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Neue Umgangsformen Ende der Ära Zumwinkel - Ende der Deutschland AG

15.02.2008 ·  Mit Zumwinkel ist einer der letzten Vertreter der alten Deutschland AG ins Fadenkreuz von Staatsanwälten und Steuerfahndern geraten. Mit der Orientierung der Manager an den Wünschen der Aktionäre haben auch in Deutschland neue Umgangsformen Einzug gehalten. Ein Verfall der Sitten?

Von Holger Steltzner
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Der Verdacht gegen Klaus Zumwinkel erschüttert Deutschlands Wirtschaftselite. Die Reaktionen der Manager schwanken zwischen Bestürzung und Unglauben. Mit Zumwinkel, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post und Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Telekom, ist einer der letzten Vertreter der alten Deutschland AG und dazu noch einer der „Guten“ ins Fadenkreuz von Staatsanwälten, Steuerfahndern und Richtern geraten.

Er galt eigentlich schon immer als Saubermann unter den Managern, als jemand, dem man die Appelle an Moral und Verantwortung abnahm. Er verstand es wie kein anderer Manager, sein eng geknüpftes Netz bester Kontakte zur Politik, zu Gewerkschaften und Unternehmensführern aus der ganzen Welt zu nutzen - für die Post und für ihn selbst. Nicht gegen, sondern mit den Mitarbeitern und den Gewerkschaften baute er in achtzehn Jahren aus der Beamtenpost einen Logistik-Weltkonzern, wobei er die internationale Einkaufstour mit den Gewinnen aus dem Briefmonopol finanzierte. Doch diese Erfolge sind Vergangenheit.

Medial perfekt inszeniert

Das Unternehmen Deutsche Post befindet sich im Ausnahmezustand. Die Bilder vom Chef, der im Polizeifahrzeug zur Vernehmung gefahren wird, hat die Mitarbeiter schockiert. Von wem auch immer, die Durchsuchungen sind sorgfältig vorbereitet und medial perfekt inszeniert worden. Staatsanwälte, Fahnder und Fernsehkameras standen morgens früh um sieben vor Zumwinkels Haus in Köln: Die Jagd ist eröffnet. Im Vorstand und im Aufsichtsrat herrscht Ratlosigkeit. Was ist dran an den Vorwürfen, Zumwinkel habe Geld seiner Stiftung nach Liechtenstein gebracht und dort nicht versteuert? Ist es sein Bruder, der sich um das Familienvermögen kümmert? Was hat Klaus Zumwinkel gewusst oder getan? Die Ermittler werden Monate brauchen, um Antworten zu bekommen. Es gibt ein prominentes Wirtschaftsverfahren aus der Computerwelt, in der die Unschuldsvermutung durch die Ermittlungen bestätigt wurde. In einem Gegenbeispiel aus einem Bankenturm führte eine Steuerstrafsache hingegen zum Urteil. Für Zumwinkel gilt also erst einmal die Unschuldsvermutung.

Die Deutsche Post kann aber nicht auf den Abschluss der Ermittlungen warten. Zumwinkels Ruf ist seit der Selbstbedienung am Tisch der Großen Koalition angekratzt. Im Dezember zaubert der Strippenzieher im Auftrag des früheren Arbeitsministers Müntefering einen neuen Arbeitgeberverband für Briefdienste aus dem Hut, einigt sich mit den Gewerkschaften auf einen hohen Post-Mindestlohn, was zu Massenentlassung beim Wettbewerber führt. Als daraufhin die Aktionäre an der Börse jubeln, macht Zumwinkel Kasse, verkauft Aktien und streicht einen Millionenprofit ein. Dafür hat er sich entschuldigt. Nun ist sein Ruf in der veröffentlichten Meinung ruiniert.

Die Reaktion der Börse wird Zumwinkel als zynisch empfinden

In der Deutschen Post nähert sich die Ära Zumwinkel einem vorgezogenen Ende. Die Pläne für einen geräuschlosen Übergang auf den gewünschten Nachfolger und seinen Wechsel in die Position des Aufsichtsratsvorsitzenden sind erst einmal eingefroren, vielleicht sogar hinfällig. Die Reaktion der Börse wird Zumwinkel als zynisch empfinden. Den Bildern der Durchsuchung folgten kräftige Kursgewinne für die Postaktie. Darin drückt sich die Hoffnung der Aktionäre aus, dass sein Nachfolger stärker den Wünschen des Kapitalmarkts folgen werde. Das zeigt, wo die Börsianer Zumwinkel verorten, nämlich als letzten Vertreter des rheinischen Korporatismus, als das Eingehen auf Wünsche der Politiker und der geschmeidige Umgang mit den Gewerkschaften nicht nur zum guten Ton gehörten, sondern oft auch unternehmerischen Erfolg begründeten. Heute gibt es kaum noch Konzernführer, die nicht den Eindruck vermitteln, von Quartalsberichten und Börsenhüpfern getrieben zu werden. Es scheint, als sei Zumwinkel aus der Zeit gefallen.

Viele werden seinen Fall als weiteren Beleg für das Abkassieren in den Chefetagen nehmen, die Manager an den Pranger stellen und den Börsenkapitalismus geißeln. Manchem mag das Erinnern an die Deutschland AG das Herz wärmen, als noch politisch-wirtschaftliche Netzwerke Einfluss versprachen und die kühle Kalkulation der Börse nicht eine so große Macht ausübte. Doch wieso müssen heute fast alle prominenten Vertreter aus der vermeintlich guten alten Zeit Rechtsanwälte beschäftigen? Hartz von Volkswagen vergleicht sich mit dem Gericht, Breuer von der Deutschen Bank kämpft vor Gericht mit dem Filmhändler Kirch, Pierer von Siemens wehrt sich gegen Bestechungsvorwürfe und Zumwinkel nimmt sich Steuerfachanwälte.

Mit der Orientierung der Manager an den Wünschen der Aktionäre, die in der ganzen Welt zu beobachten ist, haben auch in Deutschland neue Umgangsformen Einzug gehalten. Das mag man bedauern, aber Eigentümer dürfen ihre Rechte wahrnehmen. Zu den neuen Spielregeln gehört, dass Fehlverhalten sanktioniert wird. Die sich häufenden Skandale der jüngeren deutschen Unternehmensgeschichte können also nicht nur als Verfall der Sitten, sondern vielmehr als großes Reinemachen gesehen werden.

Quelle: F.A.Z., 15.02.2008, Nr. 39 / Seite 1
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