18.09.2008 · In Krisenzeiten müssen die Notenbanken eine gelegentlich vergessene Rolle erfüllen. Sie müssen die Liquidität des Bankensystems sichern und das Finanzsystem stabilisieren. Allmächtig sind sie nicht.
Von Gerald BraunbergerDie Notenbanken haben am Donnerstag ein weiteres Mal die Finanzmärkte mit zusätzlichem Geld geflutet, um einen Versuch zum Abbau der erheblichen Spannungen zu leisten. Konkret ging es darum, Banken außerhalb der Vereinigten Staaten mit zusätzlichen Dollar zu versorgen, die auf dem Devisenmarkt nur mehr schwer beschaffbar waren.
Zumindest kurzfristig scheint die Aktion gelungen, aber wie in den vergangenen Monaten besteht keine Sicherheit, dass die Notenbanken in der Zukunft auf Notmaßnahmen verzichten müssen. In Europa sieht es noch besser aus als in Amerika, wo sich die Fed gezwungen sah, erst den Zusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns und dann den Untergang der Versicherung AIG zu verhindern. Im Lehrbuch stehen solche Maßnahmen nicht, aber in einer Situation, in der ein Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems nicht länger nur als ein rein theoretisches Gedankenspiel gelten darf, ist pragmatisches Handeln gefragt und nicht ideologische Prinzipienreiterei.
Notenbanken müssen die Liquidität des Bankensystems sichern
In solchen Momenten wird eine Rolle einer Notenbank deutlich, die angesichts ihres geldpolitischen Auftrags gelegentlich in Vergessenheit zu geraten droht. Sie ist nicht nur eine Behörde, sondern die Bank der Banken. Damit obliegt es ihnen, die Liquidität des Bankensystems zu sichern, ohne die eine Systemkrise droht. In Krisenzeiten schwillt der Liquiditätsbedarf des Bankensystems an, weil Banken aus Vorsicht mehr Liquidität als üblich bunkern und eigentlich überschüssige Mittel anderen Banken nicht verleihen. Die wiederholten Entscheidungen der Notenbanken, zusätzliche Mittel in hoher Milliardenhöhe vorübergehend zur Verfügung zu stellen, sind eine Reaktion auf die tiefe Verunsicherung in den Banken.
Während es zur unumstrittenen Aufgabe einer Notenbank gehört, jederzeit die Liquidität des Bankensystems zu garantieren, stellt die Rettung einzelner in Not geratener Finanzunternehmen eigentlich einen schweren Regelverstoß dar. Denn zur marktwirtschaftlichen Logik gehört es nun einmal, dass schlecht wirtschaftende Unternehmen auf dem Wege des Konkurses aus dem Markt ausscheiden.
Fed reagiert derzeit vollkommen opportunistisch
Man hat lange gezögert, dieses Verfahren auch auf die Banken anzuwenden. Zu groß war die Furcht, dass der Zusammenbruch einer großen Bank eine Vertrauenskrise in das gesamte Finanzsystem erzeugen und in der Folge dessen Kollaps herbeiführen könnte. Daher hatte die Fed noch im Frühjahr die Übernahme von Bears Stearns durch J. P. Morgan abgesichert und damit letztlich den Steuerzahler in die Haftung genommen. Auf die Dauer ist ein solches Verhalten politisch aber nicht vermittelbar.
Nunmehr agiert die Fed vollkommen opportunistisch. Sie ließ Lehman Brothers untergehen, weil sie die damit verbundenen Systemrisiken für unbedenklich einschätzte. Wenige Tage später rettete sie dafür mit der AIG einen der größten Versicherer der Welt, weil dessen Bankrott möglicherweise das gesamte Finanzsystem in den Abgrund gerissen hätte.
Fall AIG darf sich nicht wiederholen
Die Frage ist: Wie lange kann das so weitergehen? Die Antwort lautet: Solange die Banken den Notenbanken zutrauen, die Liquidität des Finanzsystems zu sichern und solange die Menschen das Vertrauen in die Stabilität der von den Notenbanken emittierten Währungen behalten. Das sind zwei sehr verschiedene Voraussetzungen.
Die Sicherung der Liquidität des Finanzsystems sollte den Notenbanken gelingen, indem sie den Banken wie in der Vergangenheit befristet zusätzliches Geld zur Verfügung stellen. Allerdings ist es schwer vorstellbar, dass eine einzelne Notenbank gleich eine Reihe großer Finanzhäuser übernehmen könnte. Der Fall AIG darf sich nicht wiederholen. Die privaten Finanzunternehmen müssen die Kraft zu einer Selbstreinigung finden, indem in Not geratene Unternehmen entweder ordentlich abgewickelt oder übernommen werden müssen.
Wenigstens ein Stück Sicherheit für eine aus den Fugen geratene Finanzwelt
Über der Notwendigkeit, das Finanzsystem zu stabilisieren, dürfen die Notenbanken nicht ihre Kernaufgabe vernachlässigen. Sie besteht in der Sicherung der Geldwertstabilität, weil andernfalls das Vertrauen der Menschen in ihr Geld verlorengeht. In dieser Hinsicht schlägt sich vor allem die EZB wacker, die Forderungen nach einer Leitzinssenkung mit Blick auf die Inflationsgefahren widersteht. Vor wenigen Tagen hat endlich auch die Fed den Ruf der Wall Street nach einer weiteren Zinsermäßigung ignoriert. Befristete Liquiditätshilfen für die Banken sind in Ordnung, aber die Notenbanken müssen darauf achten, dass langfristig das Wachstum der Geldmenge unter Kontrolle bleibt.
Die Notenbanken versuchen verzweifelt, einer aus den Fugen geratenen Finanzwelt wenigstens ein Stück Sicherheit zu geben. Sie sind mächtig, aber nicht allmächtig. Eine nachhaltige Stabilisierung kann nur gelingen, wenn die privaten Marktteilnehmer ein Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen, das ihnen in den vergangenen Jahren abhandengekommen ist. Wer sich aber anschaut, wie in diesen Tagen an den Aktien- und Kreditmärkten eine Bank nach der anderen regelrecht abgeschossen wird, muss für die Notenbanken noch eine harte Zeit prognostizieren.
Was kosten diese Rettungsaktionen?
Dieter Spethmann (dspeth)
- 19.09.2008, 01:10 Uhr
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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