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Nobelpreisträger Ökonom Sims: Europäer können von Amerikanern lernen

26.10.2011 ·  Europa brauche eine starke fiskalische Institution hinter der EZB, sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zieht er Parallelen zur Lage Amerikas vor 1787.

Von Patrick Welter, Washington
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Die Europäische Währungsunion braucht eine starke zentrale fiskalische Institution, um als „Gläubiger der letzten Instanz“ der Europäischen Zentralbank (EZB) den Rücken freizuhalten. Diese Meinung hat der diesjährige Nobel-Gedächtnispreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Christopher Sims, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vertreten. „Wenn es Europa nicht gelingt, eine solche fiskalische Institution zu schaffen, und wenn die EZB zur Rettung des Bankensystems gezwungen ist, weiter die Liquidität auszuweiten, besteht langfristig die Gefahr von Inflation“, sagte Sims.

Sims hält den griechischen Zahlungsausfall für wahrscheinlich

Der Ökonom von der Universität Princeton warnte, dass die EZB ohne fiskalische Rückendeckung diese Inflationsrisiken womöglich nicht mehr kontrollieren könne. Die EZB könne zwar Geld drucken und damit immer als Gläubiger der letzten Instanz dienen. Zur Kontrolle der Inflation müsse sie aber in der Lage sein, mit dem Verkauf von Wertpapieren in Offenmarktgeschäften Geld aus dem Markt zu nehmen. Wenn die EZB-Bilanz sich durch den Ankauf von unsoliden Staatsanleihen sehr verschlechterte, wäre diese Option nicht mehr gegeben, argumentierte Sims. Letztlich könnte die EZB so in eine Situation geraten, in der sie auf fiskalische Rückendeckung angewiesen sei, um die Inflation noch kontrollieren zu können. „Deshalb sind die deutschen Notenbanker so aufgeregt über das, was die EZB getan hat“, sagte Sims.

Einen Zahlungsausfall von Griechenland hält Sims für wahrscheinlich. Eine Umschuldung und der Austritt aus dem Währungsraum seien aber nicht die Lösung des Problems, würden damit doch nur die Verluste auf die Banken, die Steuerzahler und die Anleihegläubiger in anderen Ländern übertragen. „Manche Leute tun so, als ob es für Griechenland eine Strafe wäre, wenn man es in die Umschuldung zwingt“, sagt Sims. „Tatsächlich aber ist ein Weg, ihnen Schulden zu erlassen.“

Der 69 Jahre alte Sims hatte schon 1999 in einem Aufsatz über die „prekären fiskalischen Grundlagen der Währungsunion“ auf die Notwendigkeit einer zentralen Institution hingewiesen, in der fiskalische Lasten geteilt würden. Der Euro-Rettungsfonds EFSF und der künftige Stabilitätsmechanismus ESM bieten seiner Ansicht nach vielleicht eine Lösung. Wahrscheinlich werde aber auch in künftigen Fiskalkrisen - wie etwa 2008 in den Vereinigten Staaten - als erster Nothelfer die Zentralbank gefragt sein. „Wenn dann im Hintergrund so etwas wie die EFSF bereitsteht, um notfalls zu übernehmen, ist das für die EZB gut.“

Die Alternative wäre ein Auseinanderfallen des Euro-Systems

Kritikern in Europa, die sich gegen eine zentrale fiskalische Verantwortung im Euroraum aussprechen, hält Sims entgegen, dass die Alternative in letzter Konsequenz das Auseinanderfallen des Euro-Systems wäre. „Ich glaube nicht, dass die Proteste dann geringer wären, denn die wirtschaftlichen Folgen wären für die Protestierer mindestens ebenso schlimm.“

Sims sieht eine Parallele der Ereignisse in Europa mit den Jahren vor der Einführung der amerikanischen Verfassung 1787. Den damals 13 Bundesstaaten stand eine sehr schwache Zentrale gegenüber, die mit der Verfassung auch fiskalische Hoheiten erhielt. Der Einwand, dass in Europa eine zentrale Demokratie wie in den Vereinigten Staaten allein schon wegen der sprachlichen Spaltung nicht möglich sei, liegt auf der Hand. Doch Sims hält dagegen. Zwar habe es damals in den Vereinigten Staaten größtenteils eine sprachliche Einheit gegeben. „Aber die kulturellen Unterschiede zwischen Neuengland und dem sklavenhaltenden Süden waren gewaltig.“

„Eine Zeit der Inflation kann den Vereinigten Staaten helfen“

Zur Überwindung der Wirtschaftskrise in den Vereinigten Staaten plädiert der Nobelpreisträger dafür, dass die Notenbank Federal Reserve zeitweise eine „etwas höhere“ Inflation als die mittelfristig angestrebten rund 2 Prozent tolerieren solle. Ähnlich wie in den dreißiger Jahren gebe es mit der Wirtschaftskrise ein Problem des Schuldenüberhangs. Investoren, vor allem im Immobilienbereich, seien vor der Krise Schuldverträge eingegangen, die sie unter den jetzigen Bedingungen nie geschlossen hätten. Analog argumentiert Sims für Lohnverträge, deren nominaler Dollarwert nicht mehr der Zeit entspricht. „Eine Zeit der Inflation kann helfen, all diese Verpflichtungen einheitlich anzupassen, die Menschen in nominalen Dollargrößen eingegangen sind“, sagt Sims.

Mit einem Lachen wischt er die Kritik vom Tisch, dass Regierungen sich mit höherer Inflation ihrer Schulden entledigen wollten. „Das wäre doch kein schlechtes Ergebnis.“ In der Geschichte sei es immer so gewesen, dass in Zeiten der Anspannung die meisten Regierungen einen Teil ihrer Schulden weg-inflationiert hätten. Anleger in Staatsanleihen würden manchmal - wie in den frühen achtziger Jahren unter Ronald Reagan, als die Inflation rasant zurückging - überraschend hohe Erträge erhalten. „In Zeiten schwerer Depressionen, Rezessionen oder Kriege erhalten sie geringere Erträge.“ Sims sieht per se keinen Grund, dass dies schlecht sein müsse.

Sims plädiert für fiskalische Stimulation und Defizitabbau

Aber wird eine bewusst höhere Inflation die Unsicherheit der Konsumenten und Investoren nicht noch steigern? „Wenn eine solche Politik hilft, mehr Menschen in Arbeit zu bringen und die Nachfrage zu stärken, dann wird das die Unsicherheit eher verringern“, sagt Sims. Als Risiko erscheint ihm aber, dass das gebotene Zusammenspiel von Geld- und Fiskalpolitik nicht funktioniert. „Wenn die Fed ankündigt, zeitweise eine etwas höhere Inflation zu tolerieren, und die Fiskalpolitik die Defizite nicht verringert, dann kann die Fed die Kontrolle über die Inflation verlieren“, warnt Sims.

Ähnlich wie im Euroraum sieht der Ökonom so auch die amerikanische Notenbank in einem Konflikt mit der Fiskalpolitik. Auch hier steht die Unabhängigkeit der Zentralbanken auf dem Spiel. Das gilt in den Vereinigten Staaten umso mehr, als Sims angesichts der politischen Zerstrittenheit der Parteien nicht sieht, wie eine Einigung auf einen mittelfristig gebotenen Abbau des Haushaltsdefizits erzielt werden kann. Er empfiehlt dennoch, die Wirtschaft auf kurze Sicht weiter fiskalisch zu stimulieren - zugleich aber einen soliden Plan zum mittelfristigen Defizitabbau zu beschließen. Würde er einen weiteren schuldenfinanzierten Stimulus gutheißen, wenn es keine Einigung auf diesen Plan gäbe? „Wahrscheinlich schon“, sagt Sims nachdenklich. „Aber ich würde die Daumen drücken, dass es gutgeht.“

Wie Sims seinem Enkel Ökonomie erklärt

Wie erklärt man einem Laien, wofür Christopher Sims den Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften bekommt? „Das ist schwierig“, sagt Sims. „Mein acht Jahre alter Enkelsohn fragte mich und es gelang mir nicht, es ihm zu erklären.“ Schließlich fand die Mutter des Enkels eine Erklärung. Wenn ein Junge wächst und mehr isst, stellt sich die Frage: Ist er gewachsen, weil er mehr gegessen hat, oder isst er mehr, weil er größer geworden ist? In der alltäglichen Beobachtung scheint diese Frage unlösbar. Hinweise aber gibt es, wenn man über lange Zeit beobachtet, ob der Junge womöglich erst wächst und dann mehr isst - oder umgekehrt.

Sims hat ökonometrische Methoden entwickelt, solche Hinweise zu nutzen, um die Frage nach Grund und Wirkung zu beantworten. Ein Beispiel ist die Geldpolitik. Beeinflusst die Notenbank mit ihrer Zinspolitik die Konjunktur und die Inflation? Oder ist es umgekehrt, reagiert die Notenbank nur auf eine wirtschaftliche Abschwächung oder eine höhere Teuerungsrate? Die Methoden, die er entwickelt hat, seien nicht perfekt, sagt Sims. „Aber in vielen Ländern scheinen sie ganz gut zu funktionieren.“ Sims wird den Nobel-preis im Dezember zusammen mit dem anderen Preisträger, Thomas Sargent, in Stockholm entgegennehmen. (pwe.)

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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