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Neues Verkehrskonzept Lastwagen an der Oberleitung

 ·  Die Regierung will eine von Siemens entwickelte Technik prüfen und vielleicht bald Lastwagen an Oberleitungen testen lassen. Die Realisierung würde mehr als 12 Milliarden Euro kosten.

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© dpa So könnte es künftig auf deutschen Autobahnen aussehen: Lastwagen mit Oberleitung

Schon vor langer Zeit hat Siemens eine Technik entwickelt, um Lastwagen auf Autobahnen an Oberleitungen mit Strom statt mit Diesel fahren zu lassen. Doch jetzt interessiert sich auch die Bundesregierung dafür. Das Verkehrsministerium lässt nach Informationen der F.A.Z. zurzeit durch nachgelagerte Forschungseinrichtungen die technischen Voraussetzungen des Vorhabens prüfen. Danach soll entschieden werden, ob die Durchführung des Projekts auf einem Teilstück einer Bundesfernstraße in Betracht gezogen werden kann. „Zur Klärung eines eventuellen Geschäftsmodells ist zwingend nach Klärung der technischen Fragen das Gespräch sowohl mit den Güterverkehrsverbänden als auch Lastwagenherstellern zu suchen“, heißt es in einem internen Papier des Verkehrsministeriums. Erst danach könne eine Teststrecke in Aussicht gestellt werden.

Hintergrund für die Überlegungen zum Elektro-Lastwagen ist ein gemeinsames Projekt des Umweltministeriums mit dem Münchner Technologiekonzern Siemens, das im Jahr 2011 abgeschlossen wurde. Die elektrische Energie wird dem Fahrzeug in dem Projekt über eine Oberleitung zugeführt. Siemens hat dazu von Daimler zwei Lastwagen der Atego-Reihe gekauft und diese den Anforderungen entsprechend als Dieselhybride umbauen lassen. Der Konzern lädt nach eigenen Angaben die Hersteller ein, sich an der nun gestarteten zweiten Projektphase zu beteiligen, um die Integration der Antriebstechnik und Stromabnehmer zu optimieren.

Teststrecke bislang ohne Kurve

Diese zweite Phase des Forschungsprojekts soll 2014 enden. Es geht bis dahin etwa um den Neubau einer Teststrecke, die im Gegensatz zur ersten nicht gerade verläuft, sondern eine S-Kurve bildet. Dabei arbeitet Siemens mit der Technischen Universität Dresden zusammen, um zum Beispiel die Integration der Antriebstechnik und die Bereitstellung der erforderlichen Verkehrssteuerungsinstrumente zu entwickeln.

Zudem dringt das Umweltministerium gemeinsam mit Siemens darauf, im nächsten Schritt einen Teilabschnitt einer Bundesautobahn mit einer Oberleitung auszurüsten, um das System erstmals in der Praxis zu erproben. Im Verkehrsministerium steht man der Sache offenbar aufgeschlossen gegenüber: „Das Projekt ist interessant und sollte vom Verkehrsministerium positiv begleitet werden, um nähere Informationen über seine technische Machbarkeit, die Kosten und die Einbettung in das Verkehrssystem, insbesondere in das Bundesautobahnennetz, zu gewinnen“, lautet das Urteil hochrangiger Beamter. Für das Konzept könnte ihrer Einschätzung nach sprechen, dass damit langfristig Kohlendioxid-Reduktionen im Lastwagen-Fernverkehr möglich wären. Gleichzeitig könnte vermutlich auch der Dieselverbrauch im Fernverkehr vermindert werden. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen schlägt dazu vor, die rechte Spur des Autobahnnetzes mit einem Oberleitungssystem auszustatten.

Doch zuvor müsste eine Fülle von technischen Details geklärt werden. Wie zuverlässig ist das System bei Eis, Regen und Schnee? Wie können Brücken und Tunnel elektrifiziert werden? Auch die dafür notwendigen Lastwagen würden sich stark verändern, weil sie künftig zwei Antriebe bräuchten: einen für Diesel und einen für Strom. Das beträfe den Stauraum, die Zuladung und das Nutzgewicht, die aufgrund des Wechselrichters beeinflusst würden. Auch der Verbrauch würde zunehmen, weil das Gewicht der Lastwagen größer würde. „Ferner ist eine Vielzahl von Sicherheitsfragen, die Wirtschaftlichkeit und Alltagstauglichkeit zu prüfen, bevor ein Versuch auf einer öffentlichen Straße, zudem auf einem Autobahnabschnitt unternommen wird“, heißt es aus dem Verkehrsministerium.

Siemens-Vorschlag: Hälfte des Autobahnnetzes mit Oberleitungen

Eines ist jedoch sicher: Die Sache würde zunächst einmal viel Geld kosten. „Siemens hat in einem mit dem Bundesumweltministerium abgestimmten Vortrag am 3. 5. 2012 vorgeschlagen, etwa die Hälfte des deutschen Autobahnnetzes mit Oberleitungen zu versehen“, stellt das interne Papier des Verkehrsministeriums fest. Die Kosten für rund 6000 elektrifizierte Autobahnkilometer würden von Siemens und dem Umweltministerium auf rund 12 Milliarden bis 15 Milliarden Euro geschätzt. Diese Berechnung lasse sich derzeit nicht nachvollziehen. In der Präsentation sei vorgeschlagen worden, die Kosten für Aufbau und Betrieb des Systems über eine Mauterhöhung von 1 bis 2 Cent zu refinanzieren.

Wenig begeistert von der Oberleitungstechnik zeigt sich der Verband der Autoindustrie (VDA). „Es ist richtig und wichtig, sämtliche Alternativen zu prüfen, die den Straßengüterverkehr nachhaltiger machen könnten. Dazu gehören auch Elektro-Lkw mit Oberleitungen. Es ist jedoch zweifelhaft, ob ein solches System alltagstauglich und finanzierbar ist“, sagte der für Technik verantwortliche VDA-Geschäftsführer Ulrich Eichhorn der F.A.Z. Hinzu kämen Mehrkosten für die Fahrzeuge, die neben dem Elektroantrieb für den Einsatz außerhalb elektrifizierter Strecken auch über einen Dieselmotor verfügen müssten. Zudem seien viele technische Fragen für eine großflächige Anwendung noch ungeklärt. Der Straßengüterverkehr sei grenzüberschreitend, daher könnte eine deutsche Insellösung für international agierende Spediteure zum Hemmschuh werden, warnt Eichhorn.

Wesentlich effizienter als solche Oberleitungen wäre seiner Einschätzung nach die Zulassung von Lang-Lastwagen auf der Autobahn in Deutschland. Damit könnten die Kohlendioxid-Emissionen des Straßengüterverkehrs um ein Drittel gesenkt werden - und das ohne Änderung an Infrastruktur oder Fahrzeug. Auch eine optimierte Aerodynamik und der Einsatz alternativer Antriebe und Kraftstoffe versprächen Erfolg.

Daimler priorisiert andere Projekte

Auch der Lastwagen-Weltmarktführer Daimler priorisiert andere Projekte, etwa die Hybridisierung. „Wir haben uns auch mit dem Siemens-Projekt einer Elektrifizierung von Fernstraßen befasst und entschieden, dieses Thema im Moment zwar aufmerksam zu beobachten, aber nicht im Rahmen unserer Vorentwicklungsaktivitäten aktiv zu werden“, sagte ein Daimler-Sprecher. Hinter vorgehaltener Hand wird das Projekt auch von den Speditionen, den Hauptbetroffenen, mit gewisser Skepsis beobachtet. So scheint es Bedenken zu geben, dass der Lastwagenverkehr an Flexibilität verlieren und somit seinen wichtigsten Vorzug gegenüber der schienengebundenen Bahn einbüßen könnte. Damit einher geht die Sorge, im Wettbewerb mit der Bahn als Gütertransporteur ins Hintertreffen zu geraten.

Skeptiker führen auch an, dass die Nutzung der Oberleitungstechnik kaum grenzüberschreitend möglich wäre. Internationale Speditionen könnten teuer erworbenen Hochtechnologie-Fahrzeuge somit nur eingeschränkt einsetzen. Siemens hält dagegen, dass das Konzept nicht unbedingt flächendeckend oder über lange Überlandstrecken angewendet würde, sondern vor allem auf hochfrequentierten Strecken - etwa für den Pendelverkehr zwischen Häfen und Güterverkehrszentren oder als Anbindung von Minen an zentrale Lager sowie Häfen.

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