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Norwegen Großmutter Tove Li hat Butter gebunkert

18.12.2011 ·  Anderen Staaten fehlt das Geld, Norwegen die Butter. In der Adventszeit geraten die Plätzchenbäcker in Bedrängnis. Das Landwirtschaftsministerium berät über Notfallmaßnahmen.

Von Sebastian Balzter
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© dapd Hauptstraße in Oslo: Warten auf Butter

Jede Krise hat ihre Gewinner, Sympathieträger sind sie selten. In Norwegen aber zählen jetzt auch charakterlich unverdächtige Menschen wie die rüstige Seniorin Tove Li zu ihnen. Die Dame aus der Hansestadt Bergen hat sich einfach nur rechtzeitig mit Butter eingedeckt - und steuert jetzt auf eine Wertsteigerung zu, die manchen Investmentbanker neidisch machen dürfte.

Für 30 Kronen, umgerechnet 3,85 Euro, war die 500-Gramm-Packung vor einigen Wochen noch zu haben. Auf dem Internethandelsplatz Finn.no hat sie ihre Butter nun für das Zwanzigfache inseriert. „Aber ich warte noch auf höhere Gebote. Mindestens 800 Kronen will ich haben“, hat Li der Boulevardzeitung „Verdens Gang“ berichtet.

Die Kühlregale sind leer

Die Chancen dafür sind ausgezeichnet. Denn ausgerechnet im Advent, der Hochsaison aller Plätzchenbäcker, ist in ganz Norwegen die Butter knapp. Schon seit einigen Wochen sind in vielen Supermärkten die Kühlregale leer, der Mangel erstreckt sich inzwischen auch auf andere weihnachtsrelevante Molkereierzeugnisse wie Crème fraîche und Quark. In Wartezimmern und Kantinen dominiert die „Butterkrise“ die Gespräche.

Hausfrauen und Hobbybäcker diskder Adventszeit utieren das Für und Wider von Margarine, in Leitartikeln wird über die Erfahrung des Mangels philosophiert, die im reichsten Flächenstaat Europas dank der Öl- und Gasvorkommen vor der Küste selten geworden sind. Sogar das Landwirtschaftsministerium hat inzwischen über Notfallmaßnahmen beraten. Vor dem Fest jedoch wird sich die Situation nicht mehr entspannen. „Wir rechnen damit, dass sich die Butterversorgung erst im Januar 2012 wieder normalisiert“, prognostiziert die Molkereigenossenschaft Tine, Norwegens mit Abstand größter Butterproduzent.

Verregneter Sommer, magere Heuernte

Längst ist die Genossenschaft, die seit dem späten 19. Jahrhundert sukzessive aus dem Zusammenschluss aller regionalen Erzeugerverbände entstanden war, deshalb selbst zur Zielscheibe der Kritik geworden. Sie dominiert nicht nur mit einem monopolartigen Anteil von rund 90 Prozent als Produzent den norwegischen Buttermarkt, sondern ist per Gesetz auch damit beauftragt, diesen Markt über die Verteilung von Milchquoten, Gebühren und Subventionen für die Landwirte zu regulieren.

Nun ist die Gesellschaft, deren Eigentümer rund 15.000 norwegische Milchbauern sind, offenbar weder der einen noch der anderen Aufgabe nachgekommen. Schon Mitte August, kritisieren sogar die Landwirte selbst, hätten sie ihren wichtigsten Abnehmer erstmals darauf hingewiesen, dass die Milchproduktion in diesem Jahr geringer ausfallen werde als gewohnt. Der Sommer war verregnet, die Heuernte fiel mager aus, die norwegischen Kühe gaben 20 Millionen Liter weniger Milch. „Die ganze Misere ist vor allem die Schuld des schlechten Managements“, wettert jetzt etwa der Sprecher eines Bauernverbands aus dem Westen des Landes in einem Leserbrief.

1000 Tonnen mehr Butter als im Vorjahr

„Unsere Kalkulationen sind nicht aufgegangen“, räumt Stein Øiom, der Chef der Genossenschaft, inzwischen ein. Die gesunkene Milchmenge sei auf einen überraschend deutlichen Anstieg des Verbrauchs gestoßen, weil sich viele Norweger inzwischen den Empfehlungen der „Low Carb“-Diäten gemäß kohlenhydratarm ernährten und umso mehr Eiweiß und Fett zu sich nähmen, schiebt das Unternehmen als Erklärung hinterher und wirkt dabei einigermaßen hilflos. Man habe doch schon 1000 Tonnen mehr Butter ausgeliefert als im Vorjahr, trotzdem seien zwischen 500 und 1000 Tonnen Butter zu wenig im Markt.

Als geradezu logisches Versagen beschreiben Ökonomen wie Ivar Gaasland von der Norwegischen Handelshochschule in Bergen die offensichtlichen Fehler in der Planung von Angebot und Nachfrage, die Tine unterlaufen sind. Tatsächlich verträgt sich die Doppelfunktion schlecht mit marktwirtschaftlichen Prinzipien, aber gut mit den protektionistischen Tendenzen, zu denen zumindest im Umgang mit Lebensmitteln in Norwegen sowohl die Verbraucher als auch die Behörden neigen.

Der deutsche Discounter Lidl etwa gab den Versuch, in Norwegen Fuß zu fassen, vor gut drei Jahren entnervt auf - trotz deutlich höherer Preise hielten die Kunden an den einheimischen Anbietern fest. Zweimal hat sich die norwegische Bevölkerung in Referenden gegen den Beitritt zur Europäischen Union ausgesprochen. Den Buttermarkt etwa kann das Land deshalb bis heute mit hohen Importzöllen gegen den ausländischen Wettbewerb abschirmen: Nach harten Verhandlungen wurden 1995 umgerechnet 3,20 Euro je Kilogramm festgelegt.

Butterzoll gesenkt

Bis Ende Dezember hat die staatliche Agrarverwaltung den Butterzoll nun auf 50 Cent je Kilo gesenkt, um die Lage zu lindern. Auch die Strafgebühr für Landwirte, die mehr als die ihnen zugeteilte Milchquote abgeben, wurde gekappt. Doch Kühe geben nicht von heute auf morgen mehr Milch, und die Importe kommen nur schleppend in Gang. Denn auch südlich von Norwegen ist die Zeit der Butterberge vorüber, manches Ressentiment dagegen ist noch frisch. Bisher sei kein Hilfegesuch aus Norwegen eingegangen, heißt es ganz sachlich vom deutschen Milchindustrie-Verband in Berlin.

„Mehr als zehn Jahre lang haben wir uns an der Zollmauer den Kopf blutig gestoßen, jetzt sollen die Norweger anderswo nach Butter suchen“, wird dagegen der Exportchef einer dänischen Molkerei zitiert. Ein dänischer Fernsehsender hat in der vergangenen Woche dennoch eine Hilfslieferung über den Skagerrak mit 4000 Packungen auf die Beine gestellt. In Schweden wiederum werben grenznahe Supermärkte damit, ihren Kunden ab einem Einkaufswert von 200 Kronen eine Butter gratis mitzugeben.

Vor dem Butterkauf auf dem Schwarzmarkt indes warnt die Lebensmittelaufsicht eindringlich, die ersten Schmuggler wurden schon an der Landesgrenze gestellt. Tove Li, die geschäftstüchtige Großmutter, weiß jedenfalls schon ganz genau, wie sie ihren zu erwartenden Krisengewinn einsetzen wird: als Weihnachtsspende für die Sportvereine ihrer beiden Enkelkinder.

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Jahrgang 1978, Redakteur in der Wirtschaft.

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