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Veröffentlicht: 29.12.2013, 08:48 Uhr

Nicolas Berggruen Der schöne Blender

Nach der Karstadt-Übernahme wurde er als Messias gehandelt und als Altruist hingestellt. Nicolas Berggruen hat uns alle verführt, aber kein einziges Versprechen gehalten. Jetzt ist der Jammer groß. Wie konnte es dazu kommen?

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© dpa Nicolas Berggruen, 52, hat sich drei Jahre nach dem Einstieg wieder weitgehend aus dem Karstadt-Konzern zurückgezogen

Vor zwei Jahren, da führte er in Deutschland noch den Titel Karstadt-Retter, ließ sich Nicolas Berggruen in New York für eine Börsenzeitung fotografieren. Der Milliardär bestellte die Fotografin in seine Suite im Carlyle-Hotel, zog sich einen Bademantel über und warf sich aufs Bett. Inmitten weißer Daunen posierte Berggruen mit zwei Kuscheltieren im Arm, unter dem Bademantel blitzte die Brust, die Lider schlugen nieder und die Lippen öffneten sich, nur ganz leicht.

Hendrik Ankenbrand Folgen:

Warum nur haben sich von diesem Mann so viele blenden lassen?

Verführung, zeigen Studien, beruht auf fünf Elementen: eine einfache Botschaft, die unser Eigeninteresse anspricht, überraschend ist und von jemandem geäußert wird, der Empathie und Selbstvertrauen ausstrahlt. Der englische Psychologe Kevin Dutton sagt: Besitzt unser Gegenüber eine gute Eigenschaft, schreiben wir ihm automatisch weitere gute Eigenschaften zu. Menschen schätzen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Flugzeug abstürzt, geringer ein, wenn der Sitznachbar gutaussehend ist.

Und wer blendend aussieht wie Nicolas Berggruen um die fünfzig und eine gute Geschichte zu erzählen hat („kein Interesse an Materiellem“, „emotionale Bindung an Berlin“), erhält sogar einen ganzen Kaufhauskonzern: für den Preis von einem Euro. Es gab 2010 keinen rationalen Grund für den überbordenden Optimismus, trotzdem waren alle froh, dass der Beschenkte das Geschenk annahm: der Konkursverwalter, die Gewerkschaft, die 25.000 Beschäftigten, die für Nicolas Berggruen auf 150 Millionen Euro Lohn verzichteten. Die Arbeitsministerin. Die Öffentlichkeit. Im Jahr 2010 ist der Messias hinabgefahren in die deutschen Innenstädte, so wurde Berggruen in den abendlichen Fernsehnachrichten betitelt. Essen weinte vor Glück. Und nun gibt es wieder Tränen.

Nur noch eine Randfigur im Karstadt-Konzern

Denn der Verführer hat nicht gehalten, was er versprochen hat: Eigenes Geld in die maroden Karstadt-Filialen zu investieren, kein Personal abzubauen, den Umsatz zu steigern, Karstadt nicht zu filetieren und die Filetstücke nicht zu verkaufen wie ein x-beliebiger Private-Equity-Fonds. Nur, Nichts anderes ist die Berggruen Holding: ein ganz normaler Gewinnmaximierer. Ein wenig mutiger Investor, den dazu noch das Glück verlassen hat, so kann Berggruen sehen, wer ihm noch wohlgesinnt ist. Es gibt auch die Meinung, der Mann sei einfach abgezockt.

Nichts hat Berggruen unterm Strich in Karstadt an eigenem Geld gesteckt. Millionen hat er im Gegenteil aus den Lizenzgebühren zurückerhalten, die der Konzern ihm für die Nutzung des eigenen Namens zahlt, da Berggruen daran die Rechte erworben hat. Von den 300 Millionen Euro Erlös aus dem Verkauf der Sporthäuser und des Luxus-Alsterhauses in Hamburg, dem Kadewe in Berlin und dem Münchener Oberpollinger, die offiziell ins Unternehmen fließen sollen, könnte dank zahlreicher Überkreuzbeteiligungen letztlich ein Gutteil auf Berggruens Konto landen.

Statt dem vermeintlichen Altruisten entscheiden nun gemeinhin unbekannte ausländische Finanzjongleure über die Zukunft von 114 deutschen Warenhäusern und darüber, wie Deutschlands Innenstädte aussehen. Nicolas Berggruen, ohnehin nur noch Randfigur im Karstadt-Konzern, suche derweil eine elegante Gelegenheit, um den endgültigen Absprung zu schaffen, so vermuten es Beobachter. Die Enttäuschung des Jahres ist der Investor in jedem Fall schon heute.

Ein Milliardär im Hippie-Look

Zur Verführung gehört auch immer die, die sich verführen lassen. Hatte nicht Berggruens Vater Deutschland die riesige Kunstsammlung mit Werken von Picasso, Klee und Matisse weit unter Wert vermacht? Das war die Hintergrundmusik zum Karstadt-Deal des Jahres 2010. „Berggruen hatte diese emotionale Bindung an Berlin“, sagt noch heute der Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg über den größten Konkursfall seiner Karriere. Görg ist inzwischen im Ruhestand, doch der Fall Karstadt lässt ihn nicht los. Er will Verständnis dafür, an Berggruen verkauft zu haben, es habe keinen anderen Weg gegeben. „Karstadt war verderbliche Ware: pleite, das Weihnachtsgeschäft stand bevor, wir brauchten Geld, um Ware einzukaufen. Verstehen Sie das? Ich glaube nicht.“

Görg und Kollegen haben einen zweistelligen Millionenbetrag für ihre Mühen kassiert, doch zumindest versteckt sich der Mann nicht. Ursula von der Leyen, die als Arbeitsministerin im Karstadt-Haus Wange an Wange mit Berggruen posierte, die auf ministerlichem Papier Druck ausübte auf die Banken, den Weg frei zu machen für den Milliardär – sie befehligt inzwischen das Militär und geht in Deckung: Nicht ein Wort gibt es zur eigenen Rolle im Millionenspiel um Karstadt. Und die Gewerkschaft Verdi, die dem Retter Berggruen nahezu blind vertraute? Äußert sich nicht.

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