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Niederlande Brodeln im Vollbeschäftigungsland

12.08.2008 ·  Die Niederlande haben die geringste Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union. Doch mit den Reformen ist noch lange nicht Schluss. Denn dem Land drohen die Arbeitskräfte auszugehen. Deshalb soll der Sozialstaat wieder einmal umgebaut werden.

Von Sven Astheimer, Amsterdam
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Ben Noteboom ist ein sachlicher Gesprächspartner. Aus dem Stand referiert der Vorstandsvorsitzende die Kernzahlen für die meisten der rund 50 Auslandsmärkte, auf denen der Zeitarbeitskonzern Randstad sein Geld verdient. Auf die Frage nach der Lage im eigenen Land hält der 50 Jahre alte Niederländer jedoch für einen Moment inne.

Dann zeigt er mit einer ausladenden Handbewegung zum Fenster. Von hier aus, hoch oben in der Konzernzentrale im Gewerbegebiet von Diemen, bietet sich dem Betrachter ein ausladender Blick über Amsterdam und Umgebung. „Wir sind ein wahnsinnig reiches Land und haben kaum Arbeitslose“, sagt Noteboom, „es geht uns richtig gut.“ Vor zehn Jahren habe das Lohnniveau noch um 20 Prozent unter dem der Deutschen gelegen, heute sei die Lücke geschlossen. Aber richtig zufrieden seien seine 16 Millionen Landsleute nie, sagt Noteboom. „Egal, wie gut es uns geht, wir Holländer haben immer Probleme.“ Aber das sei gut so, „das bringt uns voran“.

Einige Probleme in der Statistik

Um ihre „Probleme“ werden die Niederländer von vielen Nachbarn beneidet. Während der deutsche Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) noch von flächendeckender Vollbeschäftigung in ferner Zukunft redet, ist sie in den Niederlanden längst Wirklichkeit. Im vergangenen Jahr betrug die durchschnittliche Arbeitslosenquote gerade mal 3,2 Prozent - zum Vergleich: In Deutschland lag sie bei 8,4 Prozent. Im Juni waren es zuletzt sogar nur noch 2,8 Prozent. Einzig Dänemark kann da in der Europäischen Union noch mithalten.

Der niederländische Arbeitsminister müsste also ein zufriedener Mann sein. Doch Piet Hein Donner wiegelt ab, wenn er auf die Geheimnisse des Beschäftigungswunders angesprochen wird. „Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner“, sagt der christdemokratische Politiker mit einem verschmitzten Lächeln.

Will heißen: Auch in den Niederlanden lassen sich in der Statistik einige Probleme verstecken. So kommt aus Deutschland gerne mal der Hinweis, dass Niederländer ebenso wie Skandinavier ihre Langzeitarbeitslosen relativ zügig in die Erwerbsunfähigkeit schickten und somit die Arbeitsmarktbilanz aufhübschten. Ja, gibt Donner zu, dies sei lange Zeit gängige Praxis gewesen. Doch bemühe sich die Politik seit einigen Jahren erfolgreich darum, diese Leute wieder an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Die Zahl der Berufsinvaliden liege derzeit „so niedrig wie seit 25 Jahren nicht“. Die Reformen der Vergangenheit hätten sich gelohnt.

„Poldermodell in der Krise“

Der Minister spielt vor allem auf den Beginn des Jahrzehnts an. Die Inflation schnellte auf mehr als 5 Prozent hoch, die exportabhängige Wirtschaft schrumpfte im Jahr 2003 sogar um 0,9 Prozent, und die Arbeitslosenquote schoss in die Höhe auf für niederländische Verhältnisse fast abenteuerliche 5 Prozent. „Poldermodell in der Krise“ lautete der Tenor vieler Kommentare aus dem In- und Ausland. Gemeint war jenes berühmt gewordene Konsensprinzip, das dem Land die Zusammenarbeit von Politik, Arbeitgebern und Gewerkschaften garantierte. Aber gerade in diesem schwierigen Umfeld spielte das niederländische System seine große Stärke aus: seine Reformfreudigkeit.

Mitten in der Krise wurde die Arbeits- und Sozialverwaltung komplett umgekrempelt. „Wir sind jetzt der Wächter an der Pforte“, sagt Theo Keulen und meint damit das „Centrum voor Werk en Inkomen“ - kurz CWI -, das holländische Gegenstück der Bundesagentur für Arbeit. Die landesweit 127 Büros sind die ersten Anlaufstellen für Arbeitslose. Hier soll möglichst rasch eine Vermittlung stattfinden. Die Vorgabe der Regierung in Den Haag lautet: Jeder fünfte Neuankömmling darf erst gar keinen Antrag auf Arbeitslosenunterstützung stellen. „Das schaffen wir auch“, berichtet Keulen. Die restlichen 80 Prozent werden weiterverteilt: entweder in die Arbeitslosenversicherung oder in die Sozialhilfe, die direkt von den Kommunen verwaltet wird. Wer die deutschen Strukturen kennt, wird Parallelen feststellen. Als sich Berlin nach dem Vermittlungsskandal der Bundesagentur im Jahr 2002 an einen Neuanfang machte, ließen sich etliche Delegationen von Politikern im Ausland inspirieren.

Arbeitsvermittler im Hintergrund

So flossen viele Erfahrungen aus dem „aktivierenden Sozialstaat“ der westlichen Nachbarn in die Hartz-Reformen ein. Zum Teil sind sogar die Begriffe identisch, wie etwa das „Profiling“. Wobei die Niederländer von dieser Methode schon wieder abgerückt sind. Den Arbeitslosen erst zu durchleuchten, um ihm dann die Etiketten „marktnah“ oder „marktfern“ aufzudrücken und eine entsprechende arbeitsmarktpolitische Behandlung zu verpassen, bedeute eine Stigmatisierung, findet Keulen.

Der neue Ansatz klingt verblüffend: „Heute gehen wir davon aus, dass jeder sich selbst eine neue Arbeit suchen kann und das auch tut.“ Der Arbeitsvermittler hält sich zunächst im Hintergrund. Man wolle den Arbeitslosen mit dieser liberalen Haltung klarmachen, dass sie selbst die Verantwortung für ihr Schicksal tragen und nicht der Staat. „Diesen Affen setzen wir uns gar nicht erst auf die Schultern“, sagt Keulen. Mit einer Einladung zum süßen Leben auf Staatskosten sei diese Toleranz aber nicht zu verwechseln. Wer die Pflicht zur Mitarbeit vernachlässige, der müsse mit harten Leistungskürzungen rechnen. Die Methode greift; laut Keulen sind mittlerweile fast zwei Drittel der Leistungsbezieher nach einem halben Jahr wieder in Arbeit.

Gegen die Aufweichung des Kündigungsschutzes

Wenn Niederländer erst einmal unbefristet angestellt sind, genießen sie einen in Europa fast einzigartigen Schutz. Denn Kündigungen können nur durch die Arbeitsvermittlung CWI oder die Gerichte ausgesprochen werden. Das ist in der Regel langwierig und teuer: Vergangenes Jahr gaben die Unternehmen für Abfindungen rund 3,5 Milliarden Euro aus. Vom rigiden Kündigungsschutz hat vor allem die Zeitarbeitsbranche profitiert, die so stark ist wie sonst nur in Großbritannien. Denn über die temporären Mitarbeiter holen sich die Unternehmen jene Flexibilität, die sie in Zeiten der Globalisierung mehr denn je brauchen. Rund 4 Prozent der Beschäftigten sind „Flexworker“, wie das Geschäft in den Niederlanden heißt. In Deutschland sind es trotz des rasanten Wachstums zuletzt nicht einmal halb so viele.

Zeitarbeit ist in den Niederlanden schon seit 1972 tarifiert und als Einstiegshilfe in den Arbeitsmarkt für junge Leute und Arbeitslose allgemein anerkannt. Wer die Mitarbeiter in den zahlreichen Agenturen von Amsterdam auf Anfeindungen seitens der Gewerkschaften anspricht, wie sie in Deutschland an der Tagesordnung sind, erntet nur Kopfschütteln. Denn für Arbeitnehmervertreter ist die Zeitarbeit das beste Argument im Kampf gegen die Aufweichung des Kündigungsschutzes. „Es gibt schon genug Flexibilität für die Unternehmen“, heißt es vom Dachverband FNV. Die seit Jahrzehnten tobende Diskussion um eine Lockerung ist also ähnlich festgefahren wie in Deutschland. Und doch brodelt es derzeit im Land der Vollbeschäftigung.

„Wir sind froh, dass wir die Polen haben“

Auslöser sind die Vorschläge einer Kommission unter der Leitung von Peter Bakker, dem Vorstandsvorsitzenden des Postkonzerns TNT. Die Haager Regierung hatte das Gremium einberufen, weil wie in fast allen Industriestaaten auch die niederländische Bevölkerung gleichzeitig altert und schrumpft, womit auch das Potential für den Arbeitsmarkt abnimmt. Zwar kommen noch genügend Akademiker von den Hochschulen, doch an Facharbeitern mangelt es schon jetzt. Bislang profitiert das Land davon, dass es anders als Deutschland den Arbeitsmarkt für Osteuropäer schon geöffnet hat. 150.000 Polen sind bislang schon gekommen. „Wir sind froh, dass wir die Polen haben“, sagt Arbeitsminister Donner. Und Randstad-Chef Noteboom versteht die Deutschen nicht: „In Bayern findet man kaum noch gute Leute, und ihr lasst die Grenzen zu.“

Doch mit Zuwanderung allein lässt sich das Problem künftig nicht mehr lösen. Bis zum Jahr 2040 werden dem Land 700.000 Arbeitskräfte fehlen. Derzeit kommen zehn Arbeitnehmer für den Unterhalt von zwei Rentnern auf. In 30 Jahren werden es noch fünf sein. Mitte Juni stellte die Bakker-Kommission ihre mit Spannung erwarteten Ergebnisse vor. Ein Bündel kurzfristiger Maßnahmen soll die Zahl der Berufstätigen um 400.000 erhöhen, die Erwerbsbeteiligung auf 80 Prozent steigern und die Zahl der jährlich geleisteten Arbeitsstunden erhöhen.

Persönliches „Arbeitsbudget“ für jeden

Mit durchschnittlich rund 1390 Stunden sind die Niederländer das Schlusslicht unter den Industrieländern. Das niedrige Arbeitsvolumen hängt mit der hohen Teilzeitquote vor allem von Frauen zusammen. Zwei von drei berufstätigen Niederländerinnen arbeiten nicht Vollzeit. Dem soll nun durch Maßnahmen entgegengewirkt werden, die unter dem Stichwort „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ in Deutschland längst Gegenstand der Politik sind. Auch die Verschiebung des Renteneintrittsalters von 65 auf 67 Jahre ist eher ein alter Hut.

Sozialpolitische Innovationskraft holländischer Prägung bietet dafür der zweite Teil des Bakker-Pakets. Demnach soll künftig ein Arbeitgeber, der sich von Personal trennen will, das Gehalt für weitere sechs Monate zahlen und sich gleichzeitig um eine neue Stelle für den Betroffenen kümmern. Im Erfolgsfall innerhalb eines halben Jahre kann er also Geld sparen. Außerdem wird für jeden Arbeitnehmer ein persönliches „Arbeitsbudget“ angelegt, in das er und sein Arbeitgeber einzahlen. Aus diesem Topf werden Weiterbildung oder Auszeiten etwa für die Pflege von Familienangehörigen finanziert.

Die drei Regierungsparteien sowie die Arbeitgeber begrüßten diese Blaupause für einen Umbau des Sozialsystems. Arbeitsminister Donner spricht von einer interessanten neuen Perspektive in der Debatte: „Man sieht, dass man das Sicherheitsbedürfnis der Arbeitnehmer auch anders lösen kann.“ Die Gewerkschaften vermuten hinter der Sozial-Rhetorik nur einen erneuten Angriff auf die Abfindungs- und Pensionsansprüche der Beschäftigten. „Wir werden da bestimmt nicht mitmachen“, heißt es kampfeslustig aus der FNV-Zentrale. Donner will trotzdem nach der Sommerpause einen Dialog mit den Sozialpartnern beginnen. Das sei schließlich der größte Vorteil des niederländischen Systems, findet er: „Wir reden über unsere Probleme.“

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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