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Neue Studie : Solarausbau kostet Deutschland mehr als 110 Milliarden Euro

Aus Sonnenkraft wird Strom. Das wird teuer für die Verbraucher, sagt eine neue Studie. Bild: Helmut Fricke / F.A.Z.

Kaum positive Wirtschafts- und Klimaeffekte: Die Bilanz, die das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI zum Photovoltaik-Ausbau zieht, ist ernüchternd. Dabei werde er die Stromkunden mehr als 110 Milliarden Euro kosten, schreiben die Forscher in der Studie, die der F.A.Z. vorliegt.

          Der Ausbau der Energieerzeugung durch Photovoltaikanlagen wird Deutschlands Stromkunden mindestens 111 Milliarden Euro kosten. Das ergeben neue Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), die der F.A.Z. vorliegen. Allein der Ausbau bis zu dem neuen Förderdeckel von 52 Gigawatt (GW) Leistung wird trotz stark sinkender Einspeisevergütung noch Zahlungen von 11,8 Milliarden Euro auslösen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Geht der Ausbau weiter schneller voran, als die Regierung kalkuliert, könnte es noch anderthalb Milliarden Euro teurer werden. 2015 dürfte die Subvention so stark gesunken sein, dass es lukrativer wird, den Sonnenstrom an der Börse zu verkaufen - womit die von der Regierung als Fördergrenze ausgerufene Marke von 52 GW gar nicht erreicht würde.

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          Doch die Rechnung für den Sonnenstrom, dessen Abnahmepreis den Erzeugern für 20 Jahre garantiert ist, wird den Verbrauchern erst noch zugestellt. „Vor der Schlussfolgerung, dass wir das Schlimmste nun bald hinter uns hätten, muss man sehr warnen“, sagt RWI-Forscher Manuel Frondel. Allein für die in den vergangenen zwölf Jahren installierten PV-Anlagen müssten rund 100 Milliarden Euro aufgebracht werden, wovon aber erst 15 Milliarden Euro bezahlt sein. 85 Milliarden Euro stünden noch aus. Mit den bis zu 13,3 Milliarden Euro, die laut Frondel bis 2015 noch dazukommen könnten, macht das eine offene Solarstromrechnung von fast 100 Milliarden Euro.

          Bei den Zahlen handelt es sich um Nettokosten, also die um den erwarteten Verkaufserlös bereinigte Einspeisevergütung für private und gewerbliche PV-Betreiber bei einer Betriebsdauer von 850 Stunden im Jahr. Die Beträge spiegeln damit die durch PV-Förderung ausgelösten Zusatzkosten für die Volkswirtschaft wider.

          Allerdings ist die Rechnung nicht vollständig. Sie enthält keine indirekten Kosten, die stark ansteigen dürften. „Mit zunehmendem PV-Ausbau kommen sich Wind- und Solarstrom immer mehr ins Gehege, und die Häufigkeit, mit der Windstromanlagen im Sommer abgeschaltet werden müssen, wird stark zunehmen,“ sagt Frondel. Doch werde auch nicht eingespeister Windstrom vergütet. „Die Doppelzahlungen werden stark zunehmen, ebenso wie viele andere indirekte Kosten, zum Beispiel der notwendige Ausbau der Verteilnetze,“ fügt der RWI-Mann hinzu.

          Sein Kollege Georg Erdmann von der Technischen Universität Berlin hat die indirekten Kosten, unter anderem für den Ausbau der Stromübertragungs- und verteilnetze, auf 85 Milliarden Euro berechnet. Er ist einer der vier von der Regierung berufenen Fachleute, die das Gelingen der Energiewende überwachen. Die Förderkosten des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) schätzt er nach der jüngsten Kürzung für alle Ökostromerzeuger Wind, Sonne, Wasser, Biomasse und Geothermie auf 220 bis 250 Milliarden Euro.

          Setzt man das mit den Berechnungen des RWI in Bezug, würde fast die Hälfte der gesamten Ökostromförderung für PV-Anlagen ausgegeben, obwohl diese nur einen Bruchteil des Ökostroms erzeugen.

          Auch sonst stellt das RWI dem deutschen Fördersystem kein gutes Zeugnis aus. In einem gerade veröffentlichten Forschungspapier, in dem der Wirtschaftsweise und RWI-Chef Christoph Schmidt als Co-Autor fungiert, wird eine starke Belastung der Budgets von Verbrauchern und Unternehmen beklagt, die durch das EEG von „vermutlich lukrativeren Investments“ abgehalten würden. Auch falle der größte Arbeitsplatzeffekt der PV-Förderung im Ausland an, schließlich würden die meisten Anlagen eingeführt. Die Kostensenkungen neuer PV-Module seien immer stärker gewesen, als die staatlich veranlassten Kürzungen der Einspeisegebühr. Trotzdem seien hiesige Hersteller nicht wettbewerbsfähig, wie die vielen Insolvenzen zeigten.

          Auch die Klimabilanz der PV-Anlagen sehen sie kritisch. Einerseits werde der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2 )durch das EU-Emissionshandelssystem begrenzt, anderseits lägen die Vermeidungskosten je Tonne CO2 bei Solaranlagen ein Vielfaches über dem Börsenpreis von 7 bis 8 Euro je Tonne CO2. Bei PV-Anlagen, die 2008 und vorher installiert wurden, betrügen die Vermeidungskosten je Tonne CO2 mehr als 700 Euro, fast das Hundertfache des Börsenpreises.

          Steigende Strompreise könnten die Zustimmung der Bürger zu Ökostrom gefährden. Auch gebe es eine soziale Schieflage: Haushalte mit geringem Einkommen seine überproportional von steigenden Kosten betroffen. Notwendig sei eine grundlegende Reform des EEG. Darin stimmen sie mit dem Sachverständigenrat, der Monopolkommission und der Internationalen Energieagentur überein. 

          Quelle: F.A.Z.

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