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Nordkorea : Die letzte Planwirtschaft

Nordkoreaner senken ihr Haupt vor den großen bronzierten Führern des Landes Bild: Action Press

Schmuggler und private Händler - ohne die informelle Wirtschaft kommt Nordkorea nicht mehr aus. Das System funktioniert nicht: Selbst im Kampf gegen Hunger scheitert das Regime.

          Der Wachstumsunterschied ist mit bloßem Auge sichtbar. Ein ausgewachsener Nordkoreaner ist im Schnitt sechs Zentimeter kleiner als sein Landsmann im Süden. Das ist eine Folge von Hunger und schlechter Ernährung in Nordkorea. Das verschlossenste Land der Welt will vom Großexperiment Kommandowirtschaft nicht lassen, obwohl die Resultate niederschmetternd sind. Ein Südkoreaner erwirtschaftet im Schnitt achtmal so viel wie sein Landsmann im Norden, gemessen am Bruttosozialprodukt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Nicht einmal die existentiellen Bedürfnisse vermögen die Kommunisten zu stillen. Im Land herrscht nach wie vor Hunger. Selbst als Nordkorea im vorigen Jahr die beste Ernte seit langem einfuhr, fehlten noch 200.000 Tonnen Getreide oder rund vier Prozent des lebensnotwendigen Bedarfs. Das berichtet der deutsche Ökonom Rüdiger Frank, Lehrstuhlinhaber an der Wiener Universität und regelmäßiger Besucher des Landes. In den schlimmeren Jahren mussten laut UN-Angaben Millionen Tonnen an Nahrung vom World Food Program erbettelt werden, ein Sechstel der Bevölkerung litt Hunger.

          Ende der neunziger Jahre sei rund eine Million Menschen an Unterernährung gestorben, heißt es im „Factbook“ des amerikanischen Geheimdiensts CIA. Die ohnehin knappen Nahrungsmittel werden noch dazu nicht gleichmäßig verteilt. Den Menschen in der Hauptstadt geht es vergleichsweise gut, auf dem Land und in den kleineren Städten sieht es viel schlechter aus, vor allem im Osten des Landes. Vor allem Kinder und Alte leiden unter Mangelernährung und Hunger. Das gebe die Führung sogar selbst zu, sagt Frank.

          Das System funktioniert nicht

          Die Idee ist, dass sich Nordkorea selbst versorgt und von der internationalen Arbeitsteilung weitgehend abkoppelt. Allein aus naturgegebenen Gründen ist das nicht leicht. Das Land hat schlechte Bedingungen für die Landwirtschaft. Die Temperaturen sind im Schnitt 4 Grad niedriger als in Südkorea. Der landwirtschaftlich nutzbare Boden umfasst nur ein Fünftel der Gesamtfläche des Landes, in Deutschland ist es ein Drittel. Die Niederschläge sind sehr ungleich über das Jahr verteilt, Trockenheit im Frühjahr und Überschwemmungen im Sommer wechseln sich ab.

          Am schwersten wiegt aber, dass das planwirtschaftliche System nicht funktioniert. Stets fehlt es am Nötigsten: Traktoren, Treibstoff und Dünger sind knapp. Und die Arbeiter sind demotiviert. Niemand hat ein Interesse, mehr zu ernten als in Plänen vorgegeben. Höchstens, um es dann privat abzuzweigen. Zwar hat hier jeder Mann eine Arbeit - zwangsweise. Doch verdient er dort kaum etwas, wenn er nicht das Glück hat, in einer der Sonderwirtschaftszonen zu arbeiten oder in einem der Betriebe, die exportieren und die dem Militär oder dem Herrscher-Clan gehören.

          Doch selbst dann ist ein Leben wie im Süden Koreas nicht annähernd zu erreichen. Bezahlt werden die Nordkoreaner mit Bezugsscheinen für Reis und Öl und mit ein wenig Geld, das kaum zum Leben reicht. Dass sie so wenig verdienen, ist nicht verwunderlich. Denn wer einen Arbeitsplatz hat, hat noch lange keine Arbeit. „Es gibt oft schlicht nichts zu tun, weil kein Strom da ist oder keine Rohstoffe“, erzählt Bernhard Seliger von der Hanns-Seidl-Stiftung in Seoul, der regelmäßig nach Nordkorea reist. „Dann fegen die Männer den Hof oder sitzen herum.“

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          Allerdings hat die Führung einige Bestimmungen gelockert, als Mitte der neunziger Jahre Hungersnöte ausbrachen. So erlaubt der Staat seit 2002, Nahrung und Güter des täglichen Bedarfs auf Märkten mit freier Preisbildung zu handeln. Die Händler müssen sogar Standgebühren zahlen. Bestückt werden die Märkte zum einen von staatlichen Betrieben, denen es angeblich in bestimmten Regionen erlaubt ist, Überschüsse aus kollektiver Produktion privat zu verkaufen. Zum anderen findet man Erzeugnisse der privaten Küchengärten, die sogar in der Verfassung erwähnt sind.

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