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Norwegens Frauenquote : Goldröcke und Großmütter an der Macht

Die Folgen, die eine Frauenquote für Deutschland hätte, lassen sich aus den Erfahrungen in Norwegen nur eingeschränkt ableiten Bild: dapd

Norwegen hat die Frauenquote schon. Dort müssen die Verwaltungsräte zu 40 Prozent weiblich sein. Quotengegner behaupten, das führe zu Mehrfachmandaten. Doch ist die dortige Situation überhaupt mit der deutschen vergleichbar?

          Freunde der Quotenregelung zeigen schon lange auf Norwegen: Dort garantiert seit 2008 ein Gesetz das Gleichgewicht der Geschlechter in der Wirtschaft, mindestens 40 und höchstens 60 Prozent der Verwaltungsratsmandate in Aktiengesellschaften müssen von Frauen wahrgenommen werden. Je näher ein ähnliches Gesetz in Deutschland rückt, desto genauer schauen sich nun auch die Gegner das Beispiel aus Skandinavien an - und warnen vor norwegischen Verhältnissen: Viele Unternehmen hätten die Rechtsform geändert, um dem staatlich vorgeschriebenen Frauenzwang zu entgehen. Außerdem habe das Gesetz mangels geeigneter Bewerberinnen zu vielen Mehrfachmandaten geführt, ein Kreis von rund 70 Managerinnen teile sich gut 300 Posten. „Diese Seilschaft nennt man mittlerweile Goldröcke“, zitiert der FDP-Bundestagsabgeordnete Marco Buschmann norwegische Schlagzeilen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch Morten Huse gebraucht den eingängigen Begriff, schränkt ihn aber sogleich ein. Es gebe nicht per se mehr weibliche als männliche Mehrfachmandatsträger, erläutert der Professor an der Wirtschaftshochschule BI in Oslo. „Aber es hat sich eine Gruppe von rund 20 Frauen etabliert, deren einzige Einkommensquelle die Gremienarbeit ist und die so viele gute Angebote bekommen, dass sie sich ihre Mandate aussuchen können“, sagt er. „Sie halten etwa 10 Prozent aller weiblich besetzten Verwaltungsratssitze.“

          Ein Mann beschließt die Frauenquote

          Huse unterteilt diese Gruppe wiederum in vier Untergruppen, für die er wiederum charakteristische Namen gefunden hat: Als „Großmütter“ bezeichnet er die Frauen, die schon vor der Gesetzesänderung wegen ihrer Erfahrung und ihres Netzwerks typische Kandidatinnen für Mehrfachmandate waren. „Eisenfäuste“ sind in Huses Diktion vor allem frühere Politikerinnen, die in die Wirtschaft gewechselt sind. Die dritte Kategorie sind verhältnismäßig junge „Besserwisser“ mit herausragender formaler Ausbildung, die vor allem in der Finanzbranche reüssieren. Als „Opportunistinnen“ schließlich ordnet der Experte jene Frauen ein, die sich nach der Einführung der Quotenregel gezielt für die Übernahme von Mandaten positioniert haben. Von ihnen hat Huse ganze fünf identifiziert, die im Durchschnitt je fünf Posten innehaben.

          Ölplattform des Bohrturmherstellers Fred. Olsen: Im Verwaltungsrat gibt eine Frau den Ton an

          Die Folgen, die eine Frauenquote für Deutschland hätte, lassen sich aus den Erfahrungen in Norwegen nur eingeschränkt ableiten. Schwerer noch als der zahlenmäßige Unterschied - eine Bevölkerung von nur knapp 5 Millionen Einwohnern wie in Norwegen begünstigt die Häufung von Ämtern, gleich welchen Geschlechts die Amtsträger sind - wiegen rechtliche und kulturelle Unterschiede: Die norwegische Quotenregel bezieht sich zum einen auf ein Gremium, das es in Deutschland gar nicht gibt: Der „styre“ genannte Verwaltungsrat norwegischer Aktiengesellschaften ist anders als der deutsche Aufsichtsrat ein Organ der Geschäftsführung, die Geschäftsleitung ist weniger unabhängig als ein Vorstand nach deutschem Verständnis.

          Zum anderen haben Gleichstellungsbemühungen und Quoten in Norwegen, das in der Sozialdemokratin Gro Harlem Brundtland von 1981 an auch einen der ersten weiblichen Regierungschefs in Europa hatte, eine lange Vorgeschichte: Die meisten Parteien etwa haben sich schon in den siebziger Jahren auf eine Quote geeinigt, in den neunziger Jahren wurde sie für fast alle politischen Gremien vorgeschrieben. Für die Wirtschaft schließlich wurde sie 2003 beschlossen - wohlgemerkt von einer bürgerlichen Regierung, in der ein Mann als Wirtschaftsminister fungierte.

          „Zu früh für ein Urteil“

          Bis 2008 hatten die rund 450 betroffenen Unternehmen danach Zeit, den Frauenanteil in den Verwaltungsräten von zuvor 7 auf 40 Prozent zu heben. Allen gelang dies. Nach anfänglichem Protest halfen ihnen die Branchenverbände bei der Rekrutierung und Fortbildung geeigneter Kandidatinnen. Die vorgesehenen Sanktionen, die von Geldstrafen bis zur Unternehmensauflösung reichen können, wurden bisher nicht ausgesprochen. Nach Auskunft des Unternehmensregisters gab es 2007 und 2008 zwar mehr Umwandlungen von Aktiengesellschaften in die nicht von der Regel betroffenen GmbHs als sonst. Eine Befragung ergab jedoch, dass eine kurz zuvor erfolgte Änderung des Wertpapiergesetzes dafür genauso oft der Grund war wie die Frauenquote.

          Hat das Gesetz die Arbeit in den Verwaltungsräten verändert? Das norwegische Institut für Gesellschaftsforschung liefert zunächst statistische Antworten: Die Frauen in den Gremien sind demnach im Durchschnitt deutlich jünger als die Männer. Außerdem verfügen sie öfter über einen Hochschulabschluss, sind aber seltener selbst als Unternehmer oder Inhaber aktiv. Und vom Extrem der „Goldröcke“ mit vier oder noch mehr Posten abgesehen, neigen eher Männer als Frauen zur Annahme mehrerer Mandate; das gilt noch stärker, wenn auch Posten in GmbHs mitgezählt werden. Auch eine qualitative Frage haben die Forscher den Verwaltungsratsmitgliedern gestellt: Unter den Männern stellen 12 Prozent der Befragten eine Verbesserung und 11 Prozent eine Verschlechterung fest, unter den Frauen liegt das Verhältnis bei 20 zu 1.

          „Es ist noch zu früh für ein Urteil, aber wir sehen viele positive Zeichen“, wägt Morten Huse ab, der Fachmann für Verwaltungsräte. Um deren Beitrag zur Wertschöpfung zu steigern, sei allein die Diskussion über das Für und Wider der Quote vermutlich nützlicher gewesen als die vielen Vorschriften für Corporate Governance. Denn während es in diesen oft nur um börsenrechtliche Details gehe, ziehe der Streit um die Geschlechter Fragen zur Strategie, Innovationskraft und Kompetenz der Gremien nach sich. Auf den Chefetagen des Landes sind derweil die Männer immer noch klar in der Überzahl: Mit dem Vorsitz im Verwaltungsrat haben von den zwanzig größten norwegischen Unternehmen nur die Bank DNB Nor und der Bohrturmhersteller Fred. Olsen Frauen betraut. Und wenn sich die CEOs dieser Top 20 treffen, ist das sogar nach wie vor eine reine Männerversammlung.

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