02.04.2009 · Rüdiger Grube gilt als Mann, der es versteht, politische Fallstricke zu vermeiden. Diese Fähigkeit wird er auch als Bahn-Chef brauchen. Allerdings stand der 57-Jährige bisher kaum in der Öffentlichkeit - nun wird ihn ein ganzes Land beobachten.
Von Susanne Preuss und Kerstin SchwennAm Abend der Verkündung wollten es plötzlich alle gewesen sein: Zuerst reklamierte die SPD für sich, ihr Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier habe vorgeschlagen, den 57 Jahre alten Daimler-Manager Rüdiger Grube an die Spitze der Deutschen Bahn zu stellen. Vom G-20-Gipfel in London aus ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel umgehend ausrichten, sie selbst habe Grube der kleinen Kabinettsrunde im Kanzleramt in der Nacht zu Mittwoch empfohlen.
Später hieß es, der scheidende Bahnchef Hartmut Mehdorn habe die Bundesregierung auf Grube aufmerksam gemacht; schließlich handele es sich um seinen ehemaligen Büroleiter aus Airbus-Zeiten Anfang der neunziger Jahre. Und weil der Erfolg viele Väter hat und einer da nicht fehlen darf, teilte Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee am Donnerstagmorgen mit, er werde Grube dem Bahn-Aufsichtsrat offerieren. Auch der Aufsichtsratsvorsitzende Werner Müller wird seinen Anteil im Bahnchef-Findungsprozess gewiss noch darlegen.
Der Erfolg, wenn er denn eintritt, hat viele Väter (und Mütter), der Misserfolg ist ein Waisenkind. Wie die Bilanz von „Bahnchef Grube“ dereinst aussehen wird, muss abgewartet werden. Er übernimmt die Bahn mit Rekordumsatz und -gewinn. Doch die Wirtschaftskrise hat den Konzern längst erfasst. Schon jetzt ist klar: Der Einbruch im Güterverkehr wird Grube die Bilanz 2009 voraussichtlich reichlich verhageln.
Undankbare Aufgaben bei Daimler gemacht
Seine Bilanz bei Daimler ist durchaus zwiespältig. Dort galt der Strategievorstand nach dem Abgang von Konzernchef Jürgen Schrempp im Sommer 2005 schon als Auslaufmodell. Denn die milliardenteuren Fehlentwicklungen, die in der Ära Schrempp als Schaffung einer Welt AG beworben wurden, hat Grube mit zu verantworten. 1998 tüftelte er die Fusion mit Chrysler im Geheimen aus und versuchte danach – letztlich vergeblich – die Integration der beiden so unterschiedlichen Autohersteller voranzutreiben. Im Frühjahr 2004, als die Globalisierungsstrategie des Konzerns mit dem Rückzug bei Mitsubishi erste tiefe Risse bekam und über die künftige Strategie im Daimler-Vorstand ein Machtkampf ausgefochten wurde, soll Grube seinen Rücktritt angeboten haben.
Tatsächlich blieb er aber an Bord, auch als Anfang 2006 Dieter Zetsche die Konzernführung übernahm. Grubes Aufgaben wurden nun freilich undankbar: Jetzt ging es um die Rückabwicklung des Chrysler-Deals. Auch bei MTU musste Grube die Rolle rückwärts machen: Während er unter Schrempp den Verkauf des Motorenspezialisten an einen Finanzinvestor vorangetrieben hatte, um mit dem Geld Milliardenlöcher zu stopfen, stieg Daimler unter Zetsches Führung bei dem mittlerweile unter dem Namen Tognum im M-Dax notierten Traditionsunternehmen wieder ein. Das Asiengeschäft, das jahrelang sträflich vernachlässigt worden war, sollte Grube nebenbei vorantreiben, wobei er aber nur mäßige Erfolge vorweisen konnte.
Der Öffentlichkeit bisher kaum bekannt
Den persönlichen Neigungen des promovierten Ingenieurs, der am 2. August 1951 in Hamburg geboren ist, auch seine Studienzeit dort verbrachte und der sich dabei auf Fahrzeugbau und Flugzeugtechnik spezialisierte, entsprach wohl am ehesten die Aufgabe, die Interessen des Großaktionärs Daimler beim Luft- und Raumfahrtkonzern EADS wahrzunehmen. Weil er kein Interesse daran erkennen lässt, im Vordergrund zu stehen, ist es ihm mit seiner freundlichen, diplomatischen Art offenbar gut gelungen, die Fallstricke des politisch geprägten Geschäfts der EADS zu umgehen.
Der Öffentlichkeit ist Grube bisher kaum bekannt, obwohl er seit 2001 Daimler-Vorstand ist und seit 2007 den EADS-Verwaltungsrat leitet, zunächst zusammen mit dem Franzosen Arnaud Lagardère, seit der Abschaffung der deutsch-französischen Doppelspitze Ende 2007 allein. Die Öffentlichkeitsarbeit überließ er dem EADS-Vorstandsvorsitzenden Louis Gallois (früher Präsident der Staatsbahn SNCF) und Airbus-Chef Thomas Enders.
Ein ganzes Land wird ihn beobachten
In öffentlichen Auftritten – wie etwa auf der FIW-Wettbewerbstagung im Februar in Innsbruck – präsentierte Grube sein Unternehmen EADS mit Verve und großem Selbstbewusstsein. Die Kommentierung seiner bisherigen Arbeit lässt sich derweil fast nahtlos auf seine neue Aufgabe übertragen. So sagte er in Innsbruck, er arbeite in einer Branche, in der „der Dialog mit der Politik der bestimmende Faktor“ sei. Das gilt für ein Unternehmen wie EADS, das (nicht nur in seiner militärischen Produktion) zu einem erheblichen Teil von Staatsaufträgen lebt, ebenso wie für die Bahn, deren Börsengang bis auf weiteres aufgeschoben ist und die damit in Staatshand bleibt. Grube sagt in Innsbruck auch: „Wettbewerb ist nur gut, wenn alle dieselben Rahmenbedingungen haben.“ Und – als Antwort auf die Forderung nach Staatshilfen in der Krise: „Es muss nicht schlecht sein, wenn der Staat strategische Industrien so absichert, das es ihnen möglich ist, ein weltweiter Player zu sein.“
In Berlin muss Grube, der von seinem Vorgänger nicht nur den Vornamen „Bahnchef“ erbt, künftig einen Drahtseilakt fortsetzen: mit dem Eigentümer Bund, der sich nicht entscheiden mag, ob die Bahn ein Wirtschaftsunternehmen mit Renditezielen oder ein Staatsbetrieb der Daseinsvorsorge sein soll. Bei diesem Kunststück wird ihn ein ganzes Land beobachten – das mag mehr Öffentlichkeit sein, als ihm bisher lieb war.
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