21.05.2007 · Mit Peter Löscher hat Siemens-Aufsichtsratschef Cromme ein Versprechen eingelöst. Der künftige Vorstandschef markiert einen Neuanfang bei der Aufdeckung der Schmiergeld- und Korruptionsaffäre, die seinen Aufstieg an die Spitze des Konzerns überhaupt erst möglich gemacht hat.
Von Carsten KnopDas Raten hat ein Ende. Siemens-Aufsichtsratsvorsitzender Gerhard Cromme hat einen Nachfolger für den scheidenden Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld gefunden - und er hat dafür gar nicht so lange gebraucht, wie nach der Absage des Linde-Chefs Wolfgang Reitzle vermutet worden war.
Die Berufung des Österreichers Peter Löscher, zurzeit als Vertriebs- und Marketingvorstand beim amerikanischen Pharmakonzern Merck & Co. tätig, ist eine Überraschung. Keiner der öffentlich kolportierten Kandidaten für den Siemens-Chefsessel mit Ausnahme von Reitzle ist von Cromme jemals angesprochen worden. Vielmehr wird mit Löscher Crommes Versprechen eindrucksvoll eingelöst, es müsse sich um einen Manager mit internationaler Erfahrung und deutschem Hintergrund handeln, ohne dafür die Liste der üblichen Verdächtigen angezapft zu haben.
Dafür nimmt Cromme in Kauf, mit Löscher einen außerhalb der Pharma- und Gesundheitsbranche weitgehend unbekannten Manager als neuen Chef des Hauses Siemens zu präsentieren, den Mitarbeiter, Kunden und die Akteure an den Finanzmärkten erst einmal genauer unter die Lupe nehmen müssen. Ein Blick auf seinen Lebenslauf, eine erste Lektüre von Texten, die Löscher über sich selbst geschrieben hat, fällt dabei befriedigend aus. Mitarbeiter können auf die positiven Erfahrungen aus Integrationsarbeiten bauen, die Löscher an anderer Stelle geleistet hat. Kundennähe unterstellt Löschers heutige Vertriebsfunktion bei Merck & Co., und die Kapitalmärkte wird es freuen, dass Löscher als Projektmanager für die Einführung der Hoechst-Aktie an der Wall Street zuständig und zuletzt in zwei amerikanischen Unternehmen tätig war, die unter engster Beobachtung vieler Wall- Street-Analysten stehen.
Vor allem aber markiert Löscher einen Neuanfang bei der Aufdeckung der Schmiergeld- und Korruptionsaffäre, die seinen Aufstieg an die Spitze des Konzerns überhaupt erst möglich gemacht hat. Dieser Neuanfang dürfte dem Siemens-Aufsichtsrat besonders wichtig gewesen sein. Löscher muss innerhalb der gewachsenen Strukturen keinerlei Rücksicht nehmen und weiß aus seinen vorangegangenen Tätigkeiten um die Bedeutung und Einstellung der amerikanischen Wertpapieraufsichtsbehörde SEC.
Nicht zuletzt spricht für Löscher, dass er als Vorstand eines amerikanischen Unternehmens kurzfristig verfügbar ist. Aus Crommes Umgebung heißt es, Löscher sei immer der Wunschkandidat gewesen. Deshalb sollte Löscher sich gegenüber Cromme aber nicht zu allzu großer Dankbarkeit verpflichtet fühlen - und auch nicht gegenüber den Arbeitnehmern, die ihn mit ihren lobenden Worten sogleich verpflichten, keine „Kahlschlagpolitik“ umzusetzen. Willkommen in Deutschland.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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