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Neues Energiekonzept Mein Haus wird klimaneutral

19.09.2010 ·  Die Bundesregierung drängt auf ein neues Energiekonzept. Doch die Sanierung von alten Gebäuden ist teuer. Aber sie rechnet sich fast immer. Oft sogar schon nach kurzer Zeit.

Von Nadine Oberhuber
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Könnte man die Energie, die in Worten steckt, nutzbar machen, könnte Deutschland bald ein paar Atomkraftwerke vorzeitig ausschalten. Denn die Debatte ist hitzig, dabei liegen erst ein paar Eckpunkte auf dem Tisch. Das Ziel der Bundesregierung ist aber klar definiert: Sie will mit dem Energiekonzept den CO2-Ausstoß per Gesetz drastisch senken und deshalb alle Hausbesitzer verdonnern, ihre Gebäude zu sanieren. Für viel Geld.

(Am Beispiel: Vier Häuser und ihr Klima)

Das soll sich fürs Klima lohnen, denn der Immobilienbestand verpulvert knapp die Hälfte der hierzulande verbrauchten Energie und ist verantwortlich für ein Drittel der CO2-Emissionen. Der Großteil aller Wohnhäuser wurde nämlich vor 1979 errichtet, bevor es erste Wärmeschutzverordnungen gab. Entsprechend wenig haben die Bauherren auf Dämmung und Dichtigkeit geachtet. Das sollen die Besitzer nun nachholen. Denn würden alle Gebäude umweltfreundlich umgerüstet, ließe sich bis 2020 ein Fünftel der Energie sparen, bis 2050 sogar 80 Prozent, sagen Berechnungen des Wirtschaftsministeriums. Das Ziel der Regierung ist, bis 2050 möglichst alle Häuser zu Nullemissionshäusern zu machen. Das heißt, dass sie die Restenergie, die sie verbrauchen, aus erneuerbaren Energiequellen beziehen.

Das Ziel ist ehrgeizig und klingt nach einer guten Idee. Trotzdem erhitzt es die Gemüter, denn die Umrüstung wird richtig teuer, nicht nur für die Besitzer, sondern auch für Mieter. Denn Vermieter werden die Kosten über Mieterhöhungen umlegen.

„Das kann keiner bezahlen“

Auf 2,4 Billionen Euro veranschlagt der Eigentümerverband Haus und Grund die Kosten, die bundesweit für die Sanierung zu schultern seien. Jeder Eigentümer müsse knapp 1000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche in die Hand nehmen. Nicht, wenn er gerade Geld hat, sondern wenn das geplante Gesetz es von ihm verlangt, wettert der Verband. Auch Mieter könnten sich warm anziehen: Die Kaltmiete je Quadratmeter werde um zehn Euro steigen. Eine Wohnung mit 70 Quadratmetern kostete dann rund 700 Euro mehr pro Monat. In Großstädten wie München oder Frankfurt wäre das etwa eine Verdopplung, in Berlin eine Verdreifachung. „Und das ist noch konservativ gerechnet“, sagt Haus-und-Grund-Generalsekretär Andreas Stücke, „das kann keiner bezahlen, weder Besitzer noch Mieter.“ Für ihn ist klar: „Eigentümer werden kalt enteignet. Das ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.“

Scheitert das Energiekonzept also am Grundgesetz? Juraprofessor Wolfgang Kahl, Direktor der Forschungsstelle für Nachhaltigkeitsrecht und Spezialist für Umweltenergierecht an der Universität Heidelberg, glaubt das nicht: „Pauschale Aussagen über die Verfassungsmäßigkeit sind nicht möglich und zudem unseriös. Wenn es eine differenzierte gesetzliche Regelung zur Sanierungspflicht gibt, steht sie dem Eigentumsgrundrecht nicht entgegen.“ Denn sowohl der Klimaschutz als auch der Eigentumsschutz besäßen Verfassungsrang, „deshalb kann keinem von beiden ohne weiteres der Vorzug eingeräumt werden“.

Die Mieten werden steigen

Die Regierung müsse nur einen „verhältnismäßigen Ausgleich“ herstellen, das heißt: Wenn sich die Kosten rechnen, weil die Bewohner Energie sparen und Vermieter einen Teil der Kosten umlegen können, wenn der Staat durch Zuschüsse die Kosten mildert und die Fristen so großzügig setzt, dass genug Zeit zum Umrüsten bleibt, wäre die Sanierungspflicht durchaus verfassungsgemäß. „Die Befürchtungen zur Belastung der Hauseigentümer“, sagt Kahl, „entbehren jeder Grundlage“.

Selbst der Mieterbund beschwichtigt: „Das Klimaziel ist richtig, und das Geld werden Eigentümer, Mieter und der Staat über Fördermittel gemeinsam aufbringen müssen. Aber die Zahlen, die da kursieren, halten wir für übertrieben“, sagt Ulrich Ropertz vom Mieterbund. Die Mieten werden steigen, wenn das Gesetz Realität wird. Aber, so hat Reiner Wild vom Mieterverein Berlin in einer Befragung ermittelt: Bisher schlugen Vermieter nach einer energetischen Sanierung im Schnitt 1,40 Euro pro Quadratmeter auf. Dafür sparten die Mieter knapp 50 Cent Heizkosten pro Quadratmeter.

Trugschluss: Nicht die Baukosten sind das Teure

Die Zahlen, die derzeit Hausbesitzer schrecken, findet auch Stephan Kohler überzogen, der Chef der Deutschen Energieagentur: „Große Zahlen haben wir auch parat“, sagt er und macht die Gegenrechnung auf: „Beim heutigen Stand unserer Gebäude geben wir jährlich 50 Milliarden Euro für Energie aus. Geht man von einer Preissteigerung um drei Prozent pro Jahr aus, sind das vier Billionen Euro bis 2050.“ Weil ein Großteil davon durchs Umrüsten wegfiele, wären die über zwei Billionen Euro für den Umbau gut angelegt. Für Eigentümer lohne sich die Sanierung auf jeden Fall. Zumal die weniger koste als vielfach behauptet.

Die Energieagentur hat Hunderte von Sanierungen dokumentiert: Meist werden Fassaden, Keller und Dachstühle gedämmt, neue Fenster eingesetzt, Heizanlagen eingebaut und seltener auch Solaranlagen oder Erdwärmepumpen installiert. Im Schnitt sparen Hausbesitzer damit 80 Prozent der Energiekosten. Und: Nach etwa 15 Jahren haben sie die Investitionen wieder raus. Das große Klagen beruht nach Kohlers Ansicht auf einem Trugschluss: „Die meisten Leute glauben, die Baukosten seien das Teure, und wenn das Haus stehe, koste es fast nichts mehr. Tatsächlich machen Baukosten über die gesamte Lebenszeit nur 15 Prozent aus – und 80 Prozent entfallen auf die Betriebskosten, vor allem den Energieverbrauch. Wenn man da sparen kann, lohnen sich ein paar Prozent mehr für den Baukörper allemal.“

40 Jahre für die Umrüstung

Wie teuer eine Sanierung ist, lässt sich schwer vereinheitlichen. Es hängt wenig vom Gebäudealter ab. Eher vom Haustyp, Materialien und Handwerkerpreisen der Region. Manche Einfamilienhausbesitzer kommen mit 37.000 Euro hin, andere landen bei 67.000 Euro. Damit ist ein Haus mit rund 300 Quadratmetern Grundfläche dann auf dem Standard, den sich die Regierung bis 2050 wünscht.

Natürlich ist das viel Geld. Aber dafür hätten die Besitzer 40 Jahre Zeit. „Niemand zwingt einen 30-Jährigen, der alles in eine Immobilie gesteckt hat, sofort eine Sanierung vorzunehmen“, sagt Kohler. „Zudem wird es Ausnahmen für soziale Härtefälle oder denkmalgeschützte Gebäude geben“, heißt es im Bundesumweltministerium. Ab 2020, so der Regierungsplan, müssen zuerst die Häuser umgerüstet werden, die am schlechtesten dastehen. Was nicht notgedrungen die ältesten sein müssen. Die meisten 50er Jahre-Häuser haben eine viel üblere Energiebilanz. Und von denen müssen ohnehin viele in den kommenden 20 Jahren saniert werden, weil der Putz blättert oder die Fenster hinüber sind. Bei solchen Reparaturen lohnt es, gleich energetisch zu sanieren, dann machen die Zusatzkosten nur 30 Prozent aus.

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau vergibt dafür billige Darlehen. In der Regel wiegt die jährliche Energieersparnis die Kosten für Zins und Tilgung auf. „Der Staat aber“, mahnt Volker Gustedt von der Energieagentur, „muss bei den Fördermitteln noch deutlich nachlegen, die er gerade um die Hälfte gekürzt hat. Dann fangen viele sogar vor 2020 mit Umrüsten an.“

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Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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