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Neurofinanzwissenschaften Sex, Geld, Gier und Hirnströme

02.02.2006 ·  Geld oder Sex - für das menschliche Gehirn scheinbar kein großer Unterschied. Das legen Hirnstrommessungen nahe. Nun hoffen die einen auf Doping für Börsianer, andere halten das Ganze lediglich für den jüngsten Irrsinn.

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Es war spät in der Nacht in einem Labor der Stanford University als Brian Knutson, Professor für Neurologie und Psychologie, eine überraschende Entdeckung machte. Unser Gehirn giert nach Geld, genauso wie nach Sex: Bei einem Orgasmus, einem Stimmungshoch durch Kokain oder dem Adrenalinstoß, Google unter 400 Dollar je Aktie zu kaufen, sind jeweils die gleichen neuronalen Netzströme aktiv.

Zu dem Schluß kam Knutson aufgrund von Gehirnstrommessungen, nachdem er im Mai 2004 in einem freiwilligen Versuch Studenten an Kernspintomographen angeschlossen hatte. In dem Teil des Gehirns, in dem erfreuliche Gefühle angesiedelt sind, pulsierte das Blut, als die Studenten Aktien- und Anleihegeschäfte durchführten. Auf Knutsons Radarschirm leuchtete diese Region des Gehirns, in dem der Kern der menschlichen Begierde sitzt, auf.

Die Impulse können dabei so stark sein, daß der Teil des Gehirns, wo der rationale Verstand angesiedelt ist, das Nachsehen hat. Damit legt sich Knutson mit der konventionellen Wirtschaftstheorie an. Diese behauptet, wenn es um Geld und Kapitalanlagen gehe, habe der Verstand das Sagen.

Das ist aber nur graue Theorie. In Wirklichkeit machen Investoren alle möglichen verrückten Sachen. Einige setzen mit verlustbringenden Investments ein Vermögen in den Sand, verdoppeln den Einsatz, wenn der Verstand ihnen sagt, sie sollten lieber aussteigen. Oder sie reizen ihre Glückssträhne bis zur bitteren Neige aus, statt Kasse zu machen.

Die Antwort in 96.000 Kilometern Nervenbahnen

Andere hingegen scheinen die Intuition, wann sie kaufen und verkaufen sollten, mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. In den siebziger Jahren machte Richard Dennis mit Terminkontrakten auf Rohstoffen aus ein paar Tausend Dollar ein Vermögen von 200 Millionen Dollar. In den neunziger Jahren zwang George Soros die Bank of England in die Knie, als er gegen das britische Pfund wettete und damit eine Milliarde Dollar verdiente. Warum werden nun einige Händler reich während andere als Verlierer enden? Die Antwort, sagt Knutson, liege in den 96.000 Kilometern an Nervenbahnen in unserem Hirn.

Die Ergebnisse seiner Studie haben unter einer kleinen Gruppe von Neurofinanzwissenschaftlern für Aufregung gesorgt. Diese Neurowissenschaftler und Psychologen erforschen das menschliche Gehirn, um etwas über das Anlegerverhalten zu erfahren. Dieser umstrittene Wissenschaftsbereich sei die nächste große Grenzwissenschaft für die Wall Street, sagt Daniel Kahneman, der 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine bahnbrechenden Arbeiten über Verhaltensmuster in der Finanzwelt erhielt.

Entwicklung von „Börsen-Doping“ vorstellbar

„Die Neurologie ist die Welle, die in die zukünftige Finanzwelt schwappt“, prognostiziert Kahneman. „Wer das Verständnis maximieren will, egal ob in der Forschung oder an der Wall Street, sollte sie sehr aufmerksam verfolgen.

Eines Tages werde die Analyse von Hirnströmen den Managern helfen, Veränderungen bei der Anlegerstimmung aufzuspüren, erwartet David Darst, Chefanlagestratege bei Morgan Stanley in New York. Es sei durchaus vorstellbar, daß Neurowissenschaftler psychoaktive Medikamente entwickeln, mit denen Händler besser und profitabler werden, sagen Knutson und andere Psychologen. In ein paar Jahren dürfte es Medikamente geben, die den Entscheidungsprozeß von Händlern um 20 bis 30 Prozent verbessern können, erwartet Zack Lynch, geschäftsführender Direktor der Beratungsgesellschaft Neuro-Insights in San Francisco. Wenn das funktioniert, dürfte es an der Wall Street hohe Wellen schlagen. „Die ganze Investment Community wird für diese Pillen Schlange stehen“, prognostiziert er.

Bislang nur Hoffnungen und Ankündigungen

Aber bisher sind in der Neurofinanzwissenschaft die Hoffnungen und Ankündigungen größer als die Ergebnisse. Viele Anlageexperten tun sie als Humbug ab. „Es ist der jüngste Irrsinn. Ich bezweifle, daß dabei etwas rauskommt“, erklärt Richard Michaud, Präsident von New Frontier Advisors LLC in Boston. Dem hält Knutson entgegen: Nur abwarten. „Wenn wir erst einmal wissen, wie die Maschinerie funktioniert, werden entsprechende Strategien, sie zum Einsatz zu bringen, bald folgen.“

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28.05.2012 17:45 Uhr
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