zu den Pazifischen Inseln ziehen, als Tai-Chi-Lehrer und mit Feuershows Geld verdienen. Jetzt geht er in Frankfurt auf dem besetzten Platz umher, aus seiner weißen Wollmütze schauen hinten braune Rastalocken heraus, er blickt zur Spitze der Europäischen Zentralbank oder zum gelb schimmernden Turm der Commerzbank.
Jan Umsonst hat Feuer gefangen. Jahrelang, sagt er, wartete er auf den Protest. Am 15. Oktober 2011 zog er mit fünftausend Demonstranten in Frankfurt durch die Straßen, sie wetterten gegen die Banken. „Bank gewinnt, Volk verliert“ stand auf dem Plakat, das einer in die Sonne hielt. Abends besetzten sie den Platz vor der Europäischen Zentralbank, campierten und wollten die Welt retten. In den Tagen danach schlugen hundert Camper ihr Lager auf. Der Winter trieb sie nach und nach zurück. Noch zwanzig schlafen jetzt bei Minusgraden in den vielen kleinen Igluzelten und wenigen Pavillons am Willy-Brandt-Platz. Warum? Wer sind die Menschen hinter dem Protest? Und was denken sie, erreichen zu können?
Jan Umsonst, 38 Jahre, arbeitet mit Jugendlichen in einem Kurs zur Gewaltprävention. Für den Protest hat er seine Reise um die Welt sausen lassen. „Wir rennen gegen unseren Planeten an“, sagt er. „Den Kampf können wir nur verlieren.“ Gerade kippten die Ozeane um, er warnt vor einer „Apokalypse“ und einer „Barbarei“. „Ich möchte nicht erleben, wie die Spezies, zu der ich auch gehöre, den Bach hinuntergeht.“
Çigdem K., 43 Jahre, eine der wenigen Frauen im Lager, ist in der Jugendarbeit tätig. „Ich möchte eine gerechtere Gesellschaft haben, in der Menschen von ihrer Arbeit nicht entfremdet sind und davon leben können“, sagt sie. Abschaffung des Geldes und Kontrolle der Produkte durch die Produzenten sind ihre Stichworte auf dem Weg dahin. Menschen geben schon mal tausend Euro in einem Briefumschlag am Infozelt ab, berichtet sie. Das nimmt sie als Auftrag, weiterzumachen.
Philipp Stroh, 29 Jahre, kahler Kopf, promoviert in Jura an der Uni Gießen. „Ich sehe das für mich als Aufklärungs- und Bildungsbewegung“, sagt er. Stroh übernachtet nicht im Lager, sondern arbeitet von zu Hause aus mit und kommt wie viele andere regelmäßig vorbei. Ihm fiel immer wieder auf, dass die Menschen zu wenig wissen und über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. „Wenn die Leute Bescheid wissen, gehen sie auch auf die Straße, denn was hier passiert, ist Grund genug dafür.“
Die Besetzer wollen so viel. „10 Jahre Guantánamo! Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ steht auf einem Plakat am Eingang ihrer Zeltstadt. „Ihr spekuliert mit unserem Leben“, klagt es an anderer Stelle. Oder: „[Euro]-Land bald abgebrannt.“ Occupy protestiert in Frankfurt ohne ein gemeinsames Ziel, jeder hat seins. Der Aufruf zur Demonstration gegen Nazis klebt auf einem Plakat, daneben geht es um den Protest gegen das Handelsabkommen Acta. Und am Infostand hängt der Kopf von Bradley Manning, dem vermeintlichen Wikileaks-Informanten, als Protest gegen seine Inhaftierung in den Vereinigten Staaten. An einer der Mülltonnen klebt der Zettel „Stoppt den ESM“. „Wir müssen uns den Schuh anziehen, kein Manifest geschafft zu haben“, sagt Stroh. Er sieht das als Problem, andere nicht. Die Besetzer wollen jeden integrieren und dafür offen bleiben. Damit sind sie aber auch ziellos.
Woanders werden die Occupy-Zelte geräumt, Frankfurt lässt seine Camper in Ruhe. Doch irgendwo auf dem Weg haben die Besetzer ihren Schwung verloren. Die Kälte hat sie bibbern lassen. Sie müssen sich vor allem selbst organisieren. Sie haben ein Technikzelt, das einzige, das mit Heizstrahlern stets auch warm ist, hier kann jeder am Computer arbeiten. Im Küchenzelt erhalten die Camper und jeder, der kommt, jeden Tag eine warme Mahlzeit. Bäcker und Supermärkte geben weiter, was an Lebensmittel bei ihnen übrig bleibt. Duschen können sie in den Räumen einer Bank.
Die Besetzer haben eine Versammlung abgesagt, es war zu kalt im großen Zelt. Tagsüber gehen sie in die Kantine des nahen Schauspielhauses. Mit einem Bändchen an den Ärmeln lässt der Pförtner Jan Umsonst, Philipp Stroh und Sascha Reynolds passieren. Einer erzählt, dass Journalisten eines Nachrichtenfernsehsenders von ihnen was über den Maastrichter Vertrag wissen wollen. „Wer kann denn dazu was sagen?“, fragt Reynolds. Sie wissen selbst nicht genug davon und suchen einen, der sich auskennt. Eine Radioreporterin hält den Demonstranten nach und nach ihr Mikrofon hin. „Die wollte nur was zur Kälte wissen“, sagt Jan Umsonst, als sie wieder weg ist.
Sie setzen sich an einen Tisch in der Kantine, ziehen Jacken und Mützen aus und erzählen, was sie zur Demonstration gezogen hat. Die drei sind von Anfang an dabei, wie die meisten kannten sie vorher keinen anderen. Sie haben den Protest verfolgt, wie er als arabischer Frühling beginnt, Spanien, die Vereinigten Staaten und schließlich auch Frankfurt erreicht. Der Student Sascha Reynolds, 26 Jahre, will die Menschen dazu bringen, sich zu informieren. „Die Leute sollen mal wieder selbst aktiv werden und Dinge, die man aktuell oder auf der Stadtebene in die Hand nehmen kann, auch mal selbst machen“, sagt er.
Wenn es sie gibt, dann ist Benedikt Matthes einer der Väter des Frankfurter Camps. Schon vor der großen Demonstration am 15. Oktober war er an Bord, er hat den Protestzug angeschoben und mit anderen vorbereitet. Im Dezember fragte ihn die Fernsehmoderatorin Maybritt Illner in ihrer ZDF-Sendung, was denn der Erfolg von Occupy sei. Sie hätten es geschafft, die Diskussion, wie Kapitalismus stattfinden kann, in die Schlagzeilen gebracht zu haben, sagte er. Im Camp steht Matthes, 26 Jahre, Brille, kurze rote Haare, auf Paletten vor dem Küchenzelt mit zwei anderen herum und spricht über Geld, über die Rechnung für Strom, Gas und die Toiletten. Die Stromrechnung ist bezahlt, berichtet er.
Inzwischen ist er kaum noch vom Fortschritt ihres Protests überzeugt. „Ich gehöre nicht zu den großen Weltverschwörungstheoretikern“, sagt Matthes. „Die gibt es hier, die sagen, dass das System kurz vor dem Umkippen ist, die haben auch Ideen, die noch nicht ganz ausgereift sind.“ Man müsse gar nicht viel ändern, findet er, es reichen schon kleine Stellschrauben: Mehr Partizipation in der Politik, mehr Transparenz von ihr, Menschen sollen von ihrer Arbeit leben können, findet er, und will einen Mindestlohn von zehn Euro. Als Eckpfeiler glaubt er an die soziale Marktwirtschaft und Demokratie - im Gegensatz zu den meisten der Camper. „Wir bilden nur die Verwunderung, das Erschrecken und auch die Wut aus dem Volk ab“, sagt er. „Wir sind die mit den Fragen, die oben sind die mit den Antworten.“ Sie fordern die Politik auf, ihre Arbeit zu machen, findet Matthes.
Dass die Frankfurter Camper ihre Arbeit indes noch schaffen, so wie er es sich einst erhofft hatte, erkennt er nicht mehr. „Wir sind nur mit uns selbst beschäftigt“, sagt er. „Ich sehe im Moment nicht, dass Occupy noch eine Durchschlagskraft haben wird.“ Einige Demonstranten stammen aus dem Lager der Linkspartei; ihnen spricht er die Neutralität ab: Diese machten Parteiarbeit. Schon hängt ein Plakat der Linkspartei im Lager herum - zwar ist das Parteiemblem überklebt, da Logos im Camp untersagt sind. „Wir haben im Moment zu wenig Leute, um dagegenzuhalten“, sagt er. Dass kürzlich Personen tausend Euro in Briefumschlägen gespendet haben, beunruhigt ihn eher. Matthes geht davon aus, dass dies aus der Nähe der Partei kommt. „Wenn wir die personelle Besetzung behalten, dann hängen hier im April Parteifahnen der Linken.“ Und damit wäre die Bewegung vereinnahmt, eingeengt und würde an Breite verlieren. Für ihn wäre es das Ende.
Tausende haben mit Occupy demonstriert, vielleicht hundert gehören noch zum Kern in Frankfurt. Haben sie gar nicht den Rückhalt im Volk, den sie für sich beanspruchen? Was ist, wenn die Menschen gar nicht wollen, was sie wollen? Wenn die Mehrheit einfach anderer Meinung ist? „Wenn die Mehrheit in Ordnung ist mit dem, was passiert, dann müssen wir das einsehen“, sagt Philipp Stroh. Er erzählt von dem Protest gegen Stuttgart 21, den Bahnhofsneubau im Süden Deutschlands. Die Gegner, die er kennt, haben nun auch gesagt: Okay, es gab einen Volksentscheid, wir haben verloren, ich halte jetzt meine Klappe. Er wird seine Klappe halten - wenn es denn so wäre. „Nur ich glaube es nicht“, sagt er. „Die Menschen sind größtenteils auf unserer Seite, nur sie wissen noch nicht, inwiefern sie das kryptische Gelaber in den Nachrichten selbst tangiert.“
Aus dem grünen Rasen, der einst zwischen den Hochhäusern wuchs, ist ein dunkles Feld geworden. Unter den Paletten unter den Zelten ist nur noch Erde. Sie hätten das am liebsten anders. Ein Gärtner habe Rasensaat gespendet, das wollen sie im Frühling streuen. Davor müssten sie aber ihre Zelte wegstellen und lange Zeit einen Teil ihres besetzten Feldes freilassen. Die Camper müssten ihre Struktur ändern, damit wieder etwas entstehen kann. Noch wächst hier kein Rasen.
Wir haben zuviele
Michael Wagner (comic)
- 22.02.2012, 08:11 Uhr
Konstruktives Mißtrauensvotum
Wolfgang Richter (langweiler2)
- 21.02.2012, 20:34 Uhr
EU-Steuerabkommen, automatischer allgemeiner Informationsaustausch,
Jean-Claude Juncker
Markus Vogel (dmwv)
- 21.02.2012, 18:11 Uhr
Die Jugend gegen "Bewegungen" zu sensibilisieren kann nicht
falsch sein!
Shora Fix (shorafix)
- 21.02.2012, 18:06 Uhr
Schöner Artikel; danke FAZ.net!
Sönke Peters (soenkepeters)
- 21.02.2012, 17:29 Uhr
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